Gärtnerplatztheater Regisseur Bernd Mottl über Puccinis "La Bohème"

"La Bohème" in Bernd Mottls Inszenierung im Gärtnerplatztheater. Foto: Marie-Laure Briane

Bernd Mottl über seine Inszenierung von Puccinis „La Bohème“ im Gärtnerplatztheater

 

Von zwei Künstlern in einer Pariser Mansarde und ihren Liebesgeschichten erzählt Giacomo Puccinis „La Bohème“. Die Bayerische Staatsoper setzt weiterhin auf die beliebte Inszenierung von Otto Schenk aus dem Jahr 1969. Seit dieser Premiere kam die Oper schon zweimal im Gärtnerplatztheater neu heraus. Der 1965 in Mönchengladbach geborene Bernd Mottl verantwortet nun die dritte Einstudierung in der Geschichte des Hauses. Am Donnerstag ist Premiere, Anthony Bramall dirigiert.

AZ: Herr Mottl, das Bühnenbild erinnert an Street Art. Warum spielt „La Bohème“ bei Ihnen in der Gegenwart und nicht in Paris um 1830?
BERND MOTTL: Weil ich nur zur Gegenwart etwas Verbindliches sagen kann. Das ist die Zeit, in der ich lebe. Über andere Zeiten könnte ich nur Klischees wiedergeben. Mir war wichtig, diese Oper aller Opern ohne abgegriffene Bilder zu machen, denn manche dieser Bilder sind auch missverständlich und von den Autoren auch nicht so gewollt.

Ein Beispiel, bitte.
Dass diese beiden Künstler im Elend leben oder dass Mimì eine reine Leidensfigur ist. Das hilft ungemein, neue Sichtweisen zu unterstützen, ohne dass man dafür die Geschichte auf den Kopf stellen muss, um die Zuschauer in ihrer Realität abzuholen.

Heute stirbt allerdings kaum mehr jemand an Tuberkulose wie Mimì.
Dann ist es Aids. Wenn bei dieser Krankheit eine Lungenentzündung dazukommt, ist der Tod nahe.

Stirbt sie bei Ihnen an Aids?
Das spielt keine Rolle. Sie ist krank und hustet. Sie leidet an einer tödlichen Krankheit, was aber nur die Zuschauer wissen, nicht sie selbst. Mimì ist eine starke Figur, die ihre Erkrankung herunterzuspielen, wenn nicht gar zu leugnen versucht. Das spricht dagegen, aus ihr eine Leidensfigur zu machen.

Sie haben eben bezweifelt, dass die Künstler arm sind. Warum verbrennt Rodolfo dann sein Drama, weil kein Geld für Heizmaterial mehr da ist?
Rodolfos Onkel ist Millionär. Diese Textstelle wird gern überlesen. In einer Regieanweisung steht, dass Schaunard mit zwei Lieferboten erscheint. Das wird selten so gemacht, aber es steht da. Aber erst dann kriegen Sie ein Gefühl dafür, auf welchem Niveau er eingekauft hat. Keine dieser Figuren leidet Hunger. Sie haben bis zuletzt ein ironisches Verhältnis zum Dasein. Auch im vierten Bild wird der Hering zum Lachs erklärt, die Flasche Wasser zum Champagner. Unter allem ist ein humorvoller doppelter Boden. Die Künstler wollen vor allem eines: keine Spießer sein.

Am Ende muss Colline den Mantel verkaufen, damit Mimì ein Medikament bekommt. Passt das zu Ihrer Lesart?
Wenn man den Text genau liest, erzählt Colline vor allem ein trauriges Märchen über diesen Mantel. Der Verkauf ist ohnehin sinnlos, weil es kurz davor heißt, dass Mimì ohnehin nur noch kurz zu leben hat. Wir benutzen das als Vehikel, um die Todkranke abzulenken und sie auf andere Gedanken zu bringen. Ich möchte weg von den hungernden Geniekünstlern. „La Bohème“ ist nicht die Oper zu Spitzwegs Gemälde „Der arme Poet“.

Warum hat das Theater für „La Bohème“ nach einem strippenden Nikolaus gesucht?
Ich habe lange über den Tambourmajor am Ende des zweiten Bildes nachgedacht. Über ihn wird gesagt, er sei der schönste Mann von Paris. Das ist nicht nur ein Aufmarsch von Militär, sondern ein Hingucker für die Leute. Die Szene spielt an Weihnachten. Wir haben das von der Straße in das Café Momus verlegt und überlegt, was da an Weihnachten passieren könnte.

Warum bleiben Rudolfo und Mimì eigentlich nicht zusammen?
Er ist extrem eifersüchtig, und sie ist, wenn man die Romanvorlage liest, promisker unterwegs wie Musetta. Mimì lebt auf der Straße und schaut, wo sie unterkommen kann. Rodolfo ahnt die Krankheit und hat Angst vor ihrem Tod.

Sie tragen einen bekannten Namen.
Felix Mottl, von 1907 bis 1911 Generalmusikdirektor der Münchner Hofoper, war mein Urgroßonkel. Er starb kurz nach einem Zusammenbruch in einer Aufführung von „Tristan und Isolde“.

Premiere am Donnerstag, 19.30 Uhr im Gärtnerplatztheater, Restkarten. Weitere Aufführungen am 28. und 30. März, 4. und 6. April sowie im Mai, Juni und Juli, Telefon 2185 1960

 

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