Franziska Walser und Edgar Selge Darum engagiert sich das Ehepaar für psychisch Kranke

Franziska Walser und Edgar Selge sind seit 1985 verheiratet. Foto: ho

Franziska Walser und Edgar Selge gehören zu den besten Schauspielern Deutschlands. Im interview sprechen sie über ihr Engagement für psychisch Kranke, ihren Beruf und das Geheimnis ihrer glücklichen Schauspieler-Ehe.

Hamburg - Das Schauspielerehepaar Franziska Walser und Edgar Selge engagiert sich schon seit Jahren für „Basta“, eine Initiative gegen die Stigmatisierung und Diskriminierung psychisch Kranker.

Die AZ hat die beiden in Hamburg getroffen und über ihr Engagement, ihren gemeinsamen Beruf und das Geheimnis einer glücklichen Ehe gesprochen.

Herr Selge, Frau Walser, Sie haben seit Jahren die Schirmherrschaft bei BASTA inne. Wie kam es zu Ihrem Engagement?

Walser: Die Leute von Basta sind auf uns zugekommen, weil sie fanden, daß das Image von psychischen Problemen eben nicht besonders sexy ist in der Öffentlichkeit. Viele Menschen haben Berührungsängste, weil ihnen solche Erkrankungen Angst machen. BASTA engagiert sich dafür, diese Stigmatisierung abzubauen und Menschen mit Psychiatrieerfahrung wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Und wie funktioniert das?

Selge: In der Begegnung mit psychisch Kranken haben wir oft Angst um unsere eigene seelische Sicherheit.

Walser: Information und Erklärung ist also sehr wichtig. Wenn man Menschen klar macht, womit psychisch Kranke zu kämpfen haben und was es bedeutet, psychisch krank zu sein, dann kann man ihnen diese Berührungsängste nehmen.

Warum engagieren Sie sich beide dafür? Man könnte sich ja auch für mehrere Dinge stark machen...

Selge: Wenn ich die Möglichkeit habe, mich für etwas zu engagieren, dann möchte ich das gerne mit Franziska zusammen machen, weil mich interessiert, wie sie darüber denkt, wie sie damit umgeht. Und dadurch, dass wir das gerne zusammen machen und darüber kommunizieren, kann unter Umständen auch eine Kraft für andere entstehen. Es geht ja darum, Menschen, die ihre Ängste nicht zurückhalten können und davon auch existenziell bedroht sind, zu stützen. Und dazu braucht man viel Überzeugungskraft. Ein Psychiater kann das vielleicht von Berufswegen, aber ich alleine? Mit Franziska zusammen traue ich mir das zu.

Walser: Für mich ist außerdem die Vorstellung mit der Psychiatrie in Berührung zu kommen, nicht so weit entfernt.

Warum?

Walser: Ich habe da nicht so ein Abgrenzungsbedürfnis, weil ich mir vorstellen kann dass auch mir eine Therapie helfen könnte. Das ist eine Art der Auseinandersetzung mit sich selbst, bei der einem vieles klarer wird. Ich will nicht sagen, dass ich das dringend bräuchte, aber es ist für mich vorstellbar. Natürlich gibt es da auch Ängste, die wir alle haben. Aber sich bewusst mit diesen Ängsten auseinanderzusetzen und damit zu beschäftigen, finde ich gut. Fast jeder Mensch in Deutschland ist einmal im Leben direkt oder indirekt von einer psychischen Erkrankung betroffen. Deshalb ist es wichtig, dass wir diese Menschen wieder integrieren. Ich würde mir wünschen, dass es da mehr Solidarität gäbe.

Obwohl so viele Menschen in Deutschland von psychischen Erkrankungen betroffen sind, muss es eine Initiative gegen die Stigmatisierung und Diskriminierung dieser Menschen geben?

Selge: Wenn Sie die Zeitung aufschlagen, sieht man, wie unbewusst mit diesem Stigma umgegangen wird. Wenn irgendetwas passiert, das ungewöhnlich ist und in keine Schublade passt, dann war es gleich ein Verrückter, ein Irrer. Wir machen kaum noch den Versuch, ungewöhnliches Verhalten mit Hilfe unserer eigenen Erfahrungen nachzuvollziehen.

Walser: Oder in der Werbung. In den Medien wird dieses Stigma oft bedient und da wird BASTA auf den Plan gerufen und sagt, ‚Überlegt euch das, habt nicht sofort diesen Verdacht!’.

Frau Walser, in den Werken Ihres Vaters finden sich immer wieder Protagonisten, die einen inneren Kampf ausfechten. Herr Selge, Ihr Vater war Gefängnisdirektor und einmal ist ein Gefangener sogar mit Ihrem Kinderfahrrad abgehauen. Haben Sie durch Ihre Herkunft vielleicht mehr Verständnis für Randgruppen, für Menschen, die außerhalb dessen leben, was wir „normal“ nennen?

Selge: Ja, das kann sein.

Walser: „Normal“ ist so ein Begriff, der – wenn man genau hinschaut – auf fast niemanden zutrifft. Das ist Fassade! Jeder Mensch ist anders, bis in jede einzelne Zelle hinein.

Als Schauspieler muss man ja ständig in neue Rollen schlüpfen. Wie wahrt man seine psychische Integrität und verliert sich dabei nicht selbst?

Selge: Indem man zum Beispiel Privatleben und Rolle sehr sauber voneinander trennt.

Walser (lacht): Das ist aber nicht immer so einfach! So etwas sagt sich leicht, aber natürlich nimmt man den Beruf auch abends mit ins Bett. Manchmal verschwimmen da die Grenzen. In dem Moment, wo mir das bewusst wird, ist es aber vielleicht keine so große Gefahr mehr.

Selge: Stimmt! In unserem Beruf ist das Ausdrucksmaterial, das man zur Verfügung hat, das eigene Leben, die eigenen Erfahrungen, man selbst. Das soll auch so sein. Trotzdem ist der Zusammenhang, in dem ein Drama, eine Geschichte entsteht eben ein fiktiver. Ich glaube, je exzentrischer man sein eigenes Material benutzt, desto genauer muss man aufpassen, dass man Rolle und Privatperson voneinander trennt.

Walser: Das ist auch der Grund, warum wir, wenn wir zusammen arbeiten, nicht zusammen wohnen.

Ach ja?

Selge: Wenn man miteinander dreht, also tagsüber zusammen eine eigene Spielwirklichkeit erzeugt, ist es wichtig, dass man auch den Schritt in die Distanz gehen kann, damit diese Grundspannung bleibt und sich nicht mit dem privaten Leben vermischt.

Wie ist es für Sie, dass Sie beide denselben Beruf haben?

Walser: Ohne unseren Beruf würden wir uns vielleicht gar nicht kennen – wir haben uns ja in der Schauspielschule kennengelernt. Ich finde es schön, dass Edgar und ich denselben Beruf haben, weil wir auch ein gemeinsames Verständnis für die Schwierigkeiten, für die Einsamkeiten und für den Raum, den jeder für sich braucht, haben.

Selge: Ja und wenn man drüber nachdenkt, dann wird man feststellen, dass viele Paare den selben Beruf haben – seien es Lehrer, Anwälte oder Zahnärzte.

Gibt es da manchmal auch Konkurrenz?

Selge: Konkurrenz gibt es überall, aber es ist interessant, dass vor allem Schauspieler immer damit konfrontiert werden.

Und wie ist das, wenn Sie gemeinsam vor der Kamera oder auf der Bühne stehen?

Walser: Das ist gut! Man kann bestimmte Problematiken berühren und sich damit auseinandersetzen. Und zwar als Spiel, als Rollenspiel. Aber natürlich kommt einem das manchmal auch sehr nahe. Unser Umgang miteinander ist dann sehr achtsam.

Selge: Die Arbeit auf der Bühne, vor der Kamera sein, die vorbereitende Beschäftigung mit der Rolle, die Proben - das ist für mich das Schöne an unserem Beruf. Das mache ich gerne und es ist ein großes Glück und Vergnügen. Die schwierigeren Seiten innerhalb eines Schauspielerlebens liegen für mich eher außerhalb dessen, was unmittelbar mit dem Beruf zu tun hat. Die Vermarktung, die Interviews – das brauche ich eigentlich nicht.

Wieso?

Selge: Das ist eine Marktleistung. Ich möchte eigentlich nur spielen, mich mit meiner Rolle beschäftigen und spielen. Und dann leben, also essen, schlafen, lesen, Klavier üben, ins Kino gehen, verreisen, mit meinen Kindern sprechen oder mich mit meiner Frau zurückziehen.

Walser: Da hast du recht. Aber natürlich ist es wichtig, dass ein Film oder Stück sein Publikum findet, deswegen muss man darüber sprechen. Das ist ein ganz anderer Vorgang als der Prozess des Spielens. Man muss es irgendwie „übersetzen“. Das ist eine andere Art der Auseinandersetzung.

Selge: Die Gesetze der Leistungsgesellschaft, dass alles etwas bringen muss, auch im materiellen Sinn, machen natürlich auch vor dem Schauspieler nicht Halt. Dass alle Dinge vor allem auf dem Markt funktionieren, dass sie möglichst wenig kosten, dass sie möglichst reibungslos ablaufen müssen – das sind Dinge, die eigentlich jeder künstlerischen Arbeit total entgegen gesetzt sind. In den letzten Jahren hat sich das noch zugespitzt und verschärft. Wenn im Leben alles nur mehr einen Nutzen haben muss, dann kann es passieren, dass der einfache Wille zu leben verschwindet. Und dann ist man mitten in der Depression.

Bei unserem letzten Gespräch haben Sie gesagt, psychisch Kranke seien die Seismografen unserer Gesellschaft. Steigt die Zahl der psychisch Kranken auch wegen dieses Leistungsdrucks?

Walser: Natürlich. Nichts kann einfach mehr nur sein, ohne dass es für irgendwas gut ist. Die Leerräume fehlen.

Selge: Und damit auch die Freiräume.

Walser: Wir haben eine wahnsinnige Angst vor der Leere, aber in Wirklichkeit ist sie etwas sehr Wichtiges. Ich persönlich brauche das, von Zeit für Zeit eine weiße Wand zu haben, oder eben einen leeren Raum.

Wie schafft man sich diese Leerräume?

Walser: In der Natur. Oder auch beim Meditieren.

Selge: Die muss man sich nicht schaffen. Die Leere ist eigentlich immer da. Wir müssen sie nur zulassen. In jeder Frustration, die Zeit nicht besser ausgenutzt zu haben, kommt das Gefühl der Leere zum Ausdruck und die Angst davor. Wir müssen die Passivität lernen. In der Grammatik ist das Passiv die Leideform der Verben. So gesehen müssen wir lernen, unsere eigene Wirklichkeit, unser Dasein zu erleiden. Das ist ein positiver Vorgang!

Man wird – als Schauspieler, aber auch als jeder andere Mensch – häufig auf eine bestimmte Rolle festgelegt. Welche ist das bei Ihnen?

Selge: Was ich immer in einer Rollenarbeit suche, sind Entwicklungsschritte. Das heißt, man muss sich einen Anfang setzen und dann herausbekommen, was in dieser Geschichte noch stecken könnte, was in der Geschichte noch an Erfahrungen liegt. Das Interessante an unserem Beruf ist, dass man beim Spielen Erfahrungen machen kann. Und eine Erfahrung zu machen heißt auch, vieles nicht zu wissen und vieles auch bewusst nicht wissen zu wollen. Man muss nur wissen, wo man losgeht.

Walser: Aber man muss nicht schon wissen, wo man hinkommt – das wäre ganz schade.

Als was würden Sie denn gerne gesehen werden?

Selge: Als ein Schauspieler, der ein Suchender ist und der seinem Beruf neugierig nachgeht. Das reicht mir völlig.

Sie sind in diesem Jahr seit 30 Jahren verheiratet. Wie schaffen Sie das?

(Edgar Selge lacht)

Walser: Am Anfang steht die Erkenntnis, dass kein einziges Leben jemals ausreichen wird, einen anderen Menschen wirklich zu kennen. Darin liegt etwas Tragisches, etwas Unheimliches, aber auch etwas sehr Anziehendes und Interessantes. Es gibt keine Versicherung für irgendetwas. Es gibt nur Neugierde, und Lust auf Entwicklung. Und wenn man das Gefühl hat, dass man sich diesen Raum gegenseitig zugesteht, sodass sich jeder entwickeln und entfalten kann, dann ist das schon sehr viel. Ich finde, dass man sich alleine gar nicht kennenlernen kann. Man braucht einen anderen, der einen spiegelt, um zu erfahren, wer man selbst ist. Man muss mindestens zu zweit sein, um sich selbst kennenzulernen, weil wir eben kommunizierende Röhren sind, wir brauchen einander.

Was lernen Sie denn da kennen?

Walser: Ich lerne zum Beispiel, wie ich auf einen anderen Menschen wirke. Wenn ich eine Äußerung mache, kann das auf Edgar ganz anders wirken, als ich es ursprünglich gemeint habe. Damit muss ich mich konfrontieren. Und bestenfalls lerne ich auch, was es bedeutet, mir selbst und anderen gegenüber Schwäche zugeben zu können.

Kann man das mit dem Alter besser?

Walser: Glaube ich nicht, eher im Gegenteil. Aber mich interessiert Schwäche. Und ich finde es erstrebenswert, meine Schwächen zugeben zu können, denn dann kann sich die Schwäche in etwas anderes verwandeln.

In Stärke?

Walser: Vielleicht nicht in Stärke. Aber man kriegt dann so eine kleine Distanz dazu und diese kleine Distanz verändert etwas. In dem Moment, wo ich mich zu der Schwäche bekennen kann, verflüchtigt sie sich. Vielleicht wird sie nicht zu Stärke, aber etwas entspannt sich in mir. Und das ist auch ein Grund, warum ich mich gerne für Menschen engagiere, die in einer Krise sind, die vielleicht auch gerade schwach sind. Sie bekennen sich dazu. Ich möchte sie unterstützen, wenn sie vielleicht selbst gerade keine Kraft haben. Wir sind alle soziale Wesen.

Selge: Das stimmt. Wenn wir nur mit uns alleine sind, gehen wir ein wie die Primeln.

Am Samstag, 10.10. findet der Welttag für seelische Gesundheit statt. Betroffene, Angehörige und verschiedene Institutionen laden zu diesem Anlass zum findet Aktionstag für psychische Gesundheit ein. Unter dem Motto „Sei ein Herzschrittmacher“ laden sie ab 14.00 Uhr dazu ein, am Stachus mit Musik und Ansprachen ein Zeichen gegen die Diskriminierung und Stigmatisierung von psychisch Kranken zu setzen.

 

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