Genets "Zofen" an den Kammerspielen Im Tunnel virtuos vergiftet

Blas’ mir den Rauch in den Rachen, Schätzchen – Annette Paulmann und Brigitte Hobmeier als Zofen Solange und Claire. Foto: Julian Roeder

An den Kammerspielen inszeniert Stefan Pucher Jean Genets „Die Zofen“ ziemlich artifiziell – aber mit drei fulminanten Frauen

Es beginnt wie ein expressionistischer Stummfilm: Zwei Frauen in Großaufnahme, eine raucht und bläst mit einem Strohhalm ihren ausgeatmeten Rauch in den Mund der anderen. Ein starkes Bild für die symbiotische Abhängigkeit von Claire und Solange, die sich gegenseitig mit Selbstekel und Verachtung vergiften. In den Kammerspielen inszenierte Stefan Pucher „Die Zofen“ von Jean Genet als hochstilisierte, von Bildern überfrachtete Kunstwelt. Brigitte Hobmeier, Annette Paulmann und Wiebke Puls wurden zu Recht bejubelt, ein vereinzeltes, lautes Buh für den Regisseur sprach aber Manchem aus der Seele.

Barbara Ehnes schuf einen fast hermetischen Raum: eine ovale schwarze Tunnelröhre, an deren Wänden die Zofen schon mal wie in einer Halfpipe wütend hochrennend. Zwei Kunstfiguren leben ihre mörderische Fantasie aus: Brigitte Hobmeiers Claire spielt die Herrin und demütigt Annette Paulmann als ihre Schwester Solange in der Rolle der Claire. Sie sind puppenhaft schwarz-weiß ausstaffiert (Kostüme: Annabelle Witt), geschminkt wie Weißclowns, tragen widerliche Plastikfrisuren mit kahlen Lücken. Aber ihr Hass auf sich selbst, ihr Dienstbotenlos sowie die Gnädige Frau, deren Mord sie proben, ist unerbittlich. Das Rollenspiel hat starke Bilder: Fast akrobatisch windet sich Hobmeier ins rote Kleid der Herrin, wird auf Knien nach hinten gebogen von Solange beinahe erwürgt. So schön starb noch kein roter Schwan im Ballett.

Das Maskuline verwirklicht sich im Weiblichen

Doch der Tod lässt sich Zeit bei Genet. Erst muss die Gnädige Frau selbst das Monster-Zerrbild der Zofen entkräften: Wiebke Puls im Pink-Kleid mit Hochfrisur setzt mit grandios-grotesken Posen die Karikatur einer gütigen Gnädigen in Szene, die um ihren (durch eine Intrige der Zofen) verhafteten Geliebten trauert. Da steckt viel Komik drin. Leider mag sie nicht den vergifteten Tee trinken, den die Schwestern ihr kredenzen. Denn als der Gnädige Herr plötzlich frei ist, will sie mit ihm feiern.

Doch das Mord-Ritual muss ausgeführt werden – die Schwestern sind schon zu weit gegangen. Wie sie sich dazu bringen, spielen Hobmeier und Paulmann in ihren Kunstpuppen-Verkleidungen furios. Das Machtverhältnis zwischen beiden wechselt ständig. Annette Paulmann hält als Solange eine klug abgestufte Balance zwischen Dominanz und Unterwürfigkeit, Brigitte Hobmeier schwankt zwischen den Extremen. Ihre jähen Tonlagenwechsel von kindlichem Dienstboten-Geschmeichel zu herrisch tiefer Befehlsstimme überschreiten öfter die Grenze zum Manierismus.

Man sieht beiden dennoch gebannt zu – nur leider lenkt Puchers Inszenierung immer wieder davon ab. Auf Filmeinspielungen mit (für den Zuschauer unidentifizierbaren) Ausschnitten aus Genets Kurzfilm „Un chant d’amour“ und Fassbinders „Querelle“ hängen muskulöse junge Männer kopfüber im Blickfeld, ihre Tänze und einen Messerkampf spielen die Zofen auf der Bühne spiegelbildlich nach – ihre Verwirklichung des Maskulinen im Weiblichen. Am Ende tritt sogar Wiebke Puls nochmal in der Maske des Gnädigen Herrn auf. Vorproduzierte und Live-Videos (Ute Schall) von Claire und Solange überlagern sich auf zwei Leinwänden. Der hermetische Tunnel öffnet sich plötzlich und Männerarme reichen ein Mikrofon herein für die Damen, die solistisch die todtraurigen Chansons von Christopher Uhe singen.

Alle Ebenen werden ständig gebrochen, aber die angepeilten Assoziationen verunklaren mehr als sie erklären. Alles ist in Puchers Inszenierung mit möglicher Bedeutung überfrachtet, alles ist überdeutlich als Kunstform ausgestellt. Das ist schlichtweg zu viel Artifizialität. Etwas weniger Künstlichkeit hätte den Künstlern mehr Raum gelassen.

Kammerspiele, 31. Mai, 3., 6., 27. Juni 2014, 19.30 Uhr, 21. Juni, 18 Uhr, Tel. 233 966 00

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