Gelände der alten Bayernkaserne Recycling-Siedlung in München: Neue Wohnungen aus alter Bausubstanz

Schrittweise Recycling: Die Gesteinkörner, die einst einmal Gebäude wie die im Hintergrund waren, kommen zunächst durch den "Brecher" und werden dort zerkleinert. Foto: Emily Engels

Auf dem Gelände der ehemaligen Bayernkaserne entstehen 5.500 neue Wohnungen - viele aus alter Bausubstanz. Die Idee hinter dem einmaligen Pilotprojekt in München.

 

München - Etwas zäh fließt die noch flüssige Betonmasse in eine Form, die einem riesigen Legostein ähnelt. Die Masse wird noch gepresst und die Oberfläche geglättet. "Einen Tag später ist sie getrocknet und hat sich in einen 800 Kilogramm schweren Betonklotz verwandelt", erklärt Andrea Kustermann, Professorin für Baustoffe an der Hochschule München.

Auf dem Gelände der alten Bayernkaserne wird gerade an einem Pilotprojekt gearbeitet, das in Deutschland in der Größenordnung bisher einmalig ist: Für die neuen Gebäude - Wohnhäuser und zwei Schulen -, die hier entstehen, wird so viel alte Bausubstanz wie möglich wiederverarbeitet. Die Gesteinskörner für die Betonklötze kommen von abgerissenen Gebäuden auf dem Gelände der Bayernkaserne. Lediglich der Zement als Bindemittel wurde noch hinzugefügt.

Abriss alte Gebäude der Bayernkaserne - 1,2 Millionen Tonnen Bauschutt

Daniel Rank, Bauingenieur beim Kommunalreferat, hat an der TU München eine von zwei Masterarbeiten zu dem Thema geschrieben, die als Grundlage für das Projekt dienen. Wissenschaftlich begleitet wird es zudem von Professorin Kustermann. Rank geht davon aus, dass nicht nur der ökologische, sondern auch der wirtschaftliche Vorteil des Recycling-Pilotprojektes enorm ist. Rank schätzt: "Durch das Projekt werden etwa zehn Millionen Euro Baukosten eingespart."

Durch den Abriss der alten Gebäude der Bayernkaserne entstehen 1,2 Millionen Tonnen Bauschutt. "Davon kann etwa die Hälfte recycelt werden", erklärt Kommunalreferentin Kristina Frank (CSU). Aus dem Schutthaufen werden 200.000 Tonnen als Beton weiterverarbeitet, 200.000 weitere Tonnen werden im Straßenbau wiederverwertet. Aus 200.000 Tonnen entstehen Substrate für Pflanzenerde.

Johann Prügl zeigt recycelte Substrate, aus der Pflanzenerde geworden ist. Sein Bodeninstitut arbeitet im Auftrag des Kommunalreferates. In der Erde fallen mit dem bloßen Auge Ziegelstein-Stücke auf, die einst Gebäude waren.

"Ein Vorteil ist, dass die Ziegelsteinchen viel Wasser in der Erde speichern - besonders zu Zeiten der Klimaerwärmung sehr nützlich", so Prügl. In der recycelten Pflanzenerde sollen auf dem Bayernkaserne-Gelände künftig vor allem Rasen und zirka 1000 Bäume wachsen.

Betonklötze aus altem Bauschutt gegossen

Und was ist mit den weiteren 600.000 Tonnen Bauschutt, die beim Abriss entstehen? 300.000 Tonnen können zwar nicht direkt für den Bau verwendet werden, dafür aber beispielsweise für Lärmschutzwände. Die 300 000 Tonnen, die dann noch übrig bleiben, sind entweder von der Qualität ungeeignet, oder mit Schadstoff belastet.

Zwar sind 0,6 Millionen Tonnen nur ein kleiner Teil der Neubaumasse (insgesamt 3,9 Millionen Tonnen), die auf dem Gelände der Bayernkaserne verbaut wird, aber laut Kristina Frank dennoch ein Schritt in Richtung Nachhaltigkeit.

So wird der recycelte Beton direkt da hergestellt, wo er später auch eingesetzt wird. Dadurch werden 3,2 Millionen Kilometer Transportwege gespart - Schwerlastverkehr wohlgemerkt. Der ökologische Vorteil liege insgesamt bei 50 Prozent gegenüber einer vollständigen Beseitigung des Bauschutts.

Da so viel Substanz wie möglich von den alten Gebäuden recycelt werden soll, ist bereits beim Abriss eine größere Vorsicht gefragt, erklärt Hans-Ulrich Möbius, Projektleiter der vom Kommunalreferat beauftragten Ingenieurgesellschaft "DMU Consult". "Normalerweise werden vor dem Abriss beispielsweise Fensterscheiben einfach zerschlagen", erklärt er.

Idee für Recycling-Viertel: Stadtrat muss Konzept erst absegnen

"Recycling bedeutet jedoch deutlich mehr Kleinarbeit", so Möbius. Schließlich wolle man später in den einzelnen Materialien, etwa in den Substraten, aus denen Pflanzenerde entsteht, keine kleinen Glasscherben wiederfinden. Auf dem Gelände der Bayernkaserne werden bereits jetzt fleißig Betonklötze aus altem Bauschutt gegossen. Doch bevor aus denen bis 2030 das neue Recycling-Viertel entstehen wird, muss das Konzept im September zunächst noch vom Stadtrat abgesegnet werden.


Beton - ein Konfliktstoff: Der Welt geht die Baumasse aus

Unsere moderne Welt ist auf Sand gebaut - und ist damit stabiler, als der Satz zunächst vermuten lässt. Denn Beton, der Stoff, aus dem zeitgenössische Bauträume gemacht sind, besteht zu einem großen Teil aus Sand. Vince Beiser, Autor des Buches "The World in a Grain" (zu deutsch "Die Welt in einem Sandkorn") nennt Sand deshalb: "Die tatsächliche Grundlage moderner Zivilisation."

Und das wird zunehmend zum Problem. Denn Bauträgern geht die Grundlage aus. Sand wird ein knappes Gut – und damit ist auch Beton als Baustoff nicht mehr im Überfluss verfügbar. Nur am Rande bemerkt: auch Glas, Computerchips und sogar Zahnpasta benötigen Sand im Herstellungsprozess.

50 Milliarden Tonnen Sand verbraucht die Menschheit jedes Jahr, das sei mehr als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte, sagt Beiser. Doch trotzdem: Sandmangel? Es soll zu wenig von dem Stoff geben, der sich gleichzeitig weltweit ausbreitet? Stichwort: Wüstenbildung oder Desertation?

Tatsächlich ist es so. Das liegt daran, dass Sand nicht gleich Sand ist. Die Form der Körnchen ist entscheidend. So eignet sich Sand aus dem Meer hervorragend dazu, Baustoffe wie eben Beton herzustellen. Wüstensand hingegen ist durch Wind über die Jahrtausende hinweg zu rund geworden. Er fügt sich deshalb nicht zu einer kompakten Masse zusammen.

In Indien ist illegaler Sandabbau schon zu einem Milliardengeschäft geworden. Das Weltumweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) schätzt, dass drei von vier Stränden weltweit auf lange Sicht verschwinden könnten. Und zwar nicht nur im Globalen Süden: In Monterey Bay, Kalifornien bricht wegen des Sandabbaus die Küstenlinie jedes Jahr um bis zu 1,5 Meter ab. Sophie Anfang

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