Gefahr durch Weidetiere Wandern in den Alpen: Achtung vor den Almkühen

Schon zu nah dran? Kühe können Wandernden schnell gefährlich werden. Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Nicht nur in Österreich fürchtet man Attacken der Tiere auf Touristen und Wanderer. Auch in Bayern werden Schilder als Warnung vor den Kühen aufgestellt.

 

München - So friedlich liegen sie da und käuen wieder. Doch der Schein trügt offenbar. "Danger!", warnt ein Schild am Weidezaun nahe dem Blomberg bei Bad Tölz. "Keep distance!" Überall in den bayerischen Alpen stehen diese Tafeln, die auf Englisch auch den ausländischen Wanderer erreichen sollen.

Unfälle: Bauern besorgt wegen Haftung

Alm- und Alpwirtschaftliche Vereine, Tourismusämter und Bauernverband reagieren so auf eine bisher offensichtlich unterschätzte Gefahr: In Österreich endete das Zusammentreffen einer Hundebesitzerin mit Kühen tödlich. Die 45-Jährige aus Rheinland-Pfalz wurde 2014 im Stubaital von einer Herde totgetrampelt. Vor allem das Urteil des Landgerichts Innsbruck im Februar zu dem Todesfall sorgt für Verunsicherung – und zwar mehr unter Bauern als unter Touristen: Das Gericht sprach den Hinterbliebenen rund 180.000 Euro Schadenersatz und eine monatliche Rente in vierstelliger Höhe zu.

"Die Angst vor der Haftung ist gestiegen", sagt Hans Stöckl, Geschäftsführer des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern. Auch in Deutschland habe nach dem Urteil eine Wanderin eine Klage erwogen, nachdem sie im vergangenen Sommer bei der Gindelalm im Spitzinggebiet von einer jungen Kuh umgerannt worden war.

Warnhinweise: Verletzungsgefahr durch Kuh

Aus Österreich werden weitere Fälle berichtet: Vor gut drei Wochen griff eine Kuh am Hochkönig im Bezirk Pinzgau plötzlich eine Wienerin an – vermutlich hatte sich das Tier erschreckt.

Eine gute Woche später stieß bei Sölden ein junges Rind eine deutsche Wanderin um.

Vielfach kreuzen Wanderwege die Weiden. Der Almwirtschaftliche Verein Oberbayern riet Bauern unter anderem zu einer Betriebshaftpflichtversicherung – und zu Warnhinweisen. So hängen an den Kuhweiden die "Danger"-Schilder, die auch auf die wichtigen Leistungen der Wiederkäuer verweisen: "Weidetiere pflegen unsere Landschaft."

Ob Warnschilder bei einem Unfall ausreichen, ist offen. Nach Auffassung des Innsbrucker Gerichts wären speziell an dem Unfallort Abzäunungen nötig gewesen.

Problem: Zunehmender Tagestourismus

Oft, so hört man, hätten Wanderer kein Gespür, wie sie sich zu verhalten haben. Viele hätten überhaupt keinen Bezug mehr zur Landwirtschaft und oft auch nicht zur Bergwelt. Die Gefahr steigt noch, wenn Mutterkühe mit Kälbern auf den Almen sind, die sie schützen wollen. "Die Zahl der Muttertiere auf den Almen nimmt zu. Dadurch steigt auch die Spannung zwischen Wanderern und Tieren", sagt Markus Drexler vom Bayerischen Bauernverband.

Der zunehmende Ansturm auf die Berge verschärft die Lage ebenfalls. Gerade der Tagestourismus habe zugenommen, sagt Stöckl. "Es macht die Masse aus. Damit steigt auch der Anteil derer, die rücksichtlos unterwegs sind."

Fahrrad: Stressfaktor für Kühe und Bauern

Hinzu kämen Mountainbiker und immer mehr E-Biker, die selbst in abgelegene Winkel der Bergwelt vordringen. Die Radler beunruhigten die Kühe mehr als Wanderer. Stöckl sagt, "dass man das Mountainbiken in Almgebieten stärker einschränken müsste" – nicht zuletzt wegen der Unfallgefahr.

Auch hier fürchten die Almbauern die Haftung, etwa "wenn ein Mountainbiker stürzt oder in einen Zaun oder Almfahrzeug hineinfährt".

Verhaltenskodex für die Almen

Österreich erließ ein paar Wochen nach dem Urteil zu dem tödlichen Kuhunfall einen "Aktionsplan für sichere Almen". Wer sich nicht an den Verhaltenskodex halte, für den habe das im Schadensfall rechtliche Konsequenzen, sagte der damalige Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP). Ein mögliches Hundeverbot auf Almen war schnell vom Tisch. "Wir wollen kein Land der Verbote sein", sagte der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP).

Wanderern den Durchgang zu verbieten, wäre in Bayern gar nicht möglich. "Wir haben im Freistaat ein freies Betretungsrecht. Die Sache ist deshalb nicht mit Verboten zu lösen", sagt Markus Drexler. Wanderer müssten Sorgfalt walten lassen – und die Tierhalter müssten informieren.

Regeln für sicheres Wandern in den Alpen

Der Bauernverband hat für Almen und Hütten ein Plakat aufgelegt: "Machen Sie keine hektischen Bewegungen. Tiere sind schreckhaft", mahnt es. Und: "Machen Sie keine Selfies mit Weidetieren."

Die Maßregeln entsprechen in etwa denen der Österreicher: Hunde an die Leine, im Fall einer Kuh-Attacke aber laufen lassen; Abstand zu Herde und Kälbern; kein Lärm, der Tiere nervös macht.

Derzeit laufen laut Almwirtschaftlichem Verein auch Gespräche mit anderen Verbänden, darunter Naturschützer und Deutscher Alpenverein (DAV), um möglicherweise gemeinsam Verhaltensregeln aufzustellen.

Alm-Regeln: Gesunder Menschenverstand

"Man kann damit die Anzahl von Konflikten reduzieren", sagt DAV-Präsident Josef Klenner zum österreichischen Plan. Die Verhaltensregeln seien allerdings keineswegs neu und erschlössen sich auch mit gesundem Menschenverstand. "Wenn ich auf die Alm gehe, dann muss ich nicht direkt neben die Kuh treten oder das Kalb streicheln oder den Hund frei laufen lassen – das sollte ich eigentlich wissen."

Er warnt vor Hysterie. "Ich kann wenig zu dem konkreten Fall sagen, der leider tödlich ausgegangen ist. Aber: Das zu verallgemeinern, wäre nicht richtig."


Zahl zum Thema: 50.000 Almkühe

In Österreich stehen im Sommer rund 270.000 Rinder auf Almen; in den bayerischen Alpen sind es etwa 50.000.

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