Gärtnerplatztheater Brigitte Fassbaender über "Der junge Lord"

Hans Werner Henzes "Der junge Lord" in der Inszenierung von Brigitte Fassbaender im Gärtnerplatztheater. Foto: Christian Pogo Zach

Gärtnerplatztheater: Brigitte Fassbaender über ihre Inszenierung von Henzes Oper „Der junge Lord“ und ihren runden Geburtstag

 

Nach einer großen Gesangskarriere war sie Operndirektorin in Braunschweig und Intendantin in Innsbruck, außerdem leitete sie das Richard-Strauss-Festival in Garmisch-Partenkirchen. Am 3. Juli feiert Brigitte Fassbaender ihren 80. Geburtstag. Davor, am Donnerstag dieser Woche, kommt ihre Inszenierung von Hans Werner Henzes „Der junge Lord“ am Gärtnerplatztheater heraus. Es ist bereits die dritte Inszenierung dieser komischen Oper in München – und schon die zweite am Gärtnerplatz.

AZ: Frau Fassbaender, der „Junge Lord“ ist seit der Berliner Uraufführung von 1965 fast ein Repertoirewerk geworden. Trotzdem: Worum geht es?
BRIGITTE FASSBAENDER: Um das böse Experiment eines Sir Edgar. Er hat einem Zirkus einen Affen abgekauft, um alle anderen zum Affen zu machen.

Sir Edgar führt den Affen als seinen Neffen, Lord Barrat, in einer Kleinstadt ein.
Er brüskiert die Leute von Anfang an, indem er das Reden an seinen Sekretär delegiert. Man hört an den Schreien des Affen, dass das Tier grausam malträtiert wird, um zu dem „Menschenaffen“ zu werden, auf den dann alle hereinfallen. Die Oper ist eine bitterböse Parabel über die Dummheit. Meine Skepsis und meine Kritik gelten eher Sir Edgar, für die Provinzler empfinde ich eigentlich Sympathie.

Wollten das Henze und seine Textdichterin Ingeborg Bachmann?
Sie wollten Hülsdorf-Gotha nicht verteufeln. Provinz findet für mich sowieso nur in den Köpfen statt.

Was sagen Sie jemandem, den Henzes Musik eventuell vom Besuch abhält?
Niemand sollte Angst davor haben. Der Affe ist eine Paraderolle für einen schauspielerisch interessierten Sänger. Die Musik ist manchmal schräg, es gibt auch ein paar spröde Momente. Aber sie hat mit moderner Musik im Grunde nichts zu tun, ist höchst atmosphärisch, ist süffig und spannend. Im „Jungen Lord“ gibt es viele Zitate – etwa auf Mahler, Mozart oder Kurt Weill. Auch das Libretto von Ingeborg Bachmann ist hochmusikalisch und poetisch.

Aber für die Autorin eher untypisch.
Das würde ich nicht so sagen. Die Luise ist schon eine typische Bachmann-Figur, eine vergrübelte, junge Frau, die mit dem Leben und der Liebe noch nicht klarkommt – wie es die Schriftstellerin selbst durchgemacht hat. Die Keimzelle ist zwar die Parabel „Der Affe als Mensch“ aus einer Märchensammlung des deutschen Romantikers Wilhelm Hauff, aber zwei Drittel von „Der junge Lord“ sind von Ingeborg Bachmann.

Sind Sie Henze jemals begegnet?
Nur einmal, 1964 bei der Münchner Erstaufführung von „König Hirsch“ im Nationaltheater. Ich habe die Scolatella gesungen. Aber ich erinnere mich nur noch an das schöne Kostüm und das hinreißende rote Seidenfutter von Henzes blauem Mantel.

Wie feiern Sie Ihren runden Geburtstag?
Um Gottes Willen, den gibt es gar nicht. Der wird nicht gefeiert.

Immerhin bringt die Deutsche Grammophon Ihre alten Aufnahmen neu heraus.
In dieser Box sind ganz verrückte Sachen, von denen ich nicht mehr wusste, dass es sie gibt – etwa die Szene des Silla in Pfitzners „Palestrina“ oder eine meiner allerersten Aufnahmen, Scarlattis „Il giardino de amore“ von 1964.

Ist der Octavian aus dem „Rosenkavalier“ auch dabei?
Nein. Den habe ich nie im Studio aufgenommen. Auch meine Lieblingsrolle ist leider nicht dabei – die Charlotte in Jules Massenets „Werther“. In der Box sind hauptsächlich Lieder. Nicht direkt zum Geburtstag, sondern im Oktober, erscheinen außerdem bei C.H. Beck meine Memoiren. Es ist nicht nur ein Buch über meinen Werdegang, auch eine Rückschau auf meine Herkunft und Familie.

Sind Sie jemals im Gärtnerplatztheater aufgetreten?
Das war damals nicht üblich. Wer am Nationaltheater engagiert war, hatte nichts am Gärtnerplatz zu suchen. Man ging auch nicht unbedingt hin. Das hat sich Gott sei Dank total geändert.

Hatten Sie immer schon vor, nach dem Singen die Seite zu wechseln?
Regie hat mich immer begeistert. Aber es ist schwierig, das Anfangsstadium zu überwinden. Man wird doch sehr zerpflückt als Regisseur, weil jeder glaubt, er kann es auch. In meinem Leben hat es sich logisch ergeben: Eine Woche, nachdem ich das Ende meiner Gesangskarriere publik gemacht habe, kam das Angebot für die Operndirektion in Braunschweig, mit zwei Inszenierungen pro Spielzeit im Vertrag, und das Regieführen hat ja bis heute nicht aufgehört.

2021 beginnen Sie in Erl mit Wagners „Ring“.
Ich habe wenig Wagner gemacht, aber mich seinerzeit schon viel mit dem „Ring des Nibelungen“ beschäftigt, bis sich eine Inszenierung in London aus finanziellen Gründen zerschlagen hat. Es ist schwer, dazu noch etwas Neues zu sagen, seit Patrice Chéreau die Tetralogie so exemplarisch richtig inszeniert hat. Jetzt reizt mich das als vermutlich letzte Herausforderung und große Abrundung.

Vorstellungen am 23., 26. und 30. Mai sowie am 5., 8. und 14. Juni im Gärtnerplatztheater

 

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