Gärtnerplatztheater Eyal Dadon über "Salome Tanz"

"Salome Tanz" im Gärtnerplatztheater. Foto: Marie-Laure Briane

Der israelische Choreograf Eyal Dadon bringt im Staatstheater am Gärtnerplatz die Gefühlswelten aus Oscar Wildes Einakter „Salome“ zum Tanzen

 

Dass interaktive Bausteine seine Kreation und jede Vorstellung beeinflussen, ist die Besonderheit und Herausforderung von Eyal Dadons Uraufführung „Salome Tanz“.

AZ: „Salome“ von Oscar Wilde wird eher selten aufgeführt. Richard Strauss’ Oper, die darauf fußt, zählt dagegen zum Kernrepertoire. Wie bringen Sie den Stoff choreografisch auf die Bühne?
Eyal Dadon: Ganz anders – nicht wie Strauss. Unser Ansatz ist grundverschieden. Tanz vermag viel abstrakter zu sein. Liebe, Hass, Glück, Traurigkeit, Adrenalin, Langweile, Neugier – wir alle kennen diese Gefühle. Dennoch ist für mich aufregend neu, was wir hier versuchen. Egal, ob die Leute es mögen oder nicht. Wenn es sie zum Nachdenken bringt, bin ich happy.

Zwei Werke von John Cage für präpariertes Klavier und Franz Schrekers Kammersymphonie von 1916. War das Ihre eigene musikalische Auswahl?
Nein, eine gemeinsame. 80 Prozent davon hätte ich sonst nie benutzt. Ich selbst komponiere elektronische Musik. Auf die produktive Klassik-Annäherung mit dem Dirigenten Michael Brandstätter habe ich mich aber gern eingelassen. Im Ping-Pong-Verfahren haben wir Musik aller Kategorien ausgetauscht, unsere Geschmäcker und emotionalen Sensorien ausgetestet. Ein harter, alles in allem aber sehr den Geist öffnender Prozess. Abschließend lag es bei mir, Musikteile, Tänzer und meine Bewegungsideen richtig in Einklang zu bringen.

Warum ausgerechnet „Salome“?
Mir sprang Wildes leichte Art des Schreibens, die Tiefe seiner Beschreibungen ins Auge. Er spricht so einfach von Liebe, von Tod, über Menschen, die sich umbringen oder andere töten. Das inspirierte mich. Außerdem fühlte ich eine Verbindung zu dem, wie ich das Leben und heutige soziale Umstände sehe. Wir verkomplizieren so viel. Doch ich versuche, alles leicht zu nehmen, mich immer mit positiver Energie zu umgeben – auch wenn Unangenehmes um uns herum geschieht.

Schwarz/rot, Kammer/Käfig, Mond/Sonne, Ketchup/Mayonnaise: In vier Votings konnte die Öffentlichkeit via Theaterwebsite schon beim Entstehungsprozess mitentscheiden. Haben Sie sich die Eins-zu-eins-Übertragung nicht zugetraut?
Mein Ausgangsgedanke war, dem Buch wortwörtlich zu folgen. Mir schwebte ein Stummfilm à la Charlie Chaplin vor: Zwei Soldaten reden auf der Terrasse über Salome, der syrische Wachmann lenkt das Augenmerk auf den Mond… Aber dann wollte ich herausbekommen, welchen anderen Blickwinkel es gibt, um Wildes Drama zu erzählen.

Greifen Sie eine andere Perspektive auf?
Als Narraboth sich tötet, fällt er Salome und Jochanaan zwischen die Beine. Doch die scheren sich kein bisschen darum. In meinem Tanzstück will ich genau diesen Moment beleuchten, in dem jemand sich aus Liebe bzw. Eifersucht das Leben nimmt. Ich will die Gefühle vor dem Selbstmord – Wildes ungeschriebene Worte – herausheben, das Empfinden der zwei anderen Personen, wenn der tote Körper zwischen sie knallt. Meine Absicht ist zu zeigen, was bei Wilde zwischen den Zeilen steht.

Wieviel Handlung darf man von den 80 Minuten Spielzeit ohne Pause erwarten?
Manche werden einiges wiedererkennen, andere völlig abweichende Assoziationen haben. Das schätze ich am zeitgenössischen Tanz. Für mich funktioniert der Abend, als würde man ins Buch eintauchen und alles darin wahrhaftig werden. Im Look eines Stummfilms, in fünf Kapiteln mit Übertiteln. So stelle ich mir Salomes Welt, wie Oscar Wilde sie heraufbeschworen hat, vor.

Keine Vorstellung wird der anderen gleichen?
Salome opfert ihren Körper, indem sie für Herodes tanzt – nur weil sie weiß, dass sie dann Macht über ihn besitzt. Nichts anderes machen Länder und Politiker, um im Austausch etwas zu erhalten. Menschen müssen beständig eine Wahl treffen. Um in der Aufführung spontan zu bleiben und herauszufinden, wie sich die emotionale Seite und Bewegung beeinflussen lassen, muss das Publikum live für uns über den Fortgang entscheiden.

Mittels Interaktion?
Es wird vier Fragen geben. Eine zum Verständnis des Prinzips, die restlichen mit großer Auswirkung auf das Geschehen. Nach jeweils 15 Sekunden machen Live-Kamera und UV-Licht das Ergebnis öffentlich. Die Stimme jedes Einzelnen – auch wenn er passiv bleibt – hat Einfluss. Deshalb lege ich allen nahe, sich zu beteiligen.

Und wenn es keine Mehrheit gibt?
Dann fragen wir nach, bis das Resultat eindeutig ist.

Vorstellungen: 28. Februar (Premiere), 1., 3. 6. 12., 13. März, 3., 22. April; Staatstheater am Gärtnerplatz, Karten unter Telefon (089) 2185 1960

 

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