Geld Pflege-Tüv fällt durch

Eine Pflegerin hilft einer demenzkranken Frau Foto: az

Am Bewertungssystem für Heime, dem Pflege-Tüv, regt sich immer mehr Kritik. Experte Fussek rät Angehörigen zur Eigen-Recherche

 

MÜNCHEN Beim Münchner Kreszentia-Stift in der Isartalstraße rückten im vergangenen Jahr Prüfer an. Die Experten verteilten Bestnoten für „Soziale Betreuung“, „Hygiene“ und „Medizinische Versorgung“ – doch der Umgang mit dementen Bewohnern erhielt nur eine „3,4“. An der positiven Gesamtnote änderte dies wenig: Mit „1,5“ bekam der Stift eine glänzende Beurteilung.

Ein Fall wie viele andere. Seit fast einem dreiviertel Jahr prüft der „Pflege-Tüv“ der Krankenkassen Pflegeheime, unter Internet-Adressen wie www.pflegelotse.de sind die Ergebnisse abrufbar. Doch wirklich aussagekräftig sind die Bewertungen nicht. Pflege-Kritiker Claus Fussek urteilt, die Gutachten des Tüv könne man getrost „in die Tonne hauen“, und auch Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer spricht jetzt deutliche Worte. „Ich fordere Gesundheitsminister Philipp Rösler eindringlich auf, dieses Trauerspiel zu beenden“, sagte sie der „SZ“ und beklagte, auch ein Heim mit gravierenden Missständen könne vom Pflege-Tüv noch Bestnoten bekommen.

Der Fehler liegt im System: Die Begutachtung wird vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen durchgeführt, die wohl kein gesteigertes Interesse daran haben, grobe Mängel in Heimen zu entdecken – schließlich könnte die Behebung der Fehler zu höheren Kosten für die Kassen führen. Auch die Trägerverbände der Heime haben massiv darauf hingewirkt, dass der Pflege-Tüv nicht allzu streng ausfällt. Deswegen kann eine Einrichtung jetzt miserable Noten in einem Bereich durch gute Leistungen in einem anderen Bereich ausgleichen.

Kein Benotungssystem der Welt kann den Augenschein in Pflegeheimen ersetzen

Am Montag setzte der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung das Thema auf seine Tagesordnung. Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe stand noch kein Ergebnis der Beratungen fest. Währenddessen sind die Angehörigen pflegebedürftiger Menschen weiterhin im Unklaren, wie sie eine gute Einrichtung finden können. Pflegeexperte Fussek rät ihnen, sich beizeiten kundig zu machen – etwa in Gesprächen mit niedergelassenen Ärzten oder dem Rettungsdienst vor Ort. Wichtige Hinweise biete auch der aktuelle Bericht der Heimaufsicht. Halte es die Heimleitung nicht für nötig, den Bericht zu veröffentlichen, spreche dies für sich.

Kein Benotungssystem der Welt, sagt Fussek, könne außerdem den Augenschein ersetzen: „Wie riecht es? Wird den Bewohnern beim Essen geholfen?“. Die zuverlässigste Qualitätskontrolle seien regelmäßige Besuche der Angehörigen. „Für meine Mutter bin ich verantwortlich“, so Fussek. „Das kann mir auch Frau Haderthauer nicht abnehmen.“

Wichtige Infos liefert auch die Broschüre der Stadt München: „Wie erkennen Sie die Qualität von Pflegediensten und Alten- und Pflegeheimen?“

 

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