Gärtnerplatztheater "Dantons Tod", inszeniert von Günther Krämer - die AZ-Kritik

Sona MacDonald (Lucile) und die Angeklagten um Danton (Mathias Hausmann) auf Herbert Schäfers Bühne für „Dantons Tod“ im Gärtnerplatztheater. Foto: Christian P. Zach

Rumpelmoderne: Gottfried von Einems Oper „Dantons Tod“ in der Inszenierung von Günter Krämer im Gärtnerplatztheater

Morgen bist du eine leere Bouteille, der Wein ist ausgetrunken“, schreit Sona MacDonald mit weit aufgerissenen Augen. „Morgen bist du eine durchgerutschte Hose. Du wirst in die Garderobe geworfen, und die Motten werden dich fressen, du magst stinken, wie du willst.“ Und so weiter.

Ja, Herr Krämer, ich hab’s auch schon vorher kapiert: An „Dantons Tod“ interessiert Sie nur der verzweifelte Weltschmerz. Und Gottfried von Einems Vertonung des Dramas von Georg Büchner traut der Regie-Altmeister nicht wirklich zu, dass sie die Botschaft von allein rüberbringt, weshalb zusätzliche Texte des Dichters projiziert und gebrüllt werden, um von der Schlechtigkeit der Welt zu künden.

Das ist auf Dauer langweilig. Und ziemlich einseitig, weil auch die vor und nach 1945 komponierte Musik fast ausschließlich mit dem derbsten Holzhammer agiert.

Gefühl gegen Politik

Krämer will uns durch die Verlegung der Handlung in die Gegenwart weismachen, dass wir in revolutionären Zeiten leben. Der von Daniel Prohaska wunderbar aasig gesungene Robespierre ist ein gegenwärtiger Populist mit Käppi und schwarzer Krawatte. Wenn sich seine Faschisten versammeln, erscheinen auf der Projektionswand gewalttätige Demonstranten, die so weit abstrahiert wurden, dass schwer zu sagen ist, ob es sich um Rechte oder Globalisierungskritiker handelt.

Sind eh alles Nazis, brüllt die Inszenierung jede Differenzierung nieder. Alles Politische bleibt nur diffuses Gefühl. Es verliert sich bei Krämer im Existenziellen eines allzu allgemeinen Leidens am Zustand der Welt, pauschaler Ablehnung und höhnischem Gelächter.

Da ist die Inszenierung nah bei Einem, der in dieser Oper versucht, die Nazizeit mit Büchner als schicksalhaften „Fatalismus der Geschichte“ kleinzureden. Aber was soll uns das 2018 sagen?

Danton, bei Krämer ein Dandy mit verspiegelter Brille, ist keine Alternative zum kalten Bürokraten Robespierre. Mathias Hausmann singt die Titelrolle vor allem laut und kraftvoll – mehr hat Einem nicht verlangt, und mehr ist auch nicht herauszuholen. Zur Pause gelingt der Inszenierung ein starkes Bild, wenn sich die Verhafteten in Unterhosen rückwärts auf einen Leuchttisch legen.

Fast immer laut und selten leise

Die Angeklagten im Feinripp bleiben uns den Rest des Abends erhalten. Die anfängliche Aktualisierung der Massenszenen verflüchtigt sich ins Konzertante, wenn man sich zuletzt mit Notenheften um ein Tamtam versammelt, das für die Guillotine steht.
Der Chor des Gärtnerplatztheaters hat an dem Abend einen großen Auftritt. Emotional berührend wirkt allerdings nur Mária Celeng als Lucile, die den ganzen Abend ein altes Vervielfältigungsgerät drehen muss, bis im Finale eine Träne auf ihre Stimme tropfen darf. Mit Prohaska, der als Robespierre auch einen der beiden Henker übernimmt, schafft sie im Lied vom Schnitter Tod ein musikalisch starker Schluss.

Der Gärtnerplatz-Chefdirigent Anthony Bramall holt mit seinem Orchester die knapp bemessenen Schattierungen unterhalb von Fortissimo in Einems Rumpelmoderne heraus. Aber das ändert nichts am Gesamteindruck: „Dantons Tod“, uraufgeführt 1947 bei den Salzburger Festspielen, ist allenfalls als historisches Dokument für das Lebensgefühl der frühen Nachkriegsjahre von Interesse. Auf der Bühne hat diese Oper – anders als Georg Büchner Drama – nichts mehr zu sagen.

Wieder am 13., 15. und 19. Oktober und am 1., 4., und 15. November im Gärtnerplatztheater. Karten unter Telefon 2185 1960 und www.gaertnerplatztheater.de

 

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