Gärtnerplatztheater Puccinis "La Bohème", inszeniert von Bernd Mottl

"La Bohème" im Gärtnerplatztheater. Foto: Marie-Laure Briane

Gärtnerplatztheater: Bernd Mottl hat die Oper „La Bohème“ von Giacomo Puccini neu inszeniert, Anthony Bramall dirigiert

 

Wild beschmiert sind die Wände der Wohnung, in der die Bohemiens hausen. Aggressive weiße Farbe auf pechschwarzem Grund, das sieht nach Hausbesetzerszene aus.

Zum unwirtlichen Ambiente will nicht so recht passen, wie harmlos verspielt sich die vier Freunde gegenseitig mit einem Tablet fotografieren (Bühne: Friedrich Eggert). Stilbrüche gibt es auch bei den Kostümen von Alfred Mayerhofer: Eigentlich gerieren sich die Lebenskünstler mit punkigen Second-Hand-Klamotten als Paradiesvögel, aber um den Hals hängt dann doch ein schicker Hipster-Kopfhörer.

Eine gewisse Unentschiedenheit durchzieht die Neuinszenierung von Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“ am Gärtnerplatztheater. Man kann dies als Kritik an heutigen Großstädtern lesen, die sich mit Emblemen der Subkultur schmücken, letztlich aber schön brav an das allgemeine Konsumverhalten angepasst sind. Solche Feinheiten sind aber nicht übermäßig bühnenwirksam. Die halbherzigen Tendenzen setzen sich fort, wenn im zweiten Akt die Chormitglieder im Quartier Latin schwer an ihren Einkäufen schleppen, diese mild satirische Perspektive aber schnell aufgegeben wird und verpufft. So ruft der strippende Weihnachtsmann beim Publikum nur amüsiertes Kichern hervor.

Anthony Bramall macht keine halben Sachen

Schade, dass der Regisseur Bernd Mottl solche bestechend einfachen und realistischen Andeutungen von Gesellschaftskritik nicht schärfer inszeniert. Dabei hätte er über junge Sänger verfügt, die statt der Bohème-Klischees wie Leichtsinn und Übermut auch die düsteren Seiten dieses Lebens hätten verkörpern können. Camille Schnorr ist eine Mimì ohne jede Süßlichkeit, eher eine zähe Tramperin, die es gewohnt ist, sich selbst durchzuschlagen. Ihren Anorak trägt sie wie einen Schutzpanzer, ihr Sopran ist, zumal in der kräftigen Tiefe, leicht burschikos, ihr Gesang so unsentimental, wie es bei dieser Partie nur möglich ist. Neben ihr wirkt Lucian Krasznec als Rodolfo mit seinem beweglichen, nicht allzu ausladenden Tenor fast kindlich.

Auch die zickige Musetta von Mária Celeng, die provokant mit ihrem Kaugummi spielt und deren Höhe nicht frei von Schärfen ist, widersetzt sich einer romantischen Verklärung des Lotterlebens. Ein schönes Ensemble bilden die drei übrigen Freunde, weil sich ihre tiefen Stimmen gut voneinander abheben: Hell timbriert der Schaunard von Christoph Filler, kernig männlich der Colline von Levente Páll. Matija Meic schließlich legt als Marcello eine fast zu gefährliche Eifersucht an den Tag, die ihn zu einer ungewöhnlich untergründigen Hauptfigur aufwertet.

Während die Inszenierung auf halbem Weg stehenbleibt, macht Anthony Bramall im Graben nur ganze Sachen. Er hält das fabelhaft leicht und trocken balancierende Orchester des Gärtnerplatztheaters auch dann auf Trab,wenn arios schmelzende Stellen zum Nachgeben verführen. Gleichzeitig wahrt er die Transparenz, sodass die vielen Details von Puccinis Instrumentation, etwa die tiefen Flöten oder die aus voller Brust schmetternden Hörner, voll ausgekostet werden. So nutzt Bramall besser als die Regie die Intimität des Raumes, die diesem Stück eine eigentümliche Authentizität verleiht.

Weitere Vorstellungen: 30. März, 4. und 6. April, 10., 29. Mai, 11., 13., 18. Juli, 19.30 Uhr, am 9. Juni um 18 Uhr, Karten: Telefon 2185 1960 und www.staatstheater-tickets.bayern
 

 

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