Gasteig So war das Konzert von Art Garfunkel

Art Garfunkel im vergangenen Jahr im Berliner Admiralspalast. In der Münchner Philharmonie waren keine Fotos erlaubt. Foto: Ben Kriemann/Imago

Art Garfunkel singt mit seinem Sohn in der Philharmonie und ignoriert dabei alle gängigen Konventionen

 

Der Mann, der früher ganze Länder zu Fuß durchschritt, humpelt auf die Bühne, langsam, gebeugt, in eckigen Bewegungen. Aber als er das Mikro erreicht, hat er einen erinnerungswürdig coolen Eröffnungssatz parat: „Ich wette, Ihr denkt Euch alle: ,Ich kann nicht glauben, dass er das immer noch macht. Wie alt ist er, 96?“

Seine treuesten Fans wissen freilich, wie alt er ist: 78, und zwar auf den Tag genau. Einige Gäste fangen an, „Happy Birthday“ zu singen, der fast komplett ausverkaufte Saal stimmt ein. Wie dieser Auftakt wird das ganze Konzert sein: eigen, erinnerungswürdig, ganz anders als andere Konzerte.

Ausnahmslos Balladen

Art Garfunkel hat mit 78 nicht mehr die Wahnsinnsstimme von früher, beim Eröffnungsstück „April Come She Will“ ist sie noch wacklig, einige Noten trifft er nicht genau. Aber er fängt sich schnell, und vom Schmelz seines Engelstenors ist immer noch genug übrig, damit man ihm sehr gern zuhört.

Mit zwei fähigen Musikern an Akustikgitarre und E-Piano singt er ausnahmslos Balladen, natürlich auch die genialen Songs seines Schulfreundes Paul Simon, mit dem er als „Simon & Garfunkel“ weltberühmt wurde: „The Boxer“, „For Emily, Whenever I May Find Her“ oder „Homeward Bound“ – und das ist, man denke, der schnellste Song des Abends. Dazu gibt es noch Covers wie Randy Newmans „Real Emotional Girl“ und ein paar Solonummern wie „Bright Eyes“, das überall auf der Welt ein Hit war, wie er erzählt, und sich nur in seiner Heimat überhaupt nicht verkaufte.

Alles klingt sehr schön, doch ausgerechnet bei den größten Hits gibt es Hänger: Beim ersten Refrain von „Bridge of Troubled Water“ bleiben ihm die Töne weg, bei „The Sound of Silence“ kommt ein völlig unpassender Stampf-Beat aus dem Computer. Aber dieses Konzert wird ohnehin weniger wegen der hörenswerten Musik in Erinnerung bleiben, sondern wegen der Dramaturgie. Denn Art Garfunkel hat sich von allen gängigen Konventionen verabschiedet.

Eine Bühne für den Sohn

Schon nach zwei sehr kurzen Songs verabschiedet er sich wieder und überlässt die Bühne seinem 28-jährigen Sohn. Der heißt eigentlich James, nennt sich neuerdings aber Art Garfunkel jr. Er ist früher mit schrillen bis verstörenden Medienauftritten aufgefallen, war mit 17 nach Berlin gezogen und wollte in Immobilien machen. Dann ließ er sich von der ProSieben-Sendung „taff“ begleiten, wie er in prolligen Discos auf Brautschau ging.

Dabei hat dieser junge Mann die Gabe seines Vaters geerbt: Er hat einen ganz ähnlichen, großartigen, glockenhellen Tenor. Bei seiner ersten Einlage stellt sich der Senior an den Bühnenrand, schaut an die Wand und hört zu. Wenig später darf Art jr. dann den sehr kurzen ersten Set beenden. Und am Ende von Charlie Caplins „Smile“ hüpft seine Stimme mühelos ins Register eines Countertenors – erstaunlich.

Er darf dann auch nach der Pause gleich weitermachen: Aber „That’s Amore“ würde deutlich besser als Einlage eines Restaurantsängers zwischen zwei Gänge passen als zwischen zwei Songs eines Garfunkel-Konzerts. Ungleich besser sind dann die Stücke, die Vater und Sohn gemeinsam singen. „Ich bringe ihm bei, die Everly Brothers zu lieben“, sagt der pädagogisch wohlorientierte Vater. Und „Devoted To You“ und „Let It Be Me“, bei denen Art senior die tiefere Stimme übernimmt, sind ganz klar der Höhepunkt des Abends: Vater und Sohn kommen dem magischen Sound des Brüderpaares extrem nahe – ist dafür am Ende eine hohe genetische Übereinstimmung vonnöten?

Nach „Let It Be Me“ küsst der Sohn den Vater, dann der Vater den Sohn, und als sich alle vier Musiker lange verbeugen und winken, scheint das Konzert zu Ende zu sein. Aber weit gefehlt: Nun beginnt der Teil des Abends, an dem Art Garfunkel Gedichte vorträgt.

Der perfekte Moment

Das ist nach einigen der bekanntesten Hits des 20. Jahrhunderts nicht gerade der gängige Weg, um die Stimmung weiter anzuschüren, aber immerhin gibt es zwischendrin noch den Paul Simon-Song „Kathy’s Song“. Garfunkel verabschiedet sich dann mit einem Gedicht, das man auch als Gebet bezeichnen könnte. Als das begeisterte Publikum dann noch eine Zugabe fordert, singt Garfunkel nicht etwa „Mrs. Robinson“, sondern seinen ebenso schönen wie unbekannten Solosong „Perfect Moment“ – und zwar zum zweiten Mal!

Von all dieser Unkonventionalität lässt sich schließlich auch eine Konzertbesucherin aus der ersten Reihe anstecken. Art Garfunkel bedankt sich zum Abschied bei seinem Publikum für die lebenslange Treue, er wirkt aufrichtig gerührt, verbeugt sich tief. Und da erkennt die Dame den vielbesungenen „perfekten Moment“, um die Treppe der Philharmonie hinaufzuspazieren und Garfunkel vor den Augen von über 2000 Zuschauer zu bitten, ein Buch zu signieren.

Der reagiert souverän, vertröstet sie mit einer Geste auf „später“. Und huscht dann deutlich schneller von der Bühne, als er gekommen war.
 

 

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