Gipfeltreffen der Klassik So war das Konzert von Anna Netrebko und Jonas Kaufmann auf dem Königsplatz

Ildar Abdrazakov gibt Anna Netrebko einen Handkuss. Foto: dpa

Anna Netrebko, Jonas Kaufmann und Thomas Hampson begeistern mit Opern-Hits auf dem Königsplatz.

 

Das Zittern vor dem Beginn ist die Würze aller Konzerte an der frischen Luft. Erst war die Netrebko krank, dann musste der Bariton absagen. Und eine Stunde vor Beginn dräuten von Westen Gewitterwolken. Doch wenn sich 12 500 Leute auf dem nicht ganz vollen Königsplatz sich ganz fest was wünschen, geht es in Erfüllung. Und so fielen höchsten ein paar Tropfen in die laue Sommernacht.

Die Janácek Philharmonie Ostrava kämpfte sich unter Claudio Vandelli tapfer durch Verdis erfreulich kurze Ouvertüre zu „Luisa Miller“. Dann erschien das Solisten-Quintett. Jonas Kaufmann pries den Musiksinn seiner Heimatstadt München. Und die fünf Solisten wünschten dem an einem Tumor erkrankten Dmitri Hvorostovsky von Herzen gute Besserung – deutsch und russisch.

Vorsicht, Drama!

Kaufmann begann mit der Tenor-Romanze aus „Aida“: ohne Allüren, dafür mit einem leise gehauchten Schluss. Die Netrebko erschien – in Flaschengrün und einer klobigen Kosakenjacke. Sie tauschte die ursprünglich vorgesehene Szene aus dem ersten „Aida“-Akt gegen die wehmütige Nil-Arie. In der zweiten Halbzeit blieb dann das Kraftstück „In questa reggia“ aus „Turandot“ im Koffer – eine Folge der Krankheitspause vor dem Konzert?

Vor der Pause gab es überwiegend verhaltene Nummern. Elena Zhidkova überraschte mit der französischen Version der Eboli-Arie, Jonas Kaufmann und Thomas Hampson beendeten das freurige Freundschaftsduett aus „Don Carlos“ mit einem großen Handschlag.

Ein Vorrat guter Laune, der mindestens für eine Woche ausreicht

Die Netrebko zog sich silbern-schwarz um. Zu ihrer Nummer aus Cileas „Adriana“ wehten wummernde Bässe eines nahen Pop-Events herüber. Hampson wirkte beim Credo des Schurken Jago auch mit abgenommener Brille nur halb so dämonisch wie der famose Ildar Abdrazakov in der Verleumdungsarie aus Rossinis „Barbiere“.

Für das Traumpaar gab’s ein Happy End mit Riesenbussi: Davor wandte Kaufmann sich beim Duett „O suave fanciulla“ aus Puccinis „La Bohème“ denkwürdig lässig mit der Geste „Dann steig’ mir doch den Hut ‘nauf“ ab, als Netrebkos Mimi auf g’schamig machte.

Vor allem jene, die gar nicht da waren, pflegen die Nase kulturkritisch über solche Klassik-Großereignisse zu rümpfen. Aber derlei Dünkel ist unangebracht: Große Sänger wie die Netrebko, Kaufmann und Hampson schaffen es auch auf einem Riesenplatz, die Stimmung der jeweiligen Opernszene zu beschwören.

Wonniger Wohllaut

Hier wirken leise Töne oft besser als ein schneidiger Spitzenton. Und die Verstärkung tönt, zumindestens in den vorderen Reihen, ausgesprochen natürlich.

Nach Kaufmanns triumphalem „Nessun dorma“ sprangen die ersten begeistert von ihren teuren Sitzen. Danach folgten aufgeräumte Zugaben: Abdrazakov röhrte eine tiefer gelegte Version des Tenor-Macho-Klassikers „Granada“. Zu den Zwischenspielen riskierten die übrigen Sänger ein vernügtes Tänzchen. Hampson sang mit Charme eine Cole-Porter-Nummer, die Netrebko verwandelte sich in Kálmáns „Csárdásfürstin“.

Als Finalissimo ein Duett aus Bernsteins „West Side Story“. Wonniger Wohllaut! Und ein Vorrat guter Laune, der eine Woche ausreicht. Mindestens. 

 

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