Geschönte Zahlen? Kritik am Sozialbericht: Wie gut geht es Bayern wirklich?

Die bayerische Wirtschaft läuft gut – doch laut Sozialverbänden profitieren einige, wie etwa Rentner, nicht wirklich davon. Foto: dpa

Wohlfahrtsverbände und Gewerkschaften kritisieren den aktuellen Sozialbericht. Wo aus ihrer Sicht geschönt wird – und die Reaktion der Staatsregierung.

 

München -  In Bayern komme der Wohlstand bei den Menschen an, heißt es im "Vierten Bericht der Bayerischen Staatsregierung zur Sozialen Lage in Bayern". Er ist im Mai dieses Jahres erschienen und berichtet etwa über Armutsgefährdung oder die aktuelle Arbeitslosenquote.

Doch nun gibt es von Sozialverbänden Kritik an den Zahlen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund Bayern (DGB) und die Arbeiterwohlfahrt Bayern haben am Mittwoch in München Vorwürfe gegen die Zusammenstellung des Sozialberichts erhoben. Die Staatsregierung versuche, die Probleme zu beschönigen. Die Kritikpunkte der Verbände:

Armutsgefährdung

In Bayern liegt die Armutsquote laut Sozialbericht bei 11,9 Prozent und damit deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 15, 7 Prozent. Doch das ist laut Thomas Beyer, Landesvorsitzender der AWO Bayern, nur die halbe Wahrheit.

Denn während der Bericht zwar das mittlere Einkommen deutschlandweit berücksichtige #(Bundesmedian) , schaue er nicht auf das mittlere Einkommen in Bayern selbst (Landesmedian). Die Armutsgefährdungsschwelle bundesweit liegt laut Statistischem Bundesamt bei 942 Euro, in Bayern aber bei 1025 Euro im Monat.

Zieht man diese als Vergleich heran, kommt man in Bayern auf eine Armutsgefährdungsquote von 15 Prozent – eine Zahl, die gar nicht mehr so weit unter den deutschlandweiten 15, 7 Prozent liegt. Zudem seien in Bayern laut Landesmedian sogar 21,8 Prozent der Über-65-Jährigen von Armut bedroht, bundesweit nur 14,6 Prozent.

Wohnungsnot

Vor allem bei der Wohnkostenbelastung wird laut den Verbänden nicht die ganze Wahrheit gesagt: Der Sozialbericht besagt, dass Bayern im Durchschnitt 30 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Warmmiete ausgeben. Nicht berücksichtigt werde laut Beyer dabei, dass Geringverdiener (unter 1000 Euro im Monat) deutlich mehr bezahlen müssten.

Die Wohnkostenbelastung läge hier bei 48 Prozent des Nettoeinkommens und damit 60 Prozent über dem Landesdurchschnitt. "Wer wenig halt, zahlt mehr", fasst Beyer zusammen. Arbeitsmarkt

Laut DGB und AWO gibt es trotz niedriger bayerischer Arbeitslosenquote von 3,5 Prozent Beschäftigungsgruppen, welche der Sozialbericht ausklammert. Dazu gehören laut DGB-Bayern-Chef Matthias Jena geringfügig Beschäftigte und Leiharbeiter, deren Anzahl stetig zugenommen habe.

Bei der Teilzeitbeschäftigung zähle der Sozialbericht nur diejenigen, die unter 15 Stunden pro Woche arbeiten – was eine Quote von 9,7 Prozent ergibt. Die eigentliche Quote läge mit 21,1 Prozent deutlich höher.

Rente

Jena vom DGB übt Kritik an der Durchschnittsberechnung des Sozialberichts über das Geldvermögen von Rentnern: Das liegt in Bayern laut Bericht 60 Prozent über dem deutschen Durchschnitt und soll vor Altersarmut schützen.

Doch damit werde die reale Situation vieler Rentner einfach ausgeblendet: "Durchschnittsberechnungen verstellen den Blick auf die Wirklichkeit."

Sozialministerin Emilia Müller betont, dass der Sozialbericht die Realität in Bayern widerspiegele. Sie sagt weiter: "Es gibt auch in Bayern Menschen, denen es nicht so gut geht. Ich denke hier zum Beispiel an kinderreiche Familien, Alleinerziehende und Langzeitarbeitslose.

Auch Menschen, denen es wirtschaftlich gut geht, treibt die Sorge um, wie ihr Leben und unser Land in Zukunft aussehen werden. Diese Sorgen und Nöte nehmen wir ernst."

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