Gärtnerplatztheater Torsten Fischer über seine Inszenierung von Händels "Messias"

Händels "Messias" im Gärtnerplatztheater. Foto: Marie-Laure Briane

Das Gärtnerplatztheater zeigt Händels Oratorium "Der Messias" szenisch

 

Nach seiner Inszenierung von Henry Purcells „King Arthur“ vor drei Jahren nimmt Regisseur Torsten Fischer ein weiteres barockes Werk in Angriff. Am Donnerstag hat seine szenische Version des populärsten Oratoriums von Georg Friedrich Händel, „The Messiah“, am Gärtnerplatztheater Premiere. Wie schon bei „King Arthur“, gehören Bühnenbildner Herbert Schäfer, Kostümbilder Vasilis Triantafillopoulos und Choreograph Karl Alfred Schreiner wieder zum Team.

AZ: Es gibt so viele dramatische Oratorien von Georg Friedrich Händel. Warum wählten Sie ausgerechnet den „Messias“ aus, der keine echte Handlung hat?
TORSTEN FISCHER: Ich hatte in meiner Laufbahn genug Drama... Für mich gibt es Projekte, die einfach gemacht werden müssen. Das war etwa die spartenübergreifende Arbeit in „King Arthur“. Es war herrlich, mit so vielen Menschen zusammen zu arbeiten, die so viel Verschiedenes können: singen, spielen, tanzen. All das konnte ich nun auch im „Messiah“ vermischen: Wir suchen nach einer Utopie in der Gesellschaft, die sich aber nicht in Sparten aufteilen lässt.

Welche Utopie für welche Gesellschaft?
Wir leben ja in einer politisch völlig verkorksten Zeit mit lauter Idioten an der Spitze der großen Nationen. Da kommen kein Drama, keine Komödie, kein Science Fiction mehr mit. Ich finde, dass dieses, im Klischee gesprochen, „unspielbare“ Werk sich bestens für eine Theaterbühne eignet, dafür, die verzweifelte Suche nach einer besseren Welt stattfinden zu lassen. Es taucht im Probenprozess wie von selbst eine zwingende Handlung auf.

Worin besteht diese Handlung?
Seit Jahren sammle ich Situationen, die mich bedrückt haben. So kam ich zum Beispiel auf Bataclan, den Pariser Konzertsaal, in dem 2015 der verheerende Terroranschlag stattfand. Was damals passiert ist, findet in ähnlicher Form auch in Händels Oratorium statt: Menschen sind zu Tode gekommen, aus den Opfern ist eine Zweckgemeinschaft entstanden. Und neben dem Tod kommt es zu Liebe, Verzweiflung, Hass, Glück und Tränen. In unserer Produktion bedienen sich Politiker einer Tragödie, um ihre Ideologien zu verkaufen: etwa über Trauerveranstaltungen, Mahnwachen, Blumenhinterlegen. Das war mein Einstiegsgedanke: Aus den Gesangssolisten, Tenor und Bariton, wurden Politiker mit ihren Ehefrauen. Dann war die große Frage: Gibt es einen Messias, oder ist jeder ein Messias? Ist es Jesus Christus – oder nicht?

Jesus Christus kommt im Oratorium selbst als Figur nicht vor, von ihm wird nur in den Arien berichtet. Deuten Sie diese Arien politisch und damit kritisch?
Unbedingt, genau das tun wir. Daraus ergibt sich eine Geschichte, die mit dem Alten Testament überhaupt nichts zu tun hat. Zum Beispiel taucht eine Frau auf, die sich als Mutter erweist und die Politiker angreift, weil sie die Geschehnisse für ihre Propaganda vereinnahmen. Später befinden wir uns auf der Taufe eines Kindes, dessen Eltern sich in der ersten Situation kennengelernt haben: Sie ist ein arabisches Mädchen, er ein jüdischer Junge. Dadurch wird das christliche Moment aufgebrochen. Es entsteht eine Liebe, die von den Politikern wiederum benutzt wird. Diese Figuren ziehen sich in verschiedenen Zeiten über den ganzen Abend hindurch. Eigentlich ist die Zeit aus den Angeln gehoben, es vibriert hin und her zwischen tausenden von Jahren – mit denselben Menschen.

Es wird also keine fremde Geschichte über das Oratorium darübergestülpt.
Es befinden sich immer alle auf der Bühne. Man wird am Ende die Wege verstehen, die die Figuren gehen. Denn die Utopie einer multireligiösen Gesellschaft darf nicht sein. Ich verstehe auch nicht, ob der Messias noch kommt oder schon da war. Er ist also eine Idee, ein Entwurf einer humanen Gesellschaft. Die gibt es zwar nicht in der Realität, aber wir suchen danach. Das folgt alles sehr genau der Musik. Die Toten, dargestellt vom Ballett, sind Wesen, die immer um uns herum sind. Der Chor wiederum präsentiert die Menschen, die man wiedererkennt und aus denen sich die Geschichte entwickelt.

Sie haben auch Texte des irischen Autors Colm Tóibin dazu genommen.
Ich habe sein Buch „Marias Testament“ gelesen, das hat mich irrsinnig angesprochen. Vater, Sohn und menschlicher Geist, das sind mir zu viele männliche Figuren. Der Roman, aus dem die Schauspielerin Sandra Cervik Texte vorträgt, verdreht diese einseitigen Kompetenzen: Er gibt der zornigen Mutter die wesentliche Rolle. Sie berichtet in ihrem Schmerz von der Kreuzigung, den Wundern, die sich um ihren Sohn ranken. Dadurch wird sie immer mehr zu einer politischen Kraft. In unserer Produktion lassen wir die Männer verlieren und die Frauen gewinnen. Es ist also hier die Figur der Mutter, die behauptet: Man kann eine Utopie schaffen, auf Erden, aber auch als ewiges Leben.

Was passiert mit dem berühmten „Halleluja“?
Das ist der absolute negative Höhepunkt des Abends.

Wie detailliert sind Ihre Vorstellungen, wenn die Proben beginnen?
Ich habe mich zwei Jahre lang auf dieses Projekt vorbereitet. Aber letztlich passiert bei den Proben alles im Augenblick. Die Mitglieder meines Teams funktionieren sehr symbiotisch. Von außen muss das alles wie ein herrliches großes Chaos wirken, aber alles ist genau abgestimmt und baut logisch aufeinander auf.

Warum wählen Sie nicht eine deutsche Fassung, wie sie schon im 18. Jahrhundert üblich wurden?
Die englische Fassung ist einfach das Original. Auf Deutsch klingt das alles ganz furchtbar, da muss man lachen, wenn man es hört.

Haben Sie Kürzungen vorgenommen?
Ja, das musste ich. Dafür haben wir interessante Dopplungen: Die Rolle des Alt-Solos ist zum Beispiel aufgeteilt. Einige Kompositionen sind mehr für einen Countertenor geeignet, andere eher für eine Frau. Die eine Figur ist eine Art Engel oder der Heilige Geist, und der Countertenor der Vater des Messias – wer immer das sein mag.

Das macht es fürs Publikum noch einmal verwirrender.
Wenn man bei uns nur einen wunderschön musizierten Messias hören möchte, ist man falsch. Ich empfinde das Werk mehr als Schauspiel, es hat auch etwas von einer Revue. Nach der Produktion von „King Arthur“ haben mir manche Leute gesagt: „Wir haben überhaupt nichts verstanden, aber es war wundervoll“. So soll man auch aus dieser Aufführung gehen. Was soll man denn auch verstehen? Ich möchte die Leute ja nicht erziehen. Es soll einfach so sein.

Premiere am Donnerstag, 19.30 Uhr; wieder am 13., 16., 18., 20, 22. und 25. Oktober und am 1. und 3. November, Karten unter Telefon 2185 1960 und www.staatstheater-tickets.bayern.de

 

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