Gegen Hoffenheim Leverkusen: Phantomtor kommt vors Sportgericht

Stefan Kießling (links) erzielte gegen Hoffenheim das zweite Phantomtor der Bundesliga-Geschichte. Foto: GES/Augenklick

Das zweite Phantom-Tor in der Geschichte der Fußball-Bundesliga macht das 2:1 (1:0) von Bayer Leverkusen bei 1899 Hoffenheim zum Fall für das Sportgericht.

 

Sinsheim - Als Felix Brych um 23.00 Uhr vor die Kameras trat, gab der völlig konsternierte Spitzen-Schiedsrichter ein Bild des Jammers ab. Der 38 Jahre alte Jurist aus München konnte sich selbst nicht erklären, warum er das zweite Phantom-Tor in der Geschichte der Fußball-Bundesliga anerkannt hatte. "Der Ball lag im Netz, für alle auf dem Platz war es ein regulärer Treffer. Jetzt weiß ich auch, dass es nicht so war", sagte der FIFA-Referee: "Es ist keine tolle Situation für mich, dass ich ein Tor gegeben habe, das keines war. "

Rund eine Stunde zuvor hatte Brych dafür gesorgt, dass sich das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in der nächsten Woche um die Frage kümmern muss, was mit dem 2:1 (1:0) von Bayer Leverkusen bei 1899 Hoffenheim geschehen soll. Der Unparteiische hatte einen Treffer des Leverkuseners Stefan Kießling anerkannt (70.), obwohl der Ball nur durch ein Loch im Tornetz von außen im Gehäuse gelandet war. Nachdem die Hoffenheimer am Samstag Protest gegen die Wertung des Spiels einlegten, droht ein Wiederholungsspiel.

Das Sportgericht unter dem Vorsitz von Hans E. Lorenz kann allerdings nur eine Wiederholung anordnen, wenn Brych ein Regelverstoß nachgewiesen werden kann. Andernfalls gilt das vom Weltverband FIFA wie ein Schatz gehütete Prinzip der Tatsachenentscheidung. Ob der "Fall Thomas Helmer", nach dessen Phantom-Tor im Jahr 1994 das Spiel Bayern München gegen 1. FC Nürnberg wiederholt wurde, als Präzedenzfall für die Vorkommnisse in Hoffenheim angesehen werden kann, ist noch offen.

"Es ist natürlich ein hohes Maß an Ungerechtigkeit da ist. Aber auch Leverkusen hätte bei einer Neuansetzung Grund zum Klagen: Sie führten mit 1:0 in der 70. Minute und würden dann wieder auf 0:0 gestellt – auch das muss man berücksichtigen. Ich glaube, dass die Tatsachenentscheidung in unserem Lande – und mag sie hier und da noch so ungerecht sein – ein sehr hohes Gut ist", sagte DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig bei Sky.

Die Hoffenheimer Verantwortlichen pochen allerdings auf eine Wiederholung. "Es gab bisher einen vergleichbaren Fall in der Bundesliga. Und es ist ja bekannt, wie das ausgegangen ist", sagte Profifußball-Leiter Alexander Rosen. Auch für Trainer Markus Gisdol kommt nur eine Neuansetzung infrage. "Zum Schluss muss die Fairness siegen. Ich denke, das Spiel werden wir nochmal sehen. Ich gehe fest davon aus, dass es so kommen wird", äußerte der Coach: "Alles andere wäre ein Witz. Das Spiel darf ja nicht gelten. Es gibt ja den Präzedenzfall Helmer."

Unterstützung erhalten die Kraichgauer von Kießlings "Vorgänger" Helmer und Ex-Weltschiedsrichter Markus Merk. "Das Spiel muss wiederholt werden", sagte Helmer. Merk sieht es genauso. "Es gibt die Tatsachenentscheidung im Fußball. Die schützt den Fußball und schützt auch oft den Schiedsrichter. Aber ich bin Fußballer mit Leib und Seele, und ich ich war und bin immer für Gerechtigkeit im Fußball", äußerte der Pfälzer: "Für mich kann es nur eine Entscheidung geben: Wiederholungsspiel."

Ganz anders sehen das naturgemäß die Leverkusener. "Für mich ist es eine klare Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters. Ich gehe davon aus, dass da nichts weiter passiert", sagte Kapitän Simon Rolfes. Sportdirektor Rudi Völler machte zwar klar, dass "wir so nicht gewinnen wollen", anstatt einer kompletten Neuansetzung brachte der Weltmeister von 1990 ("Und ich habe gedacht, ich habe im Fußball schon alles erlebt") eine andere Variante ins Gespräch: "Wenn eine Spiel-Wiederholung, dann ab der Szene, also ab der 70. Minute."

Neben der Frage einer Neuansetzung hat das vermeintliche Tor Kießlings ("Ich habe dem Schiedsrichter gesagt, dass ich überrascht war, es aber nicht genau gesehen habe") die Diskussion um die Torlinien-Technologie neu entfacht. Der Druck auf die Deutsche Fußball Liga (DFL), die die Technik frühestens im Sommer 2015 einführen möchte, ist weiter gewachsen.

"Es geht ja nur um Tor oder nicht Tor. Das dauert keine zwei Stunden, sondern zwei oder drei Sekunden. Das Fußballgeschäft ist mittlerweile so groß, da muss man doch für 3,50 Euro das System in das Tor hängen können. Wir sind doch nicht mehr im fünften Jahrhundert", sagte Gisdol. Sein Leverkusener Kollege Sami Hyypiä sieht es ähnlich: "Die Schiedsrichter-Arbeit ist nicht einfach. Alles was hilft, wäre gut für den Sport."

Apropos Sport: Sollte das Ergebnis Bestand haben, dann sahen die 25.213 Zuschauer (darunter Bundestrainer Joachim Löw) einen schmeichelhaften Sieg der Gäste, die vorerst ihren zehnten Erfolg im elften Punktspiel gegen Hoffenheim verbuchten. Sidney Sam hatte Leverkusen zwar in Führung gebracht (26.), die klar besseren Chancen hatten aber die Hoffenheimer, denen zudem ein eigentlich reguläres Tor von Kevin Volland (36.) wegen einer angeblichen Abseitsstellung aberkannt wurde.

Die Gastgeber kamen aber nur noch durch Sven Schipplock (88.) zum Anschluss. Zuvor lag Brych, der in der vergangenen Saison zum Schiedsrichter des Jahres gewählt worden war, zum wiederholten Mal falsch. Er verhängte zu Unrecht einen Strafstoß gegen Leverkusen nach einem angeblichen Foul an Roberto Firmino. Der Brasilianer schoss den Elfmeter selbst, scheiterte aber an Bayer-Torwart Bernd Leno (83.).

 

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