Geburtstagsinterview Konstantin Wecker - 65 Jahre Rebellion

Auch wenn Frankfurt tatsächlich sein Konzert verboten hat: Konstantin Wecker setzte sich trotzdem in den Zug, um am 17. Mai mit der Blockupy-Bewegung gegen die Bankenmacht zu demonstrieren. Foto: AP / Probst

Am Freitag feiert Konstantin Wecker Geburtstag: Im Café Ringelnatz plauderte er über Gott, die Welt und die Wut.

 

Während die Sonne mit der letzten Kraft des Tages Schwabing leuchten lässt, sitzen wir an einem Bistrotischchen im Café Ringelnatz. „Meine rebellischen Freunde“ heißt das Lesebuch, in dem Konstantin Wecker Texte von Dichtern, Wissenschaftlern, Journalisten, Aktivisten für den Frieden und spirituell Suchenden vorstellt, die ihn begleiten. Mit „Jeder Augenblick ist ewig: Die Gedichte“ ist eine Sammlung seines lyrischen Schaffens erschienen und auf der Hör-CD „Konstantin Wecker liest Rilke“ versenkt er sich in die Werke des Impressionisten. Erst im letzten Jahr hat er sein neues Studioalbum „Wut und Zärtlichkeit“ veröffentlicht. Am Freitag feiert der liedermachende Poet seinen 65. Geburtstag – mit Freunden und Familie in seinem Haus in der Toskana.

AZ: Es gibt das Klischee, dass Rebellion eine Sache der Jugend wäre.


KONSTANTIN WECKER: Es stimmt ja auch, dass eigentlich die rebellischen Kräfte in der Jugend stärker sind. Ich sehe das mit Freude an meinen eigenen Söhnen. Andererseits halte ich Rebellion – vor allem auch immer wieder gegen die eigene Trägheit – unabhängig vom Alter für eine notwendige Haltung. Ein selbstbestimmtes Leben ist ohne Rebellion nicht möglich.

In Kindern erlebt man sich doch zurückversetzt noch einmal?

Ich habe ein sehr schlechtes Gedächtnis, was meine Kindheit und meine Pubertät betrifft. Ich weiß nur grobe Umrisse. Ich kann mich nicht mehr wirklich in einen Pubertierenden einfühlen.

Hat dieses Nichterinnern einen Grund?


Vielleicht, weil ich sehr einsam war in diesen Jahren? Ich bin oft von zuhause abgehauen. Das wäre gar nicht notwendig gewesen, weil ich wirklich tolle Eltern hatte. Heute weiß ich erst, was man seinen Eltern damit antut. Und ich habe Gedichte geliebt und Gedichte geschrieben, und wohl nur mit Hilfe von Villon und Trakl hab’ ich meine Pubertät überhaupt überstanden. Ich habe mich sehr zurückgezogen damals – auch in das Rollenbild des Dichters.

Im Vorwort der „Rebellischen Freunde“ verwenden Sie den historischen Begriff der Obrigkeit. Taugt der noch, um unsere demokratisch gewählte Obrigkeit zu beschreiben?

Wir sind jetzt wieder in einer Situation, wo wir eine Obrigkeit haben, die nicht demokratisch gewählt ist.

Sondern?

Die Obrigkeit sind doch nun diese 500 Konzerne, Banken und Milliardäre, die zwei Drittel der Welt besitzen. Und so gerne ich jedem seinen Luxus gönne, mit dieser ungeheuren Anhäufung von Besitz und Reichtum haben sie eine gefährliche und jede Demokratie bedrohende Macht. Viele fordern ja, dass jetzt, wie in Italien, anstelle eines gewählten Vertreters ein sogenannter Finanz-Experte eingesetzt wird. Aber keiner dieser Experten konnte bis jetzt beweisen, dass er irgendetwas erreicht hat, außer ein Prozent der Bürger noch reicher zu machen. Die neoliberale, grenzenlose Freiheit der Märkte hat als Gesellschaftsmodell von Anfang an schon versagt. Man erinnere sich an Chile! Und Monti hat in Italien auch nichts verändert. Ich hoffe dort auf eine starke Linke bei den nächsten Wahlen.

Sie bezeichnen sich als Anarchist. Die Wenigsten können sich unter dem Begriff etwas vorstellen.

Anarchie wird leider meist mit Anomie verwechselt, einem Zustand gesellschaftlicher Unordnung, Gewaltherrschaft und völliger Gesetzlosigkeit. Bei der Anarchie handelt es sich vielmehr um die Abwesenheit von Herrschaft, Hierarchie und Gewalt. Das Menschenbild, das ihr zu Grunde liegt, ist zutiefst positiv. Mir geht es in meiner Utopie um eine Gesellschaft des empathischen Miteinanders, an Stelle von Konkurrenz und Leistungsdruck.

Wir haben die Hierarchien in uns gespeichert. Immer wieder ist bei Ihnen der Kampf gegen den Macho in sich selber ein Thema.

Ich wurde von meiner Mama wohl etwas zum Macho erzogen, auch wenn sie immer gesagt hat, wie furchtbar Machos seien. Ich war das klassische Einzelkind, ein Sohn, der seiner Mama nicht verloren geht, wenn er keine feste Beziehung hat. Aber gleichzeitig war es meine wunderbare Mutter, die mir die Liebe zur Poesie vermittelt hat, und in mich durch ihr Beispiel das Verständnis für kluge, eigenständige und selbstbewusste Frauen gepflanzt hat. Es hat etwas gedauert, bis ich mit dem Feminismus zurecht kam. Und nicht zuletzt meine Frau und Christa Spannbauer, die am Rebellenbuch mitgearbeitet hat, sind dafür verantwortlich, dass für mich Feminismus und Patriarchatskritik ein unabdingbarer Bestandteil meines politischen Denkens sind.

Rebellion ist auch eine Rebellion gegen sich selbst?


Vielleicht sogar in erster Linie gegen sich selbst. Ich habe schon vor 20 Jahren angefangen, auch von mir selbst zu fordern, dass politisch aktive Menschen Spiritualität bräuchten und die spirituelle Bewegung mehr politisches Engagement. Das war nicht leicht, denn allein bei dem Wort Spiritualität bekommt so mancher Genosse schon einen Brechreiz.

Gibt es einen Unterschied zwischen Religiosität und Sprititualität?

Mir hat mal ein Obdachloser gesagt: Religiös sind Leute, die Angst vor der Hölle haben, spirituell sind Leute, die durch die Hölle gegangen sind. Ich denke, Religiosität hat immer auch mit einem institutionalisierten Glauben zu tun und der kommt ohne Dogmen nicht aus. Damit kann ich nichts anfangen. Ich halte jungfräuliche Geburt und leibliche Auferstehung schlicht für Humbug. Der Mystiker dagegen will alle Antworten Gottes in sich selbst erfahren, ohne die amtliche und meist kostenpflichtige Vermittlung eines Priesters oder einer Kirche. Meine Oma war das frommste Frauenzimmer, das der Herrgott jemals gesehen hat. Eine Woche, bevor es an den Tod ging, fing sie an zu hadern, zu zaudern. Der Agnostiker, sagen mir viele Sterbebegleiter, geht am leichtesten rüber.

Als Dichter sind Sie Weltbewältiger. Ein Lyriker hört nicht nur die Bedeutung der Worte, sondern auch ihren Klang?


Das war der Grund, warum ich eine Hör-CD produziert habe, auf der ich Rilke-Gedichte spreche. Ich lasse mich hineinziehen in diesen Klang. Ich habe sehr dezent Klavier dazu gespielt, und viele haben mir gesagt, es hilft, sich auf das Abenteuer einzulassen, Worte zu hören und nicht sofort mitdenken zu wollen. Es ist das Geheimnis der Lyrik, dass sie uns etwas aus einem Bereich vermittelt, den die Ratio gar nicht mehr so richtig erfassen kann. So sollte man sich Gedichte selber vorsprechen. Dann findet man einen Zugang. Wenn man natürlich ein sehr holpriger Leser ist, dann sollte man es sich besser von jemandem vorlesen lassen.

Am 15. Juli spielt Konstantin Wecker ab 19 Uhr in der Musik Arena auf Tollwood, Infos unter www.tollwood.de

 

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