Gerhard Richter wird 88 Der teuerste Künstler der Welt

Der Maler Gerhard Richter. Foto: dpa

Gerhard Richter ist seit Jahren der teuerste Künstler der Welt. Am Sonntag feiert der scheue Maler seinen 88. Geburtstag

 

Er ist so schwer zu fassen wie ein Großteil seiner Bilder mit den verwischten Konturen. Und wenn etwas zu den großen Konstanten im Werk des Gerhard Richter gehört, dann sind es die ständigen Stilwechsel und mehr noch: das immerwährende Hinterfragen der Malerei und ihrer Möglichkeiten.

Für den am Sonntag vor 88 Jahren in Dresden geborenen Richter hängt das Kunstschaffen mit einer letztlich komplizierten geistigen Haltung zusammen, nämlich, dass gerade die Malerei nie die Aneignung der Wirklichkeit sein kann und auch nicht das Verarbeiten ganz subjektiver Eindrücke. Das mag der üblichen Auffassung widersprechen, lässt sich allerdings in seinem unfassbar reichen Œuvre dann doch nachvollziehen.

Dabei darf man eines nicht verwechseln: Richter misstraut keineswegs der Realität, sondern den Sinnen und in der Folge dem Bild, das wir uns von dieser Realität machen. Er wisse ja so gut wie nichts von der Realität, hat er immer wieder betont, das macht ihn wahrscheinlich zu einem der aktuellsten Maler-Denker und Zweifler überhaupt. Dass er die bitteren Blasen des Kunstmarkts und dessen völlig aus dem Ruder gelaufene Preisgestaltung genauso infrage stellt, versteht sich von selbst.

Im Ranking ganz oben

Einer, der seit vielen Jahren in den internationalen Rankings an der Spitze steht, kann solches natürlich ganz lässig von sich geben. Es wird immer Sammler, Investoren und Kaufverrückte geben, die eben mal zweistellige Millionenbeträge für einen Richter hinblättern. Und es geht noch höher: Die Deutsche Bank, die seit einiger Zeit ihre Kunstsammlung still und heimlich verhökert, hat mit dem Triptychon „Faust“ ein Schlüsselwerk Richters für – vermutlich – über 100 Millionen Euro veräußert.

Für den bescheidenen Künstler, der sich nicht einmal ein eigenes Museum wünscht, dürfte das eine eher kuriose Nachricht zum Geburtstag sein. Sehr viel erfreulicher sind da schon die beiden neuen Monografien: Im Taschen Verlag hat Klaus Honnef eine knappe, gut verständliche Erkundung von Richters Leben und Werk vorgelegt. Der Bonner Ausstellungsmacher und Publizist kuratierte die erste institutionelle Schau des heutigen Superstars im Zentrum für aktuelle Kunst in Aachen. Wer sich auf wenige Hauptarbeiten konzentrieren möchte und nach einer gehaltvollen Zusammenstellung sucht, findet hier die wichtigsten Informationen und gute Anregungen.

Analytische Tiefe

Deutlich opulenter hat der Schirmer/Mosel Verlag nachgelegt. Auf 480 Seiten mit rund 250 Farbtafeln und 160 Abbildungen liefert Armin Zweite eine gewaltige Übersicht, die zugleich in beträchtliche analytische Tiefen geht. Das reicht von den eingangs erwähnten verschwommenen Porträts, Interieurs oder Landschaften, die Richter nach Fotografien malt, über die grauen Glasflächen bis hin zu den großen farbstarken Abstraktionen wie die Rakel- und Streifenbilder.
Zweite, der ehemalige Direktor am Lenbachhaus und bis 2013 an der Sammlung Brandhorst, zählt wie Honnef zu den langjährigen Beobachtern und Weggefährten Richters. Abgesehen davon war der Museumsmann in heftigste Ankaufdebatten involviert, man denke an den Erwerb von Joseph Beuys‘ „zeige deine Wunde“, insofern ist Zweite ein idealer Chronist, wenn es um kulturelle und politische Hintergründe und Bezüge geht.

Wobei Richter mit den 68ern und der Studentenbewegung immer gefremdelt hat. Noch vor dem Mauerbau war er im Februar 1961 aus der DDR geflohen, um sein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie fortzuführen. „Ich wusste wirklich nicht, was die Protestierer im Westen eigentlich wollten“, hat er im Gespräch mit dem Kunsthistoriker Uwe M. Schneede erklärt. Richter sah vor allem die Freiheit im Gegensatz zur „bleiernen DDR“, die für ihn die „Methoden der Einschüchterung, der Gewaltausübung und Lügenpropaganda fast eins zu eins vom Nazi-Deutschland übernommen“ hatte.

Ein Unabhängiger

Er verabscheute Ideologien und wollte sich von keiner politischen Strömung vereinnahmen lassen. Dennoch traf Richter ganz automatisch und mit traumwandlerischer Sicherheit die Wunden der jungen Bundesrepublik. Etwa, indem er gleich in den frühen 60er-Jahren mit dem Abmalen, Verfremden und Verarbeiten von Zeitungsausschnitten oder Fotografien aus Familienalben begann. Egal, ob er nun „Sargträger“ (1963) und anonyme Tote malte, Uniformierte, Flugzeugstaffeln oder später seinen berühmten RAF-Zyklus.

Immer geht es Richter um das Sehen, um die Wahrnehmung. Doch darüber und die Malerei an sich zu reden, lehnt er ab. Das sei nicht nur „sehr schwierig, sondern vielleicht sogar sinnlos“, mit der Sprache habe die Malerei ja nichts zu tun. Also bleibt nur das Betrachten der Bilder. Damit ist man hinreichend beschäftigt.

Klaus Honnef: „Gerhard Richter“ (Taschen, Kleine Reihe Kunst, 96 Seiten, 10 Euro); Armin Zweite: „Gerhard Richter. Leben und Werk. Das Denken ist beim Malen das Malen“ (Schirmer/Mosel, 480 Seiten, 128 Euro)
 

 

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