Gefährlicher Import Ambrosia-Pflanze: "Unfassbare Menge an Pollen"

Ein Wissenschaftler mit Schutzanzug, Handschuhen und Feinstaubmaske untersucht eine der gefährlichen Ambrosia-Pflanzen. Foto: dpa

Die bislang in Bayern weitgehend unbekannte Ambrosia-Pflanze kann für Allergiker eine Gefahr sein. Am Samstag ist Ausrupf-Aktionstag.

 

München - Auf Segelschiffen gelangten Ambrosiasamen in amerikanischen Weizen-Ladungen um 1870 an südeuropäische Häfen. Weil das Gewächs die Wärme liebt, breitet sich Ambrosia in Italien und Slowenien aus. Aus der Ecke um Wien, über die östliche Flanke der Alpen, drückt die problematische Pflanze jetzt nach Bayern. Professor Carsten Schmidt-Weber ist Allergieforscher in München. Der Biologe leitet das Institut für Allergieforschung am Helmholtz-Zentrum in Neuherberg: Er warnt vor der Pflanze.

AZ: Die meisten Münchner kennen die „böse Pflanze“ Ambrosia noch nicht. Warum?

CARSTEN SCHMIDT-WEBER: In Berlin und Brandenburg wanderte die Pflanze schon vor zehn Jahren über den Güterverkehr mit Polen ein. Das Thema ist in der Bevölkerung viel sichtbarer und vor allem Pollenallergikern längst ein Begriff.

In ganz Deutschland gibt es am 27. Juni Ausrupf-Aktionen und Infos für die Bürger...

In Bayern haben wir jetzt die Chance Ambrosia zu stoppen. Und das sollte auch dringend getan werden, ehe es zu spät ist. Berlin hat seine Chance schon verpasst. Wir begrüßen die Ausreiß-Kampagne und die strikte Gesetzgebung in der Schweiz. Dort reißen sie Ambrosia mit der Wurzel aus und mähen größere Bestände wiederholt ab, bis die Pflanze erschöpft ist.

Ambrosia blüht im September und Oktober. Was bedeutet das für Münchner Pollenallergiker?

Das Fiese an Ambrosia ist, dass die Patienten so einen Volljahres-Stress haben: Nach der Erle im Januar/Februar kommt im März/April schon die Birke, die Gräser blühen bis in den Spätsommer, dazu jetzt die neue Plage. Etliche Allergiepatienten leiden auch im Winter. Bei Asthma kann kalte Luft für einen Anfall reichen. Schlimme Anfälle können tödlich enden. Ambrosia kann für schwere Pollenallergiker gefährlich sein.

Ein Pollen ist ein lebender Partikel aus Tausenden von Substanzen. Sie haben gerade herausgefunden – mit dem Zentrum für Allergie und Umwelt der TU München – dass „Adenosin“ den Ambrosia-Pollen so aggressiv für den Menschen macht...

Es ist verrückt: Adenosin ist ein menschliches Molekül, das auch in Birkenpollen und sehr konzentriert in Ambrosiapollen vorkommt. Es führt ein Zwiegespräch zwischen Pflanzen- und Tierreich, was ungünstig ist, weil es die allergische Entzündung mit anheizt. Auf diese wirklich brandneue Entdeckung sind wir schon sehr stolz.

Sie forschen in Neuherberg mit acht hohen Ambrosia-Pflanzen in einem vollkommen isolierten Raum...

Das ist eine faszinierende Installation: Das Gewächshaus betreten unsere Kollegen nur mit Vollschutz. Wir haben alles unter Kontrolle. Ambrosia produziert so eine unglaubliche Menge an Pollen, dass wir mit wenigen Pflanzen gut für viele Experimente versorgt sind.

Wie breitet sie sich aus?

Die Ambrosia-Samen sind wirklich eine Plage. Außer im Vogelfutter werden sie über Autoreifenprofile verteilt. Der Mittelstreifen der A 8 ist garantiert Ambrosia-kontaminiert. Das Gewächs wandert so zu unseren westlichen Nachbarn.

Wie kann Bayern der gefährlichen Plage Herr werden?

Wir hoffen im Schulterschluss mit den bayerischen Ministerien für Umwelt und dem für Gesundheit ein Frühwarn-System für den Pollenflug entwickeln zu können. Wir haben gerade ein sehr dichtes Pollenfallen-Netzwerk aufgebaut. So nehmen wir den Kampf gegen die Allergie-Epidemie auf.

               

 

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