Gärtnerplatztheater Marco Goecke über sein Ballett "La Strada"

Özkan Ayik als Zampanó: In Fellinis Film von 1954 spielte Anthony Quinn die Rolle. Foto: Marie-Laure Briane

Gärtnerplatztheater: Marco Goecke über sein Ballett „La Strada“ nach dem Film-Klassiker von Federico Fellini

Zum Abschluss der Saison zeigt das Ballett des Staatstheaters noch „La Strada“ – das vierte abendfüllende Ballett von Marco Goecke. Es basiert auf Federico Fellinis gleichnamigem Filmklassiker von 1954. Musikalisch getragen wird die pausenlos angelegte choreografische Uraufführung am 12. Juli von Nino Rotas Ballettsuite für Orchester. Der Komponist hatte diese 1966 eigens für eine erste Tanzadaption der melodramatischen Dreiecksgeschichte an der Mailänder Scala erarbeitet.

AZ: Herr Goecke, muss man den Film kennen, um Ihr Ballett zu verstehen?
MARCO GOECKE: Ja – ich bin manchmal heftig und mache kein Kleinkinderballett, wo man jede einzelne Nuance erzählen kann und will. Heutzutage kann man sich die Informationen innerhalb von Minuten erlesen. Ich glaube, die Mühe müsste man sich machen.

Der Film erzählt den Dreieckskonflikt zwischen dem skrupellosen Schausteller Zampanó, dessen übel ausgenutzter Gehilfin Gelsomina und dem Seiltänzer Matto.
Die Geschichte ist nicht besonders komplex, man kann sie nachvollziehen – auch in meinem Ballett: Es geht um Grundthemen, das Künstlerdasein, die Armut, um Gefühle, die man nicht ausdrücken kann und das Bereuen am Schluss. Und es geht um das schöne, naive Mädchen Gelsomina, die in etwas Dreckiges hineingezogen wird.

Warum sprechen die Tänzer?
Das hat praktische Gründe. Durch einzelne Sätze, Wörter und Geräusche kann man kleine Hinweise geben, die der Zuschauer sicherlich auch braucht. An gewissen Punkten erschöpfen sich die Möglichkeiten des Tanzes, und es wird spannend, einfach einen Ort zu nennen. Ein Wort wie Rom löst in den Leuten etwas aus, beflügelt die Fantasie. Das könnte ich tänzerisch nie darstellen, und die Zeiten für riesige Nachbauten auf der Bühne sind vorbei.

Wie gehen Sie choreografisch an die Vorlage heran?
Jede Person, die sich bewegt, sagt etwas aus. Theoretisch kann man mit ein bisschen Musik und einem Scheinwerfer alles ausdrücken. Aus dieser Reduzierung baue ich die gesamte Choreografie. Natürlich gibt es ein Bühnenbild und Kostüme. Wirklich in das Thema eingearbeitet, alle Informationen verschlungen habe ich aber nicht, weil ich Luft für so eine Kreation brauche. Intensiv mit der Materie auseinandergesetzt hat sich mein Team. Ich komme manchmal in die Proben und lasse mir erzählen, was als nächstes passiert, anstatt den Film zu inhalieren und nachzukauen. Dennoch: Die Charaktere und auch viele der Bilder stimmen überein.

Was wünschen Sie sich von Zuschauern, die Ihren sehr reduzierten choreografischen Stil noch nicht kennen?
Mittlerweile funktioniert meine Arbeit so gut wie überall auf der Welt. Mein Wunsch wäre, dass sich die Leute frei und offen darauf einlassen, was ihnen vielleicht fremd oder verrückt vorkommt. Man muss nicht alles verstehen, sondern sollte eher versuchen, die Emotionalität mitzubekommen, die vom Tanz und den Interpreten ausgeht.

Welche Erinnerungen haben Sie an München?
Es ist 25 Jahre her, dass ich in der Heinz-Bosl-Stiftung war! Man ist baff, wie die Zeit vergeht. Es war eine wilde, verrückte Zeit. Ich war kein einfacher Student. Trotzdem hatte ich vermutlich so viel Talent als Tänzer, dass man mir vieles verziehen hat. Irgendwann bin ich gegangen. Das hatte auch private Gründe. Ich fühlte mich verloren. Das Ballettkorsett mit all seinen Regeln – dagegen habe ich bei aller Liebe für diese Kunstform stets angekämpft.

Wo liegen die Qualitäten der Gärtnerplatz-Tänzer?
Sie sind modern, teils mit klassischem Fundament, einige schon älter. Ich switche häufig zwischen ganz klassischen und sehr zeitgenössischen Künstlern hin- und her und merke einen Unterschied in der Selbstwahrnehmung. Moderne Tänzer haben einen andersartigen Freiheitsdrang, andere Beweggründe zu tanzen. Meine Arbeit soll wahrscheinlich einen Gegenpol zu dem darstellen, was sonst am Haus so läuft.

Wie gestaltet sich die bisherige Zusammenarbeit?
Der Instinkt der Tänzer, etwas zu verstehen, was unaussprechlich ist oder wonach ich suche, ist bei diesem Kompanie-Niveau schon im Talent angelegt. Die Kreation eines Stücks passiert sehr instinktiv. Wir müssen uns auf den Moment verlassen, etwas zu entdecken. Und können nur hoffen, damit am Ende auch beim Zuschauer anzukommen. Planbar ist das überhaupt nicht. Aber ich bin immer wieder überrascht, wie aus dieser Wolke aus Nichts jeden Morgen etwas entsteht, was man gar nicht erwartet hat.

Vom wem ging die Idee zu „La Strada“ aus?
Von Karl Alfred Schreiner, dem Ballettdirektor des Gärtnerplatztheaters. Er ist sehr italienaffin und hat viele italienische Tänzer im Ensemble. Das schlägt sich auch in unserer Produktion nieder. Ich wurde gefragt, ob ich Lust auf das Projekt hätte und sagte zu. So einfach ist das manchmal.

Premiere heute, 19.30 Uhr im Gärtnerplatztheater. Auch am 14., 15., 17. und 23 Juli und in der neuen Saison ab September im Staatstheater am Gärtnerplatz. Karten unter Telefon 2185 1960

 

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