Flughafen München Dritte Startbahn: Unser Dorf wird zerstört!

Attaching: Unser Dorf wird zerstört - Die Flufghafenerweiterung trifft den Ort am härtesten Foto: Petra Schramek/dpa

Attaching – so heißt der Ort, den die Expansion des Flughafens am härtesten trifft. Die Menschen hier sind traurig – und wütend. Die AZ schaut sich vor Ort um.

 

Attaching - An der Theke im Kramerladen wartet Elisabeth Ziegltrum auf Kunden. Es ist wenig los, obwohl es heute frische Fleischpflanzerl gibt. „Schlecht, ganz schlecht”, sei die Lage im Dorf Attaching, sagt Ziegltrum. Die dritte Startbahn des Flughafen Münchens soll sich ab 2015 durch den Süden des Dorfes bohren: „Das ganze untere Dorf zieht weg. Aber wir leben doch von den Stammkunden.”

Die Familie Ziegltrum ist eine von vielen, die wegen der dritten Startbahn ihre Heimat zu verlieren droht. Vor der Luftverschmutzung fürchten sie sich, aber noch mehr vor dem Lärm. Mit 70 Dezibel überziehen Flieger künftig im Minutentakt den Himmel über Attaching. Dank der eine Milliarde Euro teuren Bahn sollen stündlich 120 Flugzeuge starten und landen können. Bisher sind es 90 pro Stunde.

Drei Familien leben von Ziegltrums Tante-Emma-Laden. „Wenn die Bahn kommt, ist’s für uns aus”, sagt Schwiegertochter Barbara. Wegziehen könne sie nicht: „Wir fallen nicht in den Sprengel, dem der Flughafen was zahlt.” Auf Immobilienmarkt interessiere sich auch keiner für das Haus.

Früher hat die Familie gerne im Hof gesessen, erzählt Elisabeth Ziegltrum. „Aber heut’ nur noch selten.” Wenn der Wind von Süden kommt, sei es besonders schlimm in Attaching. Dann zitterten die Gartentore und Blumen unter den Triebwerken: „Donnerstags ist am meisten los.” Für die Familie Ziegltraum ist das Milliardenprojekt des Freistaats der Ruin. „Wir wehren uns jetzt bis aufs Äußerste.”

Auf dem Hof
gegenüber hütet Georg Huber seinen Enkel Maxi. Der Bub ist müde. Oft reißen ihn die Flugzeuge beim Einschlafen aus der Bettruhe. „Einen Wutbürger haben sie aus mir gemacht”, sagt Huber. Seine Tochter verteilt Flyer für die Demo am Freitag in München. Vor der CSU-Landesleitung in der Nymphenburger Straße werden die Bürger sich um 10.30 Uhr aufstellen. „Ob wir die Startbahn verhindern können, weiß ich nicht”, sagt Hubers Tochter Monika Riesch, „aber wir können sie rauszögern.” Sie ist auf dem Hof an der Dorfstraße aufgewachsen. Genau wie Vater und Großvater. „Umziehen?” Riesch schaut erstaunt. „Darüber mache ich mir keine Gedanken. Noch ist nicht alles verloren.” Die Menschen in Attaching rücken zusammen. Wenigstens die wenigen, die hier noch leben. „Nein zur 3. Startbahn” hat Riesch auf die Scheibe ihres Fords geklebt.

Am Ortseingang prangt der Schriftzug auf weiteren Autos. Überall haben die Attachinger Scheiben beklebt, Plakate und selbstgemalte Schilder aufgehängt. Am Maibaum steht ein Grabstein. „Attaching, *790 – †3. Bahn” steht darauf geschrieben. Der Ort stirbt. Das ahnt auch die Freisinger Stadträtin Rita Schwaiger. „Helfen Sie uns”, sagt die Freie Wählerin; ihre Stimme bricht: „Wir haben so gehofft, wir haben alles aufgeboten. Jetzt wird uns der Boden unter den Füßen weggezogen. Jetzt sind wir platt.” Genau wie bald das Dorf. Die Leute hätten ihre Traumhäuser gebaut: „So viel Liebe steckt darin. Vögel und die Natur wollen die vom Flughafen schützen, aber nach den Menschen fragt keiner.”

Die Autowerkstatt
von Lars Peuker wäre künftig das letzte Grundstück vor dem Sicherheitszaun. „Für mich ist die Startbahn nicht das größte Unglück”, sagt Peuker. Piloten und Flugbegleiterinnen sind seine Klientel. „Für mich bedeutet die Startbahn ein besseres Geschäft.” Er will expandieren, den Antrag auf eine Baugenehmigung hat er eingereicht. Peuker pendelt jeden Tag nach Attaching. „Ich wohne 35 Kilometer von hier entfernt. Ich hab’ den Lärm nicht daheim. Die Einzelschicksale am Ort sind sicher schlimm.”

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