Gasteig-Generalsanierung Münchner Philharmoniker: Die Angst vor dem Umzug

Max Wagner (Gasteig-Geschäftsführer, l.), Matthias Ambrosius (Orchestervorstand), Anton Biebl (Kulturreferent) und Paul Müller (Intendant der Philharmoniker) beantworten auf dem Podium Fragen der Abonnenten. Foto: RBR

Die Philharmoniker informieren ihre Abonnenten über den bevorstehenden Umzug in den Gasteig Sendling.

 

München - Die Hans-Preißinger-Straße dürften nicht viele Münchner kennen. Das Heizkraftwerk Süd mit seinen markanten weißen Schloten ist allerdings mehr oder weniger ein Wahrzeichen von Sendling, das unübersehbar an der Einfahrt zum Brudermühltunnel am Mittleren Ring steht. Und wenn sich dort wieder mal der Autoverkehr staut, kann einem auch die markante Trafo-Halle mit ihrem Krüppelwalmdach auf der gegenüberliegenden Straßenseite auffallen.

Hier zieht – nach gegenwärtiger Planung – im Sommer 2021 der Gasteig ein, wenn die lange hinausgezögerte Generalsanierung des Kulturzentrums am Isarhochufer beginnt. Hinter der Trafohalle, wo gegenwärtig eine Baugrube zu sehen ist, spielen dann im Herbst 2020 in der 1.800 Zuhörer fassenden Interims-Philharmonie die Münchner Philharmoniker ihr erstes Konzert.

Drohende Kündigungen

Eine Befragung hat ergeben, dass 46,2 Prozent der Abonnenten des Orchesters nicht wissen, wo sich die Hans-Preissinger-Straße befindet, obwohl der Gasteig den Umzug seit einiger Zeit sehr offensiv kommuniziert. Noch besorgniserregender ist, dass 36,1 Prozent erwägen, nach dem Umzug ihr Abonnement bei den Philharmonikern aufzugeben.

Diese Zahl müsste auch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und die privaten Veranstalter alarmieren. Auch sie sind bis auf weiteres ebenfalls auf das Interim angewiesen, weil der Neubau des staatlichen Konzertsaals im Werksviertel frühestens 2022 begonnen wird. Der in die Jahre gekommene Herkulessaal und das beliebte Prinzregententheater sind mit knapp 1300 beziehungsweise 1000 Plätzen zwar für Kammermusik geeignet, Konzerte von Gastorchestern lassen sich hier aber nicht wirtschaftlich durchführen.

Am Donnerstag luden die Münchner Philharmoniker daher zu einer Informationsveranstaltung ein, um ihren treuesten Kunden ein wenig die Ängste vor dem Interim zu nehmen, das nun als „Gasteig Sendling“ firmiert. Dabei wurde deutlich, dass die Frage der Erreichbarkeit den Besuchern die meisten Sorgen bereitet.

Nahe der U-Bahn, aber wenige Parkplätze

Gasteig-Chef Max Wagner versuchte, diese Ängste mit Tatsachen zu mindern: Der Weg von der U-Bahnstation Brudermühlstraße zum Interim ist lediglich 180 Meter weiter wie jetzt von der S-Bahn am Rosenheimer Platz zur Philharmonie. Die MVG verspricht den Takt auf der U3 abends zu verdichten. Und wem die 380 Meter zwischen dem Bahnhof und dem Interim zu weit sind, kann auch eine Haltestelle weit mit einem dann öfter verkehrenden Bus fahren.

Mit dem Auto wird es schwieriger. An der Rosenheimer Straße gibt es außer der Garage unter dem Gasteig mit 300 Plätzen zwei weitere Tiefgaragen unter dem Hilton und dem Motorama. In Sendling werden nur 200 Plätze auf dem Gelände des Blumengroßmarkts zur Verfügung stehen.

Über eine Ausweitung wird derzeit verhandelt. Zusätzlich denken die Stadtwerke darüber nach, auch neuere Formen der Mobilität wie Sammeltaxis bevorzugt am Gasteig-Interim auszuprobieren, um wenigstens in der Stadt wohnende Besucher von der Anfahrt mit dem eigenen Auto abzuhalten.

Paul Müller, der Intendant der Philharmoniker, kündigte an, um jeden abwanderungswilligen Abonnenten kämpfen zu wollen. Er stellte die Chancen des Umzugs heraus: Die Akustik des Interimsbaus werde von Yasuhisa Toyota gestaltet. Der intimere Rahmen verspreche ein intensiveres Konzerterlebnis. Weil neue Säle immer auch ein neues Publikum anzögen, bestehe eine einmalige Chance zur Weiterentwicklung. In der Trafo-Halle, dem Foyer der Interimsphilharmonie, könnten die bisher in Clubs ausprobierten neuen Konzertformen für ein jüngeres Publikum weitergeführt werden.

Nachhaltigkeit

Wortmeldungen aus dem Publikum plädierten dafür, auch an Besucher mit eingeschränkter Mobilität zu denken. Natürlich wurden auch grundsätzliche Zweifel an der Notwendigkeit der Sanierung laut. Max Wagner konterte sie mit Beispielen aus der Haustechnik: Die Kabelschächte seien dem Internet-Zeitalter nicht mehr gewachsen, die Sprinkleranlage erfülle nicht mehr den Anforderungen des Brandschutzes. Als ein Abonnent die Nachhaltigkeit der Sanierung bezweifelte, wies Wagner darauf hin, dass derzeit zum Fenster hinaus geheizt werde und die Dämmung des Gebäudes nicht den aktuellen Standards entspreche.

Eine Abonnentin interessierte sich für die Nachnutzung des 90,4 Millionen teuren Interims in Sendling. Entsprechende Anträge seien im Stadtrat eingebracht, erklärte Kulturreferent Anton Biebl. Aber er trete auch hier für Nachhaltigkeit ein. Die im Raum stehende Frage nach drohenden Überkapazitäten angesichts des Neubaus im Werksviertel konterte er mit einem Lob der Musikstadt München, ihrer Top-Orchester und dem Alleinstellungsmerkmal des Gasteig, den Verbund aus Philharmonikern, Stadtbibliothek, Volkshochschule und Musikhochschule.

Der Stadtrat muss noch entscheiden

Abschließend ging es noch um die Zukunft des Gasteig. Max Wagner stellte das siegreiche Projekt des Büros Henn vor, das mit einer gläsernen „Kulturbühne“ die Trakte des Gebäudes verbinden soll. Diese verlängerte Glashalle steht für ein Plus an Vernetzung und Öffnung des Gasteig. Paul Müller betonte, dass die Philharmonie bei der Sanierung neben der akustischen Optimierung auch optisch verändert werden müsse, weil das Auge nun einmal mithöre. Die Erneuerung werde derzeit vorbereitet, konkrete Pläne gebe es noch nicht, womit sich auch die Frage einer Abonnentin erledigte, was mit dem kanadischen Ahorn der Wandverkleidung passiere.

Unerwähnt blieb in diesem Zusammenhang die Kommunalwahl im März: Die Generalsanierung wurde zwar vom gegenwärtigen Stadtrat beschlossen. Aber die konkrete Veränderung in der Philharmonie, dem Zwischentrakt mit dem Carl-Orff-Saal und im Bibliotheksbereich bedürfen im Herbst 2020 einer erneuten Stadtratsabstimmung. Und da angesichts der Gesamtkosten von (derzeit) 450 Millionen Euro manchem Kommunalpolitiker ein Schauder über den Rücken läuft, sind Abstriche nicht ausgeschlossen.

Natürlich wurde auch ein wenig in Wunden der Vergangenheit gestochert. Ein Abonnent wollte wissen, wieso die Philharmonie nicht in den seit Jahren leerstehenden Kongresssaal des Deutschen Museums gezogen sei. Das sei auch sein erster Gedanke gewesen, erklärte Max Wagner. Aber erstens sei das Museum nicht städtisch. Außerdem habe man ihm erklärt, dass das Dach einsturzgefährdet sei und man überhaupt eigene Pläne mit dem Gebäude habe. „Jetzt ist dort eine Diskothek untergebracht“, resümierte Wagner dieses städtebauliche Dauerärgernis trocken.

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