"Für Singles oft Partnerersatz" Bellen, Knurren, Angreifen: Das rät eine Hundetrainerin

Die Münchner Hundetrainerin Bianca Tamburro (43) mit ihrer griechischen Straßen-Mischlingshündin Heidi (11). Foto: privat

Warum bellen oder knurren Zamperl? Und wie verhindert man, dass sie Menschen oder andere Tiere angreifen? Eine Münchner Hundetrainerin erklärt’s.

 

Bianca Tamburro ist zertifizierte Hundetrainerin (43) und betreibt die Hundeschule "Hunderudel München".

AZ: Frau Tamburro, jedes Jahr kommen rund 1.000 Hunde mehr nach München, merken Sie das in der Stadt?
BIANCA TAMBURRO: Natürlich, das sieht man in den Parks und auf der Straße auch. Was mir vor allem auffällt: Früher waren mehr normale und ältere Straßenhunde unterwegs, viele wohl aus dem Tierheim. Jetzt trifft man deutlich mehr Welpen und Rassehunde.

Die Chihuahua-Invasion?
Ja, und andere teure Winzlinge. Ich vermute, dass gerade Münchens Singles sich so ein Tier anschaffen. Es bringt Wärme ins Single-Leben, man bleibt aber auch mobil, weil man es im Alltag gut mitnehmen kann, vor allem mit ins Flugzeug.

Wie gut benehmen sich die Zamperl aus Ihrer Sicht?
Ich würde sagen, jeder dritte Münchner Hund ist nicht ausreichend erzogen. Das sieht man, wenn er seinen Halter an der Leine hinter sich herzerrt, wenn er Leute anbellt. Wenn er nicht auf Zuruf kommt, oder wenn er am Straßenrand nicht sitzenbleibt.

Sie sehen die neue Hunde-Welle kritisch?
Die Anforderungen an die Stadthunde werden größer. Es ist ja in einem Hund nicht angelegt, täglich zehn, zwanzig andere Artgenossen zu treffen und die freundlich beschnuppern zu müssen. Das ist nur dann einfach, wenn man das als Welpe schon gelernt hat.

Die Zahl der Attacken von Hunden gegen andere Hunde hat sich im letzten Jahr fast verdoppelt. An die 100 Hunde greifen pro Jahr sogar Menschen an und verletzen sie.
Die meisten dieser Vorfälle könnten vermieden werden, wenn der Halter sein Tier gut führen würde. Wenn er mehr wüsste über Hunde-Kommunikation. Kein Hund beißt gerne – wenn er nicht zu einem Wachhund erzogen worden ist, dem die Situation gerade bedrohlich vorkommt.

"Ein beißender Hund ist meistens kein souveräner Hund"

Warum beißt ein Hund dann?
Weil man zum Beispiel seine Grenzen nicht liest. Hunde verteidigen ihren Raum, ihr Futter, ihr Spielzeug oder ihren Menschen. Manche Hunde sind auch ängstlicher und fühlen sich schneller bedroht als andere. Manchmal kommt ein Hund in einen Jagdmodus, weil er von einem Vorbesitzer so geprägt worden ist. Ein beißender Hund ist meistens kein souveräner Hund, sondern ein unsicherer, der seinen Platz nicht kennt.

Wo passieren die meisten Beiß-Vorfälle?
Zuhause, wenn die Rangordnung zwischen Herr und Hund nicht klar ist und der Hund sich zum Beispiel erschreckt – wie beim Zecke ziehen.

Da hilft nur Erziehung?
Unbedingt. Hunde brauchen eine Hierarchie. Eine Kombination aus Führung und Auslastung. Wenn sie sich nicht unterordnen müssen in ihrem Familienverbund, werden sie nervös – oder übernehmen aus Unsicherheit einfach die Führung. Ganz schwierig ist es, wenn ein Halter sein Tier vermenschlicht. Das passiert gerade Singles oft, für die ihr Hund ein Partnerersatz ist. Da isst das Tier vom Tisch, liegt mit ihm Bett und kennt keine Grenzen.

Was kann passieren, wenn ein Hund nicht ausgelastet ist?
Wenn Schäferhunde zu wenig Auslauf haben, wissen sie nicht, wohin mit ihrer Energie und fangen dann an zu jagen oder zu wachen, sie suchen sich quasi ihren Job selber. Bordercollies hüten dann das Auto statt einer Schafherde. Ein Dackel buddelt manisch Löcher im Garten, anstatt Dachse zu jagen. Und ein braver Labrador sucht sein Ventil, indem er Möbel kaputt nagt oder alle Gäste der Familie anspringt.

Wie merkt man, dass ein Hund gefährlich werden könnte?
Wenn ein Hund bellt, aber sein Gewicht auf den Hinterfüßen lässt, ist er eher unsicher und wird nicht beißen – sondern selbst weg- oder vorbeilaufen. Vorsicht aber, wenn ein Hund seinen Körper steif macht, den Schwanz steil erhebt, die Lefzen hochzieht und Zähne zeigt. Dann sollte ein Mensch den direkten Blickkontakt vermeiden und sich lieber wegdrehen.

Wie viel bringt eine Hundeschule?
Jeder Erst-Hundebesitzer sollte eine Hundeschule aufsuchen, mit einem Welpen sowieso. In den ersten 18 Wochen hat ein junger Hund seine wichtigste Sozialisierungs- und Prägephase. Da muss er viel über Umweltreize, andere Hunde und Menschen lernen, damit er ein entspannter Hund wird.

Was genau lernt man beim Hundeführerschein?
Den macht man erst, wenn der Hund ein Jahr alt ist. In den Praxisstunden lernt das Tier den Grundgehorsam. An der Leine gehen, am Straßenrand sitzen, angeleint vor einem Geschäft warten, unbefangen an Menschen, anderen Hunden und Verkehrsmitteln vorbeilaufen. Dazu kommt ein Theorieblock für den Halter, den später ein Tierarzt abprüft: Da geht’s um Sozialverhalten, Entwicklung, Körpersprache, Rechtsvorschriften und Tierschutz.

Wie viel Zeit muss man einplanen bis zum Zertifikat?
Etwa zwei Monate. Es sind fünf oder sechs praktische Stunden in Gruppen von etwa fünf Teilnehmern mit ihren Hunden. Dazwischen sollte man sich zum Üben ein bisschen Zeit lassen, ein Hund braucht ja 200 bis 300 Wiederholungen, bis er eine Sache gut kann. Dazu kommen ein oder zwei Theorieblöcke meist am Wochenende. Der Führerschein kostet je nach Schule 150 bis 200 Euro.

Was macht eine gute Hundeschule aus?
In einer guten Hundeschule wird in erster Linie mit positiver Verstärkung gearbeitet, also mit Lob, Leckerli und Spiel. Würgehalsbänder oder andere aversive Hilfsmittel sind tabu. Die Hundeschule sollte amtlich und sachkundig geprüft sein (nach § 11, Abs.1 Nr. 8 Tierschutzgesetz). Und das eigene Bauchgefühl ist auch wichtig, Mensch und Hund sollten sich wohlfühlen.

Noch ein Tipp zum Schluss?
Gern. Man sollte einen Hund nie ungesehen bei sich aufnehmen, auch keinen Auslandshund. Weil man nie weiß, was er schon erlebt hat. Viele Tiere fügen sich toll ein, viele haben aber auch Angst vor Geräuschen oder fremden Orten. Jeder Hund ist ein Überraschungspaket.

 

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