Gewerkschaft prangert Lohndumping an Wer bedient, ist arm dran: Mindestlohn-Alarm in der Gastro

Die Kellnerin lächelt – die Lohnabrechnung in der Branche ist laut Gewerkschaft aber oft nicht zum Lachen. (Symbolfoto) Foto: dpa

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kritisiert, Unternehmen in München würden sich um den Mindestlohn herumwinden. Die Gehälter in der Branche sind schwer zu durchblicken.

München - Verdienen Kellner in Münchens Gasthäusern und Kneipen zu wenig? Sogar weniger als den Mindestlohn? Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hat jedenfalls Alarm geschlagen. Ihr Vorwurf: Viele Wirte würden nicht anständig bezahlen - und sich um den Mindestlohn herumwinden.

Die NGG bezieht sich dabei auf die Bilanz der Finanzkontrolle Schwarzarbeit, die das Hauptzollamt im ersten Quartel dieses Jahres veröffentlicht hat. 265 Gastrobetriebe haben die Beamten in München unter die Lupe genommen - und anschließend 22 Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Nun bedeutet ein Verstoß gegen das Mindestlohngesetz noch nicht zwingend, dass die 8,84 Euro nicht bezahlt werden. Auch wenn die Arbeitszeiten nicht wie vorgeschrieben erfasst werden oder die Arbeitgeber anderweitig mit Informationen geizen, gilt das als Verstoß.

Allerdings kritisiert die NGG: Genau bei der ungenauen Arbeitszeiterfassung ist das Schlupfloch für die Mindestlohnprellerei (siehe unten).

In der Regel wisse die Gewerkschaft nur dann von der Unterbezahlung, wenn Löhne eingeklagt würden. "Viele trauen sich aber auch nicht, etwas zu sagen, solange sie in der Probezeit sind oder einen befristeten Vertrag haben", berichtet Sebastian Wiedemann, Gewerkschaftssekretär für die Region München bei der NGG. Und er fügt an: "In München ist es mit Mindestlohn ohnehin schon schwer zu leben."

Das Einstiegsgehalt liegt bei 1.900 Euro brutto

Aber was verdienen die Kellner in München denn jetzt tatsächlich? Das genau zu sagen, ist gar nicht so einfach. Unterscheiden muss man zunächst die Mitarbeiter, die den Mindestlohn von 8,84 Euro bekommen von denen, die nach Tarif bezahlt werden. Auf Bundesebene zahlen nach Schätzungen der NGG nur rund ein Drittel der Betriebe nach Tarif.

Das Einstiegsgehalt liegt laut Tarif bei 1.900 Euro im Monat für 39 Stunden, wer seine Prüfung bereits bestanden hat und ausgelernte Kraft ist, bekommt 2208 Euro brutto.

Zusätzlich gibt es das Modell der Umsatzbeteiligung. Etwa zwölf bis 13 Prozent des jeweils generierten Umsatzes bekommt ein Kellner dann. "Die Umsatzbeteiligung ist ein weit verbreitetes Modell in den Gaststätten in München", sagt Susanne Gruber, Geschäftsführerin der Dehoga.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband sieht sich immer wieder mit den Vorwürfen der NGG konfrontiert. Der Landesgeschäftsführer Bayern, Thomas Geppert, sagt: "Wir stellen uns sicher nicht vor Betriebe, die unter Mindestlohn bezahlen wollen - allerdings haben wir von Anfang an den bürokratischen Aufwand der Stundenerfassung kritisiert."

Sebastian Wiedemann hat dafür wenig Verständnis: "Aus unserer Sicht müssen die Stunden doch ohnehin erfasst werden - schon um eine vernünftige Gehaltsabrechnung zu machen und zu prüfen, ob die Stunden im Vertrag abgearbeitet werden."

Oft wird ein Gehalt vereinbart - aber eben nicht die Arbeitszeit

Arbeiten die Kellnerinnen und Kellner also wirklich nur so viel wie ihr Vertrag verlangt? "Wo es einen Betriebsrat gibt, sagt auch mal jemand ,Geh nach Hause', wenn die Stundenzahl erreicht ist", berichtet Wiedemann.

Die NGG bemängelt aber: Überschreitungen der Arbeitszeit sind absolut üblich in der Branche. Die Gewerkschaft fordert deshalb, die Kontrollen durch das Hauptzollamt (HZA) auszuweiten. Das Personal bei den Schwarzarbeitfahndern soll laut einer Sprecherin des Zolls tatsächlich nach und nach aufgestockt werden.

Diese werden sich aber nicht nur um Gastrobetriebe kümmern können. So gehören Branchen mit hoher Fluktuation - wie das Baugewerbe oder auch Reinigungsfirmen - immer zu den üblichen Verdächtigen für die Fahnder vom Zoll.

Die Gastrobranche ist - zumindest in München - mit ihren 22 Verstößen nicht die problematischste in München. Insgesamt hat das HZA hier 116 Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen das Mindestlohngesetz eingeleitet.


"Die Umgeher bereichern sich auf Kosten anderer"

Verena Di Pasquale, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Bayern, kennt die Tricks, mit denen sich Arbeitgeber um den Mindestlohn drücken - nicht nur in der Gastronomie. Dort sei für Kellner etwa eine Praxis, dass diese ihr Trinkgeld abgeben müssen, um die höheren Löhne auszugleichen, sagt sie der AZ. Reinigungskräfte im Hotelbetrieb dagegen würden nicht nach Stunden, sondern nach Anzahl der Zimmer bezahlt, wodurch die Überstunden nicht entlohnt werden. In anderen Branchen, etwa im Bau, müssten die Mitarbeiter ihre Unterkünfte oder ihr Handwerkszeug teils selbst bezahlen.

Auch Di Pasquale fordert mehr Personal und flächendeckende Kontrollen. Derzeit kontrolliere der Zoll vor allem die Betriebe, bei denen es bereits in der Vergangenheit zu Verstößen gekommen ist.

Das Argument der Arbeitgeber, dass die Umsetzung des Mindestlohns mit viel Bürokratie verbunden sei, teilt Di Pasquale nicht. "Das Bild des Mindestlohns als Bürokratiemonster ist nicht richtig." Um etwa die Arbeitszeit zu erfassen, reiche ein einfacher Zettel. Dass einige den Mindestlohn umgehen, sei auch anderen Betrieben gegenüber unfair. "Die Arbeitgeber, die den Mindestlohn drücken, bereichern sich auf Kosten derer, die ihn zahlen."


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Lesen Sie zu diesem Thema auch den AZ-Kommentar "Mindestlohn und Trinkgeld: Nicht vergessen, bitte"

 

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