Gastspiel des ungarischen Nationaltheaters „Ilonka Tóth“ in der Inszenierung von Attila Vidnyánszky

Kinder, als Gewehr! Die Schlussszene von „Ilonka Tóth“ im Carl-Orff-Saal. Foto: Robert Braunmüller

Wo der Gulasch-Kommunismus brenzling wird: Das Nationaltheater aus Budapest mit einem Drama über den Volksaufstand von 1956 im Gasteig

 

In seiner Inszenierung von Paul Claudels „Johanna auf dem Scheiterhaufen“ agierten die Übeltäter mit überdimensionierten Spielkarten, auf denen Karikaturen von EU-Politikern wie Martin Schulz oder Daniel Cohn-Bendit zu sehen waren. Attila Vidnyánszky will die „falsche Ideologie der zur Gesichtslosigkeit führenden Globalisierung“ bekämpfen und die „charakteristischen nationalen Werte retten, hochhalten und weiterentwickeln“.

Vidnyánszky steht der ungarischen Regierungspartei Fidesz nahe. Die Regierung von Viktor Orbán machte ihn – natürlich über eine angeblich unabhängige Jury – zum Intendanten des Budapester Nationaltheaters, wo er den linksliberalen (und schwulen) Robert Alföldi ablöste.

So erzählen es einem jedenfalls Orbán-kritische Intellektuelle. Aber es schadet natürlich nie, sich ein eigenes Bild zu machen. Am Mittwoch war das möglich: Da gastierte auf Einladung des ungarischen Generalkonsuls das Budapester Nationaltheater im Carl-Orff-Saal des Gasteig – eine halböffentliche Veranstaltung zum Nationalfeiertag.

Zu sehen war Vidnyánszkys Inszenierung von „Ilonka Tóth“: ein Drama über einen Schauprozess nach der Niederschlagung des Aufstands von 1956. Auf der Bühne ein Berg von Karteikästen. Oben thronte ein Richter, der Todesurteile am Fließband verkündete. Der Zuschauer wurde Zeuge, wie Geheimdienstleute in russischem Auftrag die Verschwörung einer angeblichen „Morphium-Ärztin“ konstruierten, die einen russischen Soldaten ermordet haben soll. 1957 wurde die Medizinstudentin durch den Strang hingerichtet.

Fake-News im Spätstalinismus

Der sogenannte Gulaschkommunismus des Genossen János Kádár war also nicht ganz so harmlos. Die Vertreter Moskaus sind auf eine sehr gemütliche Weise brutal. Die Aufführung pflegt durchaus einen anti-russischen Affekt. Aber sie distanziert sich sehr deutlich von der in Ungarn nicht ganz unbekannten Seuche des Antisemitismus. Doch das Stück von Andor Szilágyi ist auch für Nicht-Ungarn aktuell: Es erinnert daran, dass Fake-News auch schon früher produziert wurden, und zeigt, wie das Volk unter tatkräftiger Mithilfe williger Medien drauf hereinfiel. Das ist eine Wahrheit, bei der ziemlich egal ist, ob sie nationalkonservativ vorgebracht wird oder linksliberal.

Vidnyánszkys handwerklich solide Inszenierung wirkt für deutsche Verhältnisse nicht besonders hauptstädtisch. Viel Mitgefühl für die unpolitische Märtyrerin bringen weder Stück noch Inszenierung auf. Es geht unter im Getöse aus Gewehrsalven, Filmeinblendungen und kommunistischen Gesängen.

Zuletzt nationales Pathos

Dann schlägt die Aufführung um in ein nationales Weihespiel: Die Senioren des Ensembles treten aus ihren Rollen heraus. Sie berichten, wie sie den Ungarnaufstand selbst erlebt haben. Eine Darstellerin erzählt von ihrer Mutter, einer populären Schauspielerin. Sie habe gelobt, erst wieder auftreten zu wollen, wenn der letzte Russe Ungarn verlassen habe. Ein mit Orden geschmückter Mann in Uniform berichtet, wie er nach einem Massaker der Russen halbtot in ein Massengrab geworfen und doch in letzter Sekunde gerettet wurde. Er habe Ilonka Tóth gekannt und verbürge sich dafür, dass keine der gegen sie gerichteten Anschuldigungen wahr sei.

Dann ein patriotisches Lied, Kinder mit Schusswaffen, eine Fackel. Man ist bewegt, ein wenig peinlich berührt auch. Die Geschichte ist in Ungarn gegenwärtig. So gegenwärtig möglicherweise, dass sie zur Belastung wird. Das Land hat gleich zwei Nationalfeiertage, die vergeblicher Aufstände gedenken und einen nationalen Opfermythos pflegen. Aber wo hört Patriotismus auf, wo fängt Nationalismus an? Es schadet nie, den Nachbarn zuzuhören. Um sie, auch wenn man mit ihnen vielleicht politisch nicht übereinstimmt, zumindest besser zu verstehen.

 

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