Geld und Personal benötigt Wohin bloß mit den Flüchtlings-Kindern?

Im September beginnt auch für viele Flüchtlingskinder in München die Schulpflicht. Nur: Wo sollen sie alle Platz finden? Foto: dpa

88 „Übergangsklassen“ in München reichen nicht aus, klagt der Lehrerverband BLLV – und fordert eine Task-Force auch für den Deutschunterricht.

 

München - Mädchen aus Syrien, Buben aus Eritrea, Kinder aus dem Irak, aus Ghana oder Afghanistan: Wenn sie nach langer Flucht aus ihren Heimatländern in München ankommen, beginnt auch für sie nach wenigen Wochen die Schulpflicht.

Mit etwas Glück vermittelt das staatliche Schulamt sie in eine der 88 Übergangsklassen („Ü-Klassen“), die es an einigen der Münchner Grund- und Mittelschulen gibt. Dort lernen sie in altersgemischten Gruppen gemeinsam Deutsch, üben das Lesen und Schreiben, werden für einen Regelunterricht fit gemacht und können, wenn alles gut läuft, nach zwei Jahren in eine normale oder eine Deutsch-Förderklasse wechseln.

Nur: Das Angebot reicht schon jetzt nicht für alle betroffenen Kinder aus, warnt der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV). „Wir brauchen dringend mehr Personal, das auf die besonderen Bedürfnisse der Kinder eingehen kann“, sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. „Darunter Psychologen, Dolmetscher – und vor allem Lehrer, die im Fach ,Deutsch als Zweitsprache’ ausgebildet sind.“

In einer gemeinsamen Erklärung forden Vertreter aller Schularten deshalb jetzt vom Kultusministerium eine Arbeitsgruppe mit den Lehrerverbänden. Und: eine „Task-Force“ aus Fachkräften, die mobil, schnell und unkompliziert aushelfen könnte. Fleischmann: „Es gibt genügend hochmotivierte, arbeitslose Junglehrer, die dafür geschult werden könnten.“

Beispiel Mittelschule an der Simmernstraße in Schwabing: 90 Kinder büffeln hier in drei Ü-Klassen und zwei Deutschförderklassen. „Die 21 Zehn- bis Zwölfjährigen, die in einer dieser Klassen zusammen lernen, stammen aus 16 Nationen“, berichtet Rektorin Angelika Thuri-Weiß.

„Da reicht die Spanne von traumatisierten Buben aus Afghanistan, die noch nie eine Schule von innen gesehen haben und also weder schreiben noch lesen können bis zu Kindern aus hochgebildeten griechischen Familien, die eigentlich Gymnasialniveau hätten – wenn sie nur Deutsch könnten.“

Gerne hätte die Simmernschule schon im letzten Jahr eine zusätzliche „Alphabetisierungsklasse“ eingeführt – für all die Buben und Mädchen, die noch nie einen Stift in der Hand gehalten haben. „Wir haben aber weder ein Klassenzimmer übrig noch Lehrkräfte dafür“, so die Rektorin.

Erst am Wochenende hatte das Kultusministerium die Schülerzahlen-Prognose wegen der vielen zusätzlichen Flüchtlingskinder korrigieren müssen: Bis zum Schuljahr 2018/19 werden demnach 44 000 Kinder und Jugendliche mehr die Schulen im Freistaat besuchen.

Immerhin bei den Beruflichen Schulen hat der Freistaat schon kräftig aufgestockt: Im Schuljahr 2010 gab es noch sechs sogenannte BAF-Klassen (für berufschulpflichtige Asylbewerber und Flüchtlinge) mit insgesamt 100 Schülern in Bayern. Heuer sind es schon 260 Klassen mit 4500 Schülern. Ab September sollen 8000 Kids in 440 BAF-Klassen unterrichtet werden.

Ein Anfang – aber es reicht noch längst nicht, findet Jürgen Wunderlich, Chef des Verbands der Lehrer an Beruflichen Schulen (VLB): „Wir erreichen damit nur 30 Prozent der betroffenen Jugendlichen.“ Die anderen 70 Prozent? Sitzen deshalb nur in Deutschkursen oder werden von Ehrenamtlichen unterstützt. „Schlimmstenfalls haben sie nichts zu tun.“

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