Flughafen München 3. Startbahn: Alle Argumente Pro und Kontra

Zum Beginn des Prozesses um die dritte Startbahn: Der große AZ-Überblick der wichtigsten Argumente von Startbahngegnern und -befürwortern.

 

München - Die geplante dritte Startbahn für den Flughafen München steht auf dem Prüfstand. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (VGH) muss über eine Reihe von Klagen gegen die Baugenehmigung entscheiden.

Davon betroffene Kommunen, der Bund Naturschutz in Bayern (BN) und mehrere Privatkläger wollen den Planfeststellungsbeschluss zu Fall bringen oder zumindest schärfere Lärmschutzauflagen erreichen.

Die AZ gibt einen großen Überblick über die wichtigsten Argumente von Startbahngegnern und -befürwortern.

Einig sind sich Gegner und Befürworter des Projekts wohl nur in einem Punkt: Die Entscheidung wird starke Auswirkungen auf die gesamte Region haben. Das Zukunftsszenario allerdings, das die jeweiligen Lager mit der Startbahn verknüpfen, fällt komplett unterschiedlich aus.

DAS SPRICHT DAFÜR:

11.000 neue Jobs, mehr Verbindungen von und nach München, kein Cent aus Steuergeldern

Das Export-Argument: Je mehr Länder von München aus direkt zu erreichen sind, umso besser können Münchner Produkte und Dienstleistungen verkauft werden. So beflügelt die dritte Bahn die heimische Wirtschaft.

Das Arbeitsplatz-Argument: Der Flughafen sichert und schafft Jobs für München und die Region. Schon jetzt bietet der Airport rund 6000 Münchnern Arbeit, insgesamt sind dort rund 30000 Menschen beschäftigt. Mit dem Ausbau entstehen allein am Flughafen 11000 neue Jobs.

Das Wohlstands-Argument: Der Flughafen füllt das Stadtsäckl, weil er direkt (über die Lohnsteuer der Münchner Mitarbeiter) und indirekt zum Steueraufkommen beiträgt. Das ermöglicht der Stadt wichtige Investitionen – zum Beispiel in die Kinderbetreuung.

Das Standort-Argument: Alleine durch die international tätigen Unternehmen in der Region München werden über 246000 Arbeitsplätze gesichert. Für sie ist die Luftverkehrsanbindung ein zentraler Faktor bei der Standortwahl. Eine Studie des „European Center for Aviation Development“ ergab: Mehr als die Hälfte der befragten Firmen hätte sich einen anderen Standort gesucht, wenn die Anbindung unzureichend gewesen wäre.

Das Tourismus-Argument: Die Anzahl der direkten Flugverbindungen wirkt sich stark auf das Tourismusziel München aus. Auch Messen und Großkongresse sind von einer guten Erreichbarkeit der Stadt abhängig. Genau wie der boomende Gesundheitstourismus.

Das Leistungskraft-Argument: Im Jahr 2010 hatte der Flughafen 34,7 Millionen Passagiere – ein heftiger Anstieg im Vergleich zum Anfangsjahr 1992, als 12 Millionen gezählt wurden. Bis 2025, so sagt ein Gutachten des Beratungsunternehmens Intraplan, wird die Zahl der Passagiere um weitere 68 Prozent steigen – auf 58,2 Millionen. Schon jetzt ist der Flughafen aber am Limit. Anfragen der Fluggesellschaften müssen abgewiesen werden – wegen mangelnder Kapazitäten. Oder es können nur Start- und Landerechte zu unattraktiven Tageszeiten vergeben werden. Das mindert die Konkurrenzfähigkeit des Münchner Flughafens als Drehscheibe.

Das Umwelt-Argument: Die hohe Dichte von Starts und Landungen führt häufig zu Warteschleifen – die machen Lärm und verbrauchen Extra-Kerosin. Eine dritte Bahn würde insoweit die Umwelt schonen. Außerdem: Selbst wenn sie nicht kommt, nimmt der Flugverkehr insgesamt nicht ab. Er verlagert sich bloß an andere Airports.

Das Finanz-Argument: 1,2 Milliarden Euro soll die Startbahn kosten. Die Flughafengesellschaft wird das Projekt selbst finanzieren. Der Steuerzahler zahlt keinen Cent.

Das Drehkreuz-Argument: Immer mehr Umsteiger nutzen München als Drehkreuz – das ermöglicht viele Langstreckenflüge, wovon die Münchner profitieren. Wo andere umsteigen, sind sie Einsteiger – und kommen ohne Umwege zu neuen Zielen.

DAS SPRICHT DAGEGEN:

Weniger Flüge im Erdinger Moos, unklare Finanzierung und steigende Öl-Preise

Das Bedarfs-Argument: 2008 ist das bisherige Maximum an Flugbewegungen erreicht worden – mit 432296. Seither ist die Zahl der Starts und Landungen deutlich geringer. Konkret: Im vorigen Jahr waren es 409956. Die Prognosen, die der Planung für die Bahn zugrunde liegen, stimmen nicht. Die bisherigen zwei Bahnen reichen. Mit ihnen könnten über 500000 Starts und Landungen im Jahr abgewickelt werden – sagt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Es ist also noch Luft nach oben.

Das Arbeitsplatz-Argument: Von wegen neue Jobs. Untersuchungen zeigen: Der Bau der vierten Startbahn am Frankfurter Flughafen hat auch kaum neue Arbeitsplätze gebracht. Es gab bloß eine Verlagerung zulasten anderer Regionen. Außerdem platzt unsere Region eh aus den Nähten. Bezahlbarer Wohnraum ist jetzt schon knapp.

Das Fluglärm-Argument: Noch weiß keiner, wie die endgültigen Flugrouten für die neue Startbahn verlaufen sollen. Sie könnten aber in wesentlich geringerer Höhe sein als heute und führen voraussichtlich übers Stadtgebiet – weil die anderen Flugkorridore jenseits der Stadt schon belegt sind.

Das Solidaritäts-Argument: Die Menschen im Umland leiden schon jetzt unter Lärm und Abgasen des Flughafens. Durch die dritte Bahn kämen zehntausende neue Betroffene dazu. Das Extrembeispiel ist Attaching: Dieser Freisinger Ortsteil würde bis zu 530 Mal täglich in nur rund 50 Metern Höhe direkt überflogen.

Das Drehkreuz-Argument: Die Münchner haben nichts von der 3. Bahn – außer Lärm und Schadstoffen. Der Flughafen will bloß für Umsteigepassagiere wachsen. Das jetzige Angebot an Flügen – 2011 waren es 223 Ziele – reicht völlig. Und ein zweites großes Drehkreuz nur 312 Kilometer Luftlinie von Frankfurt ist Unfug.

Das Umwelt-Argument: Das Bauprojekt würde mehr als 1000 Hektar Vogelschutzgebiet vernichten. Der Flächenverbrauch für die Bahn ist so groß wie der Tegernsee.

Das Klima-Argument: München hat sich verpflichtet, den Kohlendioxid-Ausstoß bis 2030 um die Hälfte zu reduzieren (im Vergleich zu 1990). Den klimaschädlichen Flugverkehr zu fördern, passt absolut nicht zu diesem Ziel.

Das Finanzierungs-Argument: Die Flughafengesellschaft will die Bahn angeblich selbst finanzieren. Ob ihr das gelingt, ist fraglich. Sie hat nämlich 2,7 Milliarden Euro Schulden. Am Schluss müssen doch wieder die Steuerzahler blechen. Die Flughafen-Gesellschaft geht von 1,2 Milliarden Euro Baukosten aus. Doch bei welchem Großprojekt sind solche Anfangsschätzungen eingehalten worden?

Das Rohstoff-Argument: Der Ölpreis steigt. Das schlägt in der Luftfahrtbranche voll durch und wird die wirtschaftliche Lage der Fluggesellschaften verschlechtern. Die Flughafen-Gutachter gehen von einem Ölpreis von 119 Dollar je Barrel im Jahr 2025 aus. Im vergangenen März lag der Preis aber bereits bei 125 Dollar je Barrel.

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