Gärtnerplatztheater: "On the Town" Köpplinger verpasst Bernstein ein perfektes Timing

Boris Pfeifer (Chip) und Sigrid Hauser (Hildy) im New Yorker Taxi. Foto: Marie-Laure Briane

Am Gärtnerplatz inszeniert Intendant Josef E. Köpplinger Leonard Bernsteins Musical „On the Town“

 

Sie sind jung, sie sind quirlig, und ihr Herz ist so rein wie das Weiß ihrer Matrosenuniformen (Kostüme: Alfred Mayerhofer). Dessen ungeachtet haben es die drei Landgänger Gabey, Chip und Ozzie in kürzester Zeit geschafft, halb New York gegen sich aufzubringen.
Bald werden sie von Passanten, Polizisten und einer alten Frau mit Krückstock verfolgt, sobald sie den Times Square betreten, unterlegt mit Slapstick-Musik und einmal sogar hübsch in quasi-filmischer Zeitlupe variiert: ein „running gag“ im Wortsinne! In der U-Bahn übernehmen die Schauspieler das Ruckeln selbst, und wenn die liebessüchtige Hildy (unwiderstehlich röhrend: Sigrid Hauser) in ihrem gelben Taxi unterwegs ist, kommen ihr mehr Lebewesen unter die Räder als einer betrunkenen Jagdgesellschaft (Bühne: Rainer Sinell).

Die Gags: schwarzhumorig, nett oder pennälerhaft

Diese Inszenierung von Leonard Bernsteins frühem Musical „On the Town“ ist voll von solchen Gags, die mal schwarzhumorig daher kommen, mal bloß nett oder pennälerhaft, mal schwer augenzwinkernd wie das Techtelmechtel im Naturkundemuseum mit der halb nerdigen, halb übergriffigen, ganz wunderbaren Bettina Mönch als Claire de Loone.
Vollkommen neu sind die Witze nicht, aber sie funktionieren – weil das Timing stimmt. Vom durchgehend erstklassigen Ensemble werden die deutschen Dialoge so abgebrüht und trocken gebracht, dass die Art des Ablieferns selbst lustig ist. Der regieführende Intendant des Gärtnerplatztheaters, Josef E. Köpplinger, hat hier ganze Arbeit geleistet. Dazu kommen die von Adam Cooper mit improvisatorischem Schwung choreographierten Tanzpassagen des brillanten hauseigenen Balletts, die sich mit unmerklicher Präzision aus der revueartigen Handlung entwickeln.

Vielleicht noch etwas die Dialoge kürzen!

Zwischendurch, besonders jeweils zum Schluss der beiden Teile, könnten die Dialogpassagen kürzer sein. Doch weil Köpplinger nicht allein auf Tempo setzt, sondern auch einmal eine Episode etwas ruhiger ausinszeniert, werden die drei Matrosen nicht nur als Gruppe zusammengefasst, sondern individuell gezeichnet: schön linkisch Boris Pfeifer (Chip), sich sängerisch verausgabend Peter Lesiak (Ozzie) und mit echtem Sentiment Daniel Prohaska als Gabey, der mit Julia Klotz als Ivy ein anrührendes, zart melancholisches Paar bildet.
Zu den drei Helden gibt Alexander Franzen als Richter Pitkin im Alleingang ein pompös-komisches Gegengewicht ab. Wie schließlich die unvergleichliche Dagmar Hellberg gleich fünf Rollen ausfüllt, darunter die herrlich derangierte Gesangslehrerin Madame Dilly sowie die diversen Nachtclubsängerinnen, die ungerührt den fast immer gleichen Song anstimmen, lohnt schon an sich den Besuch.

Das gab es schon mal in St. Gallen

Diese Münchner Einstudierung geht auf eine bereits 2017/18 am Theater St. Gallen gezeigte Arbeit Köpplingers und Coopers zurück. Eine solche Zweitverwertung kann man finden, wie man will. Für das hiesige Publikum ist wichtig, dass die Produktion den Ton dieses Musicals trifft, weil sie nicht versucht, allzu originell zu sein, die Aufgabe des Unterhaltens aber handwerklich ernst nimmt.
In dieses geglückte Wechselspiel von Inszenierung, Tanz und Musik fügt sich auch das Orchester des Gärtnerplatztheaters ein. Unter der Leitung von Michael Brandstätter strahlt es Lässigkeit aus – mit übergroßem Eifer könnte sich dieses Swing-Feeling nicht einstellen. Doch gleichzeitig verfügt das Orchester auch über die nötige gepflegte Klanglichkeit, um den manchmal dann doch spürbaren Ehrgeiz des klassisch ausgebildeten Broadway-Komponisten Bernstein hörbar zu machen.
    
Weitere Vorstellungen: 30. April, 3., 4., 14., 18., 24. und 25. Mai, 19.30 Uhr, 19. Mai, 18 Uhr,
Karten unter Tel: 2185 1960, www.staatstheater-tickets.bayern.de

 

 

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