Frauenärztin berichtet Werdende Mutter ist Corona-positiv: So läuft eine Geburt ab

"Wir kommen heim": Nachdem alle Patienten und Mitarbeiter auf der Station für Gynäkologie und Geburtshilfe am Helios Klinikum negativ getestet wurden, dürfen Mütter und ihre Kinder am Samstag endlich entlassen werden – und das Klinikpersonal darf darauf hoffen, dass ihre Station bald wieder eröffnet wird. Foto: Helios Klinik West

Die Frauenärztin Sabine Keim hat schon Frauen mit Corona entbunden. Ein Gespräch über Geburten in Krisenzeiten, neue Stillregeln und Sorgen von Schwangeren.

 

München - Die gemütlichen Familienzimmer – in den Geburtsstationen der Münchner Kliniken bleiben sie derzeit unbenutzt. Gebärende müssen nun alleine stark sein: Mutter und Vater können die Geburt zwar gemeinsam erleben. Wenn das Baby da ist, sehen die Frauen ihren Partner aber erst am Tag der Klinik-Entlassung wieder.

Solche Enttäuschungen bringt die Corona-Krise für werdende Eltern. Einen persönlichen Verzicht leistet in dieser Ausnahmezeit auch Sabine Keim (42), Chefärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Helios Klinikum in Pasing. Seit zwei Arbeitswochen kommt sie erst spät heim. Ihr eineinhalbjähriger Sohn schläft um diese Zeit schon.

Vor der vorübergehenden Schließung ihrer Klinik, hat die Frauenärztin Covid-19-infizierte Frauen bereits in Schutzkleidung entbunden. Ein Gespräch mit der 42-jährigen Münchnerin, was Corona für Schwangere in München bedeutet.

AZ: Frau Dr. Keim, Sie sind Mutter. Wie hat Corona Ihr Privatleben verändert?
SABINE KEIM: Mein kleiner Sohn geht nicht mehr in die Kita. Seine Betreuung habe ich familiär organisiert. Zu den Großeltern gehen wir aber seit über 14 Tagen auf Distanz. Wir skypen jetzt mit ihnen.

Als Medizinerin haben Sie doch Anspruch auf die Notbetreuung in der Kita.Das stimmt. Es reicht inzwischen sogar, wenn ein Elternteil in einem systemrelevanten Beruf arbeitet. Das ist eine kluge und gute Rückendeckung für uns alle in den sogenannten systemrelevanten Berufen. Es hilft den Mitarbeitern in der Klinik sehr, dass wir ein Back-up für unsere Kinder haben.

Wie gefordert sind Sie im Moment als Chefärztin?
In der aktuellen Situation sind alle Menschen sehr gefordert, die im Gesundheitswesen arbeiten. Bei uns in der Klinik haben wir mit enormen Anstrengungen spezielle Bereiche für Covid-19-Patienten eingerichtet. Trotzdem hat es außerhalb der Isolierstation Infektionen gegeben. Aber bei uns geht es nicht drunter und drüber. Wir haben Kapazitäten. Auf meiner Geburtsstation sind alle Mütter, Babys und Mitarbeiter negativ auf das Coronavirus getestet worden. Bei uns kommen über 1000 Babys im Jahr zur Welt. Wir hoffen, die Geburtshilfe schnellstmöglich wieder öffnen zu können.

Corona-Krise: Werdende Väter dürfen bei Geburt dabei sein

Dürfen in München Väter in allen Kliniken bei der Geburt dabei sein?
Die bayerischen Chefärzte haben sich abgesprochen. Bei der aktiven Phase der Geburt sind gesunde Väter als Begleiter erlaubt. Davor untersuchen wir sie, messen digital ihre Temperatur und fragen nach Risikokontakten. Bei Kaiserschnitten hängt die Erlaubnis vom Krankenhaus ab.

Engste Verwandte, wie Väter und Geschwisterkinder, haben als Besucher aber keinen Zutritt zur Wöchnerinnenstation. Ist das nicht jammerschade für die Familien?
Das ist richtig so. Besuch ist zur Zeit nicht erlaubt. Wir in der Klinik versuchen den Kontakt zu Außenstehenden zu minimieren, zum Schutz anderer Patienten, aber auch der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Gibt es da nicht Tränen bei den Frauen?
Schon. Eine Geburt und die Zeit danach sind eine hochemotionale Angelegenheit, eine der schönsten und entscheidendsten Dinge im Leben. Natürlich sagen auch Väter: Ich lasse meine Frau nicht allein. Hier müssen wir um Verständnis bitten. Aber das wird gut angenommen. Bei den Frauen ist es das gleiche, bis auf sehr wenige Ausnahmen.

Kein Krankenhausbesuch beim Baby

Lehnen sich Gebärende nicht dagegen auf?
Am Anfang, vor 14 Tagen, gab es öfter Tränen. Das war zu der Zeit. als die Ausgangsbeschränkungen scharf gestellt wurden. Inzwischen ist die Sensibilisierung der Bevölkerung viel besser. Die Leute sind gut an das Problem herangeführt worden und haben die Notwendigkeit verstanden.

Eine Covid-19-positive Mutter haben Sie schon begleitet, weitere positiv getestete betreuen Sie in häuslicher Quarantäne vor der Geburt.
Diese Geburt bei der infizierten Frau ging sehr gut. Das Kind bleibt auch bei seiner Mutter. Das Gute ist, infizierte Schwangere haben in der Regel nur schwache Krankheits-Symptome.

"Junge Mütter dürfen mit Mundschutz stillen"

Darf diese infizierte Mutter ihr Kind eigentlich stillen?
Ja, mit einem Mundschutz und Händedesinfektion. Wir lassen die Nähe von Mutter und Kind ein Stück zu, soweit das die körperliche Verfassung der Mutter zulässt. Das Bonding, die Bindung zwischen Mutter und Kind ist so möglich. Allerdings informieren wir, dass ein Restrisiko bleibt, das Virus auf ihr Baby zu übertragen.

Was raten Sie schwangeren Frauen in München?
Halten Sie sich an die Regeln. Bleiben Sie daheim und treffen sie nur Familienangehörige.

Neu ist, dass der Arbeitgeber von Schwangeren deren Risiko einschätzen muss, am Arbeitsplatz krank zu werden.
Neu ist, dass für den Zeitraum der Ausgangsbeschränkung automatisch ein Beschäftigungsverbot bei Schwangerschaft gilt. Das wird für alle Berufe gelten, die exponiert mit Menschen arbeiten.

Mundschutz bei der Geburt und Kittel bei Corona-positiven Mutter

Wann tragen Sie Mundschutz?
Immer, wenn ich mein Büro verlasse, trage ich einen Nasen- und Mundschutz. Bei Geburten von Patientinnen, die Kontakt hatten und Symptome haben, tragen die Gebärende, Hebamme und Arzt die erforderliche FFP-2-Maske. Bei der Covid-positiven Gebärenden hatten wir auch einen Augenschutz und Schutzkittel an. Diese Geburt hat zwölf Stunden gedauert, in denen wir uns unzählige Male umgezogen haben. Das war sehr aufwendig.

Wie trösten Sie unglückliche und Mütter, die sich frustriert fragen: Warum muss ich gerade in so einer Ausnahmezeit mein Baby bekommen?
Wenn ein so glückliches Ereignis in eine schwierige Krise fällt, dann können wir daran nichts ändern. Wir wollen der jungen Familie helfen, gesund nach Hause zu kommen. Wir reden viel mit den Frauen, verbringen noch mehr Zeit mit den werdenden Müttern. Sensibilität und psychologisches Gespür, Verständnis und ein hoher Grad an Transparenz sind jetzt gefragt.

Gibt es Gründe für Ihre Zuversicht?
Schwangere sind in der Regel gesunde junge Frauen. Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht, Diabetes und Lungenprobleme haben sie in der Regel nicht. Covid-19 stellt für sie also keine große Gefahr dar. Infizierte Frauen können weitestgehend eine normale Geburt erleben. Ich kenne keinen Bericht darüber, dass Neugeborene krank geworden sind, allerdings ist die Datenlage sehr dünn.

Was bedeutet eine Geburt für Sie persönlich?
Eine Geburt ist eines der schönsten Erlebnisse im Leben. Es geht dabei um diese tiefe Liebe. An der ändert auch Corona nichts.

 

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