Galerien in München: Klüser Mit Beuys ging’s gleich in die Champions League

Erst stand’s gar nicht zur Debatte, aber jetzt ist Bernd Klüser ziemlich froh, dass Tocher Julia in die Galerie eingestiegen ist. Foto: Marco Funke

Wer am Anfang Glück hat, muss es päppeln. Bei Bernd Klüser kommt der Sinn für Qualität dazu – den hat er Tochter Julia vererbt

Erstaunlich wenig hängt in diesem Arbeitszimmer. Ein kleiner Warhol-Lenin behauptet sich zwischen zwei Fenstern. Für die Kunst ist vorne, in den großzügigen Galerieräumen zur Georgenstraße hin Platz. Bernd Klüser hat dafür Regale, in denen gleich Dutzende Kataloge seiner Heroen stehen. Er blättert eh lieber, der Computer ist nicht sein Ding. Und auch der riesige Schreibtisch lädt eher dazu ein, Zeichnungen auszubreiten, um in Ruhe darüber zu sinnieren. Aber vielleicht ist das ja schon ein Geheimnis seines Erfolgs: Der Mann, der die Crème der Szene betreut, konzentriert sich ganz einfach aufs Wesentliche.

Natürlich ist da der Blick, dieses Gespür für die echten Perlen. Dass Joseph Beuys nicht irgendein Durchschnittskandidat war, hat Klüser sehr früh gespürt. Ende der 1960er, am Anfang seines Jurastudiums, erwarb er die ersten Zeichnungen für ein paar Hundert Mark. „Aber man muss auch Glück haben“, sagt er. Für ihn war das zum einen die Galerie von Heiner Friedrich. Richter, Palermo, Polke, alle bekannten Leute saßen da, und man bekam im lockeren Gespräch den Kompaktkurs fürs Zeitgenössische. Zum anderen hatte Beuys in München noch keinen Galeristen – das war für Klüser und Kompagnon Jörg Schellmann 1970 die Gelegenheit. Die Folgen sind längst Stadtgeschichte.

Heute lächeln die damaligen Beuys-Kämpfer über die wahrscheinlich letzte große Kulturschlacht, 1979 war der Einsatz für den Ankauf des Environments „Zeige deine Wunde“ allerdings kein Spaß – und Klüser mittendrin. Das mag für manchen Schnee von gestern sein, der Kunststadt München hat diese Auseinandersetzung einen entscheidenden Schub verpasst.

Ausgerechnet Cindy Sherman war anfangs ein Ladenhüter

Wobei die Tür zur aktuellen Kunst noch lange angelehnt blieb. Den kleinen Hinterhofladen an der Barerstraße hatten Klüser und Schellmann Ende der 70er schon gegen eine Galerie an der noblen Maximilianstraße getauscht, doch im Gegensatz zu großen Namen wie Andy Warhol oder Jannis Kounellis kamen ein paar junge Unbekannte, die Klüser ins Boot holte, so gar nicht an. Aber man muss in diesem Metier Geduld haben. Die kleinen Schwarzweiß-Fotografien, die damals von Cindy Sherman ausgestellt waren, gehören längst zu den gesuchten Raritäten, die Millionenbeträge erzielen. Und mit Tony Cragg, Enzo Cucchi, Jan Fabre, Alex Katz, Rita McBride oder dem aktuell ausgestellten Jung-Star Jorinde Voigt sind potente Kollegen hinzu gekommen. „Wenn man mit Leuten wie Beuys und Warhol anfängt, liegt die Latte halt ziemlich hoch“, erklärt Klüser die illustre Runde.

Die unterschiedlichsten Typen und Stile treffen da aufeinander, eine Konzeptgalerie hatten Bernd Klüser und seine Frau Verena, die sich um die hochkarätige Sammlung Klüser kümmert, nie im Sinn. Dafür steht auf dem Tisch des 68-Jährigen, bei dem nicht nur Beuys und Warhol ein und ausgingen, ein unscheinbares kleines Metallschild mit der Aufschrift „Qualität“. Sein Credo – und inzwischen auch das seiner Tochter Julia. Nach Stationen im New Yorker Whitney-Museum, in Paris und beim Kunsthändler Anthony d’Offay in London ist die Kunsthistorikerin vor zwölf Jahren in die Münchner Galerie eingestiegen. Das hätte gar nicht zur Debatte gestanden, aber man merkt sofort, wie sehr dem Vater die Zusammenarbeit behagt – inklusive der Aussicht, dass es weitergeht.

Auch Dank Klüser gibt's das Museum Brandhorst

Logischerweise war das die Voraussetzung, neben der 1985 bezogenen Georgenstraße 2002 die Dependance an der Türkenstraße zu eröffnen. Wenige Schritte vom Museum Brandhorst entfernt, das im Grunde auch auf seine Initiative und Vermittlungsgabe zurück geht. Aber darüber mag der bescheiden-zurückhaltende Senior nicht reden. Lieber schwärmt er von den Räumen mitten im Kunstareal, der wunderbaren Ladenfassade und den erweiterten Ausstellmöglichkeiten. Von Skulpturen, die man hier nicht die Treppen hoch schleppen muss bis zur jungen Kunst, die naturgemäß eher die Sache der Tochter sei.

Für Jorinde Voigt und deren filigrane Weltfassungspartituren können sich beide begeistern, auch für die noch unbekannte amerikanische Fotokünstlerin Lori Nix, die mit ihren schrägen Desaster-Bilder demnächst für Aufsehen sorgen darf. Da bleibt Klüser der Neugierige, der Entdecker, der als Schüler Ernst Wilhelm Nay besucht hat oder dann gleich nach dem Abitur mit seiner späteren Frau unangemeldet bei Oskar Kokoschka am Genfer See vor der Tür stand – und auf durchaus zugängliche Künstler traf.

Solche Vorort-Spontaneitäten sind schon lange undenkbar. Dafür könne man übers Internet an einen völlig unbekannten Kunden ein Bild verkaufen. Da klingt der erfahrende Galerist zum ersten Mal verblüfft. Um dann doch ein bisschen zu hadern: „Früher war der Markt überschaubarer, alles lief auf der Basis des Vertrauens. Heute sind durch diese völlig abstrusen Preisentwicklungen Elemente dazu gekommen, die mit der Kunst nichts mehr zu tun haben.“ Da bewege sich manches in rechtlichen Grauzonen. Aber Klüser, der Jurist, wäre nicht Galerist geworden ohne diesen leisen, ausdauernden Optimismus hinter den melancholischen Jacques-Brel-Augen. „Es wird auch wieder anders“, meint er, „die Kunst hat sich noch immer selbst aus dem Sumpf gezogen“.

Galerie Bernd Klüser, Georgenstr. 15, Di bis Fr 11 bis 18, Sa bis 14 Uhr;
Galerie Klüser 2, Türkenstr. 23, Di bis Fr 14 bis 18, Sa 11 bis 14 Uhr,
Kontakt allg. Tel. 38 40 810;
Jorinde Voigt in beiden Galerien bis 22. Februar 2014

 

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