Friedberg und Aichach Die Landesausstellung "Stadt befreit" im Wittelsbacher Land

Ein bronzenes Gießgefäß in Form eines Löwen, vermutlich aus dem 15. Jahrhundert, ist in der Bayerischen Landesausstellung im Wittelsbacher Schloss ausgestellt. Die Schau steht unter dem Motto: "Stadt befreit. Wittelsbacher Gründerstädte". Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Die sehenswerte Bayerische Landesausstellung über die Gründerstädte der Wittelsbacher

 

Im Aichacher FeuerHaus rummst’s, im Friedberger Schloss herrscht Objektvielfalt. Ein 3-D-Ausflug durch das digitalisierte München des Jahres 1570 und ein mittelalterlicher Latrinensitz aus Landshut, ein Löwe, der Geschichte erzählt, und ein Straubinger Richtschwert, Objekte zum Ertasten und Erklär-Comics: Das Haus der Bayerischen Geschichte hat seine neue Landesausstellung eröffnet, die sich unter dem Titel „Stadt befreit“ den altehrwürdigen Wittelsbacher Gründungsstädten widmet: das Modernste, das das ganz und gar nicht finstere Mittelalter in einer wahren Boom-Zeit zu bieten hatte. Stadtluft, die Freiheit bedeutet.  Orte, in denen das Bürgertum Raum und Bedeutung gewinnt.

Dabei macht das in Augsburg ansässige Landesgeschichte-Institut weiter auf seinem Weg, Vergangenheit nicht dröge herunterzuberichten, sondern sinnlich erfahrbar zu machen. Und so ist in Friedberg eher eine klassische Ausstellung mit annähernd 150 vielschichtigen und vielsagenden Objekten zu besichtigen, während in einem extra umgebauten alten Feuerwehrhaus in Aichach Geschichte in virtuellen Bildern mit echten Schauspielern lebendig wird: Spielerisches Erkennen führt zu historischer Erkenntnis. Und weil die beiden Städte ihre Geburtsnatur aus jener Zeit gut erhalten haben, gehören sie und ihre örtlichen Museen gleich mit zum Ausstellungskonzept: So ergibt sich – zusammen mit allerlei Biergärten – ein Ausflug in die Geschichte zum Wandern oder Radeln gleich mit.

Eine üble Räuberbande

Es hat seine Logik, die Ausstellung im Wittelsbacher Land zwischen Augsburg und München anzusiedeln, zurückzukehren in eine der Herzkammern Altbaierns, aus der ein Jahrhunderte prägendes Fürstengeschlecht stammt. 1180 wurde der Welfe Heinrich der Löwe von Kaiser Friedrich I., den man auch als „Barbarossa“ kennt, als Herzog von Bayern abgesetzt und durch den Pfalzgrafen Otto ersetzt: der erste Wittelsbacher als Herrscher des Landes; die Familie hielt sich bis 1918 an der Macht. Nur brachte so ein Herzogstitel in einer Zeit mächtiger Herrschaftskonkurrenz erst einmal wenig: Es gab bedeutende Konkurrenten wie die Grafen von Bogen oder die von Andechs, der Bischof und Geschichtsschreiber Otto von Freising bezeichnete die Wittelsbacher gleich ganz als „üble Räuberbande“.

Wie die Wittelsbacher sich ihres Landes trickreich bemächtigt haben, das erzählt jetzt diese Ausstellung: Sie gründeten Städte. So, wie es Heinrich der Löwe mit der Gründung Münchens im Jahr 1158 vorgemacht hatte. Vorher hatte es Städte in Bayern so gut wie nicht gegeben, Klöster, Burgen und Märkte zwar allenthalben, in den wenigen alten Römerstädten – etwa Regensburg, Augsburg, Passau – aber saßen Bischöfe als eigene, autarke Mächte. In rascher Folge entstanden nun junge, dynamische Städte wie Landshut, Straubing, Ingolstadt, Cham, Deggendorf, Orte voll wirtschaftlicher Dynamik in einer Zeit, die klimatisch begünstigt war und in der die Bevölkerung wuchs.

Ein alter Latrinensitz

Diese Städte entwickelten sich rasch zu neuen, herrschaftsstabilisierenden Wirtschafts- und Machtzentren. Mit Objekten aus der Vielfalt des städtischen Lebens zeigt die Ausstellung in Friedberg einen entscheidenden historischen Prozess für Bayern: die ersten Ansätze von Bürgertum im Bauernland. Urkunden, Bilder, Skulpturen, aber vor allem viele Alltagsgegenstände bilden die Trittsteine im Erwandern der Vergangenheit. Da geht es beispielsweise um Versorgung und Entsorgung, Kernaufgaben von Städten bis heute: der Stadtbrunnen als Kommunikationszentrum, ein alter Latrinensitz aus Landshut als Urtyp des heutigen WC-Sitzes, Krüge, Löffel und Teller, eine Ingolstädter Schubkarre aus dem Jahr 1537, Dachziegel, Schlüssel: Reste des Gestern.

Da geht es um die religiöse Komponente, die vielen, vielen Kirchen, die in den Städten entstanden. Und es geht um verbriefte, geschriebene Rechte: Stadtrechte, die die Orte bekamen und aus denen heraus sie sich selbst verwalten konnten – was bis heute so geblieben ist. Einige dieser alten Rechtsbücher und Rechtsbriefe sind zu sehen: ehrwürdige Dokumente.

Die Rechte galten auch für die Bürger: Wer über Jahr und Tag in der Stadt lebte, war befreit von den Zwängen durch Herren. Das ist der im 19. Jahrhundert im Rückblick auf jene Zeit fixierte Rechtssatz „Stadtluft macht frei“. So sollte die Ausstellung ursprünglich heißen, doch Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, kritisierte, dass der Titel eine zu starke Nähe zu dem menschenverachtenden Nazi-Satz „Arbeit macht frei“ hat, der über den Eingangstoren der KZs von Auschwitz, Dachau und Buchenwald prangte.

Das Wachstum der Städte

Die Ausstellung wurde dann in „Stadt befreit“ umbenannt. Die Städte machten ihre Bewohner oft so selbstbewusst, dass sie sich mancherorts gegen ihre Stadtherren selbst auflehnten, die durch Burgen in den Städten als Machtsymbole vertreten waren. Zudem hatten die Städte ihrerseits, das unterstreicht ihren Charakter als weithin sichtbare Herrschaftszeichen des Herzogs, wehrhafte Mauern, trugen die Bürger Waffen zur Selbstverteidigung: Schwerter, Büchsen, Armbrust, Spießwaffen sind in Friedberg zu sehen.

Zu den Rechtssetzungen gehörten auch die für die Juden. Ihr Anteil an der Stadtgründungszeit ist bedeutsam, sie trugen zur wirtschaftlichen Dynamik bei, siedelten in den Städten, auch diesen Aspekt dokumentiert die Ausstellung. Es muss zwangsläufig in der Zeit des frühen Wachstums einen starken Zug des Zusammenwirkens gegeben haben, um den Ort – wie vom Landesherrn gewünscht – entsprechend zu entwickeln. Keineswegs konnte man wissen, wohin die Reise ging, das erscheint nur in der Rückschau zwangsläufig. Wir lernen heute verstärkt wieder: Die Zukunft ist offen, weshalb der Mut der Leute damals, etwas Neues zu wagen, durchaus beeindruckend ist.

Viel Wert legten die Ausstellungsmacher auch auf die ökonomischen Aspekte der Stadtgeschichte, etwa auf ihre Lage an Flussbrücken und sich kreuzenden Handelswegen: Hier konnte man profitieren durch Zölle, Abgaben und Marktrechte. Herzogskästen dienten als Vorratsspeicher.

Auf der Basis der Vergangenheit

So wuchsen die Städte also allmählich in die Höhe: Im Festsaal des Wittelsbacherschlosses kann man diesem Wachstum beeindruckt nachspüren – und lernt dabei zudem, dass die Bilder, die man sich heute von den hübschen Herzogsstädten macht, von den originären Stadtgründungsphasen abweichen können. In Landshut etwa war die Altstadt mit mancherlei Gebäuden belegt, ihr heutiges Aussehen gewann sie erst in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Im Feuerhaus des nicht weit entfernten Aichach wird Geschichte dann virtuell mit den Möglichkeiten der neuen Medien inszeniert, die das Haus der bayerischen Geschichte zunehmend nutzt. Gezeigt wird etwa die alte Stadt München auf der Basis des hölzernen Stadtmodells von Jakob Sandtner aus dem Jahr 1570. Es lassen sich dort Eindrücke sammeln, die man danach im heutigen München selbst an Ort und Stelle wieder abspulen kann: Wir alle leben auf der Basis unserer gemeinsamen Vergangenheit. Auch das kann eine Ausstellung zeigen.

Bis 8. November, täglich 9 bis 18 Uhr. Hotline zu etwaigen coronabedingten Wartezeiten, Führungsanmeldung unter Telefon 0821/45057457

 

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