Gefängnis in München Stadt in der Stadt: Ein Rundgang durch die JVA Stadelheim

In jeder Zelle hofft ein Mensch auf gerade mal acht bis neun Quadratmeter darauf, hier möglichst bald wieder raus zu kommen. Die Bilder aud dem Inneren der JVA. Foto: Daniel von Loeper / az

Stadelheim – allein der Name des Gefängnisses flößt vielen Menschen Angst ein. Die AZ hat sich in Bayerns größtem Knast umgesehen. Dort, wo jeder nur raus will.

 

München - Ein Name steht nicht an der Zellentür. Das Wachpersonal kennt seine Pappenheimer. Aber es gibt eine Nummer und einen Hinweis auf die Essgewohnheiten der Gefangenen: Vollkornbrot, Schwarzbrot oder „Schweinefleischlos“ steht auf einem Schild neben jeder Stahltür, die in der Mitte eine sogenannte Kostklappe fürs Essen hat.

Hinter jeder dieser Türen hofft ein Mensch in einer gerade mal acht bis neun Quadratmeter großen, vergitterten Zelle darauf, hier möglichst bald wieder raus zu kommen. Morgens, um 7 Uhr schließen der Justizvollzugsbeamte Norbert T. (58) und seine Kollegen die Türen auf.

1247 Häftlinge sind derzeit in Stadelheim, dem größten bayerischen Gefängnis, untergebracht. Sie gehören 100 verschiedenen Nationen an. Der Ausländeranteil liegt bei 55,83 Prozent. Im Durchschnitt muss jeder 93 Tage bleiben. Dann wird er verlegt, tritt in einem anderen Gefängnis seine Strafe an oder wird wieder in die Freiheit entlassen. „St. Adelheim“, wie die Justizvollzugsanstalt (JVA) im Volksmund heißt, ist in erster Linie ein Untersuchungsgefängnis für Männer.

Knapp 400 Männer, die nicht mehr in Untersuchungshaft sind, sondern bereits verurteilt wurden, sitzen hier ihre Strafen ab. Im benachbarten Neubau sind Jugendliche und Frauen wie die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe untergebracht.

Wenn Norbert T. und die anderen JVA-Beamten die Türen aufgesperrt haben, gehen die Häftlinge in eine der Werkstätten zum Arbeiten, in eine Therapiegruppe oder auch zum Sport.

Stadelheim ist eine – durch hohe Mauern abgeriegelte – kleine Stadt in der Stadt. Tagsüber herrscht hier reger Betrieb. Rund 100 Lastwagen fahren werktags ein und aus, 400 Kilo Brot und Semmeln werden in den gefängniseigenen Backöfen gebacken, täglich bis zu fünf Tonnen Wäsche gewaschen und gemangelt und im Winter bis zu 10 000 Liter Heizöl verbrannt. Es gibt eine Kfz-Werkstatt, eine Schlosserei, eine Schreinerei und einen Baubetrieb. „Wir nehmen auch Aufträge von draußen an“, erklärt JVA-Chef Michael Stumpf.

Die Häftlinge fertigen Treppengeländer oder Bolzen, Kinderspielzeug und Vogelhäuschen, Kaninchenställe und Krippen. Manche Produkte werden im Auftrag von Firmen hergestellt, andere, vor allem dekorative, werden auf den Giesinger Weihnachts- und Wochenmärkten angeboten. Ab und zu kommt auch Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler persönlich vorbei, um in den Knastwerkstätten einzukaufen.

Häftlinge unter 21 Jahren sind verpflichtet zu arbeiten – aus erzieherischen Gründen. Je nachdem wie anspruchsvoll die Arbeit ist, gibt‘s dafür pro Tag 8,96 bis maximal 14,93 Euro. Das entspricht einem Stundenlohn von 1,12 bis 1,87 Euro. Für junge Häftlinge gibt es auch die Möglichkeit, im Gefängnis eine Ausbildung zu machen. Erst vor kurzem haben fünf ihre Lehrlingsprüfungen bestanden, 13 haben ihren Schulabschluss nachgeholt. Die Prüfer kamen in die JVA.

Im Gebäudetrakt an der Stadelheimer Straße ist die Krankenstation und eine erweiterte Hausarztpraxis untergebracht. Hier können kranke Patienten geröntgt werden oder sich einer Magen-Darm-Spiegelung unterziehen. Auf der Krankenstation werden in seltenen Fällen sogar sterbende Häftlinge bis zum Ende betreut – wie Rudolf U., der im Januar 2012 im Dachauer Amtsgericht den Staatsanwalt Tilman T. (†31) erschossen hatte. Der Mörder starb kurz nach seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft an den Folgen einer schweren Diabetes.

Auf dem Gelände der JVA wurden bis vor wenigen Monaten auch verschiedene Gemüsesorten für den Eigenbedarf und Blumen angebaut. Die Arbeit gilt als besonders geeignet für Häftlinge, die wenig kooperativ und integrationsbereit sind. Sie hegten und pflegten unter Anleitung Gurken, Paprika und Tomaten. Auf den ehemaligen Anbauflächen rollen inzwischen Bagger: Dort entsteht derzeit ein Hochsicherheitstrakt für das Oberlandesgericht. Gefängnischef Michael Stumpf hofft, dass bald Ersatz für die weggefallenen Felder und Gewächshäuser genehmigt wird.

Damit in der kleinen Stadt in der Stadt mit über 1000 (mutmaßlichen) Kriminellen keine Anarchie ausbricht und alles möglichst gut funktioniert, kommen täglich rund 650 Menschen „von draußen“ freiwillig in den Knast: Darunter sind Handwerker, Sozialarbeiter, Psychologen und Ärzte.

Die meisten aber sind für die Bewachung und Betreuung der Gefangenen zuständig: 450 sind sogenannte Beamte des allgemeinen Vollzugsdienstes. Der Begriff „Schließer“ gilt als beleidigend.

Zurzeit herrscht Nachwuchsmangel. „Wir haben 20 Stellen zu vergeben“, sagt Michael Stumpf. Norbert T. ist Stadelheims dienstältester Vollzugsbeamter: „Es ist ein sehr interessanter, abwechslungsreicher Beruf“, sagt er. Seit 39 Jahren arbeitet er hinter Gittern. „Wenn ich meinen Beruf nicht mögen würde, wäre ich nicht mehr hier“, sagt er trocken. Ein Allrounder müsse man sein und gut mit Menschen umgehen können. „Berührungsangst darf man keine haben.“

„Es sind viele schwierige Menschen bei uns, aber auch faszinierende Persönlichkeiten“, berichtet Michael Stumpf – wie der Maler aus Regensburg, der mindestens sieben Rentnerinnen auf dem Gewissen hat. Er hatte sie mit bloßen Händen erwürgt, weil er sie bestehlen wollte.

In Stadelheim zeigte sich der Serienmörder von einer anderen Seite. „Er hat für jeden Bediensteten, mit dem er zu tun gehabt hat, ein vierzeiliges Gedicht geschrieben. Die hat er dann bei der Weihnachtsfeier vorgetragen“, erinnert sich der Gefängnisdirektor an den grauhaarigen Mann.

Das Arbeitsklima unter vielen Beschäftigten scheint gut zu sein. „Wir gehen zusammen squashen, bowlen und kegeln“, sagt Andreas Endres (27), der in der Arbeitsverwaltung arbeitet. Auch Volleyball wird zusammen gespielt.

Das letzte Mal, als ein Gefangener versuchte auszubrechen, liegt schon ein paar Jahre zurück. „Das war noch im letzten Jahrtausend“, berichtet Michael Stumpf bei einer exklusiven Führung für die AZ.

Ende der 90er-Jahre war ein Häftling in der Kfz-Werkstatt in einen Van geklettert und hatte sich dort in ein Einbauschränkchen gequetscht. Der Bus verließ mit dem Häftling das JVA-Gelände. Seitdem muss jedes Auto, das das Gelände an der Stadelheimer Straße verlässt, einen „Personen-Herzschlagdetektor“ passieren. Für brenzlige Fälle gibt es eine eigene, bewaffnete Eingreiftruppe.

Ein Ausbruchversuch an sich ist nicht strafbar, solange niemand zu Schaden kommt und der Ausbrecher bei seiner Flucht nicht neue Straftaten begeht. Jeder begleitete Ausgang „nach draußen“, sei es für einen Arztbesuch oder die Beerdigung eines Verwandten, gilt als riskant.

„Bei so einem Ausgang ist mal einer in der Toilette durch ein ganz schmales verriegeltes Fenster getürmt“, erinnert sich Norbert T. (58). „Der Kollege konnte nichts dafür. Das hätte keiner gedacht, dass der da durchkommt.“

Ein anderes Mal ist ein Häftling strumpfsockert auf dem Weg zum Klinikum Großhadern getürmt.

Bereits am Nachmittag kehrt in Stadelheim Ruhe ein. Um 17 Uhr müssen die Häftlinge wieder in ihre Zellen. Norbert T. und seine Kollegen schließen die schweren Stahltüren ab. „Bis morgen“, sagt er zum Abschied

 

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