Gehaltsreport Warum Frauen 22 Prozent weniger verdienen

... und wie sie das ändern können. Beim Gehalt ist Deutschland von Gleichberechtigung weit entfernt. In Chefetagen verdienen Frauen sogar sogar ein Drittel weniger als Männer

 

MÜNCHEN - Gute Ausbildung und reichlich Erfahrung schützen nicht vor schlechtem Verdienst. Das gilt zumindest für Arbeitnehmerinnen in Deutschland, wie neue Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen. Weibliche Angestellte sind 2010 mit 22 Prozent weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen nach Hause gegangen – und diese Kluft wächst mit der Bildung und dem Alter. Am größten sind die Unterschiede in den Chefetagen und technischen Berufen.

Branchenübergreifend lässt sich feststellen, dass sich in den sechs Jahren seit der letzten Erhebung kaum etwas getan: Nur um einen Prozentpunkt hatte der durchschnittliche Gehaltsunterschied 2006 höher gelegen, bei damals 23 Prozent. Für die Studie wurden alle Beschäftigten in Deutschland verglichen. „Der gemessene Gender Gap von 22 Prozent entsteht unter anderem dadurch, dass Frauen häufiger in schlechter bezahlten Berufen arbeiten", erklärt Walter Joachimiak vom Statistischen Bundesamt. So verdienen Frauen in typisch weiblichen Berufen, zum Beispiel als Altenpflegerin, viel weniger als männliche Ingenieure. Hinzu kommt, dass Frauen viel häufiger in Teilzeit arbeiten als Männer. Außerdem weisen Experten immer wieder darauf hin, dass Frauen genügsamer sind als Männer..

Und doch erklärt das nicht alles. Denn auch für vergleichbare Tätigkeiten bei vergleichbarer Ausbildung werden Frauen und Männer unterschiedlich bezahlt. Der bereinigte Gender Gap, also die Gehaltslücke bei gleicher Tätigkeit, liegt bei acht Prozent, wie 2006 errechnet wurde.

Schaut man sich in der aktuellen Studie einzelne Branchen und Unternehmensebenen an, ergeben sich teilweise krasse Unterschiede: Jeweils 30 Prozent beträgt die Gehaltslücke bei Führungskräften und Technikern. Dicht dran sind akademische Berufe, wo Frauen rund 28 Prozent weniger verdienen als Männer. In Handwerksberufen beträgt die Lücke immerhin noch 25 Prozent, in Montageberufen 19 Prozent. Die geringste Differenz gibt’s bei Bürotätigkeiten: Männliche Büroangestellte verdienen gerade mal vier Prozent mehr als ihre weiblichen Kolleginnen.

Wer im übrigen glaubt, eine gute Ausbildung und wachsende Erfahrung sichere Frauen ein auch im Vergleich mit Männern gutes Gehalt, täuscht. Genau das Gegenteil ist der Fall: Der geschlechterspezifische Gehaltsunterschied steigt mit der Bildung und mit dem Alter. Beispiel Lebensalter: Frauen im Alter bis 24 Jahre verdienen nur zwei Prozent weniger als die gleichaltrigen Burschen (2006: zwei Prozent). Nach der Ausbildung geht’s dahin: Bei den 25- bis 34-Jährigen sind’s bereits elf Prozent (12) und bei den 35- bis 44-Jährigen 24 Prozent (24). Am weitesten klafft die Gehaltsschere für Frauen im Alter von 55 und 64 Jahren auseinander: minus 28 Prozent (30).

Ähnlich die Entwicklung bei den Bildungsabschlüssen: Bei niedrigen Abschlüssen, zum Beispiel unter Haupt- und Realschulabgängern, liegt der Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern bei elf Prozent. Haben beide zum Beispiel Abitur, sind es bereits 19 Prozent, die Männer mehr verdienen. Schließen beide auch noch die Uni ab, landen sogar 27 Prozent mehr Gehalt auf dem Konto der männlichen Absolventen.

Für Kritiker ist klar, dass diese Unterschiede nicht nur in den unterschiedlichen Lebensläufen von Männern und Frauen liegen. Sondern auch am System. Henrike von Platen, Präsidentin des Frauen-Netzwerks Business and Professional Women” kritisiert: „Überall dort, wo vorwiegend Männer arbeiten, ist der Verdienstunterschied besonders hoch.”

 

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