Gasteig auch außen Das RischArts Projekt

Thomas Thiedes Installation „Neues vom ungläubigen Thomas“. Foto: RischArts

Brisante Fragen, keine klaren Antworten: Beim 15. RischArt-Projekt im Gasteig geht es um Kommunikation und ihre Irrwege

 

"Change“ steht in große Lettern im Hof des Gasteig-Kulturzentrums. Die Buchstaben strahlen leise tropfend eine große Kälte aus – sie sind aus Eis. Inmitten der Zuspitzung der Corona-Krise klingt „Veränderung“ wie eine starke Untertreibung.
Aber als Kuratorin Katharina Keller das 15. RischArt-Projekt plante, für das Dana Lürken ihre vergängliche Skulptur schuf, war die Klima-Krise die größte Bedrohung. Jetzt hat vorübergehend der Coronavirus medial alles in den Hintergrund gedrängt.
Zwar wird die Schau mit den Beiträgen von zehn Künstlern am Sonntag eröffnet, aber die angekündigten Performances finden nicht statt, auch Reden sind gestrichen. Und sollte der Gasteig schließen, bleiben immerhin drei Kunstwerke im Außenraum sichtbar. Und die Dauer der Präsentation aller Exponate im Foyer würde verlängert werden.

Der Gasteig als wahrhaft öffentlicher Ort 

Das Kunst-Projekt findet seit 1983 alle drei Jahre statt, finanziert von Gerhard und Magnus Müller-Rischart. Katharina Keller wollte es heuer unbedingt im Gasteig stattfinden lassen, weil er ein für alle offenes Haus ist. Gasteig-Chef Max von Wagner hat sogar die Hausordnung explizit dahingehend festgeschrieben, dass hier keinerlei Diskriminierung geduldet wird. Der Gasteig ist eben ein wahrhaft öffentlicher Raum – nur mit schützendem Dach drüber – und daher für Kunst ideal.

Und obwohl das diesjährige Motto „Jaja Neinnein Vielleicht“ sperrig klingt, ist die Schau in ihrer Konzentration und Prägnanz absolut gelungen. Keller stellte einerseits fest, dass Schrift und Sprache in der zeitgenössischen Kunst wieder eine größere Rolle spielen und machte Kommunikation zum Thema: verbal, nonverbal, bildlich.

„Neues vom ungläubigen Thomas“

Denn andererseits spiegele sich in der „Veränderung der Kunst ja auch ein gesellschaftlicher und kultureller Wandel“. Inzwischen stecke, so Keller „in viel Rede“ doch immer öfter „wenig Aussage“ – daher der Titel, der zugleich auch auf der akustischen Beuys-Arbeit „Ja Ja Ja Ja, Nee Nee Nee Nee“ von 1978 basiert. Dessen wie irre klingendem Geplapper kann man gleich am Ende der Rolltreppe lauschen. Aber schon auf dem Weg dorthin wirkt das Foyer surreal verfremdet: An den Pfeilern sieht man rechts einen lebensgroßen Antilopenkopf, links einen Kormoran. Wenn man sich umdreht, schaut man auf eine kauernde Löwendame – und gegenüber auf das Videobild eines Kindes.

Thomas Thiede schuf diese vierteilige Installation „Neues vom ungläubigen Thomas“, in der er die Symbole der vier Evangelisten variiert. Die ausgeprägte Skepsis seines Namensvetters, des Apostels Thomas, gilt Thiede dabei als gesunde geistige Haltung, quasi als Urinstinkt, den man im Dschungel alternativer Fakten nicht verlieren sollte.

Über den Köpfen der Besucher schweben die Stoffbahnen von Alicia Framis, deren feministische Arbeit in 12 Sprachen die Frage „Is my body public?“ stellt. Und im ersten Stock stößt man auf einen gestrandeten Wohnwagen, von Moos bewachsen und von Schottersteinen beschwert – „von wegen“ steht doppelsinnig mit Leuchtschrift im Inneren. Der Wagen ist nicht mehr reisefähig, und der Weg, falls da einer war, hier zu Ende. Thomas Rentmeister schuf diese beklemmend aktuelle Metapher der Unbeweglichkeit.

„Corona-uninfiziert“

Wiederum im Außenraum – also „Corona-uninfiziert“ – , auf der Ostseite, steht Sophia Süßmilchs „Denkmal der Beleidigung“. Ein hoher Gips-Sockel, der ein Marmor-Monument persifliert: Die Inschrift ist eine Litanei von Beleidigungen. Süßmilch beauftragte Kunstkritiker mit Verrissen.

Deren performative Umsetzung war zusätzlich geplant, man kann die Texte aber auch ohne Vortrag im S-Bahn-Sperrengeschoss lesen. Wortmächtig verhandeltes Thema ist hier, wie man Gegenwartskunst beurteilt, die oft bewusst alle klassischen Qualitätskriterien unterläuft.
Ziemlich krass sind auch die Worte, die Maximilian Erbacher in schwarz auf weiß auf fünf Fahnen drucken ließ, die im Wind vor der Bibliothek wehen: „Wohin mit/den Menschen/ohne Heimat/ohne Arbeit/Scheißegal“. Diese Überspitzung ist eine Anklage, keine Aussage – deren Härte aufrüttelt.
Die Solidarität mit den Schwächsten, die hier provokant in Frage gestellt wird, ist zur Zeit jedenfalls dringend nötig.    
    
Gasteig, bis 5. April, täglich 11 – 20 Uhr. Der Außenraum ist immer zugänglich

 

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