Fliegerbombe in Regensburg Größte Evakuierungsmaßnahme der Geschichte

Ausnahmezustand in Regensburg: Tausende Bürger mussten ihre Wohnungen verlassen, auch ein Krankenhaus musste geräumt werden. Foto: dpa

Eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg löst in Regensburg die größte Evakuierungsmaßnahme in der Stadtgeschichte aus. Ein ganzes Krankenhaus muss geräumt werden. 5300 Menschen sind betroffen. Erst am späten Nachmittag füllt sich das verwaiste Stadtviertel wieder.

 

Regensburg - Die 65-Jährige hat vorgesorgt. Auf einem Biertisch in der Turnhalle einer Regensburger Grundschule hat Grazinal Kafka ein kleines Radiogerät aufgestellt. Darauf klebt ein Foto, das ihr Wohnzimmer zeigt. Die Regensburgerin hofft, dass sie ihre Wohnung bald wieder betreten darf - und nichts passiert.

Das Haus, in dem sie wohnt, befindet sich genau in dem Bereich, der wegen der Entschärfung einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg seit acht Uhr morgens gesperrt ist. "Ich warte einfach ab und höre Nachrichten", sagt die Frau, die in einem der vier von der Stadt bereitgestellten Notquartiere ausharrt.

5300 Menschen mussten wie Kafka ihre Häuser und Wohnungen an Allerheiligen verlassen - und sich bis zur erfolgreichen Entschärfung am späten Nachmittag gedulden. Der Fundort der Bombe lag zudem unweit vom größten deutschen katholischen Krankenhaus entfernt - die Klinik wurde ebenfalls komplett geräumt. Es war die größte Evakuierungsmaßnahme in der Stadtgeschichte.

Das Viertel im Westen Regensburgs gleicht am Sonntagmorgen einer Geisterstadt: Die Wohnhäuser - allesamt verwaist. Die Gehsteige - menschenleer. Etwa 200 Polizisten riegeln das Areal ab. Nur die Spezialisten des Sprengkommandos Süd dürfen es betreten. Der Blindgänger amerikanischer Bauart war bei Bauarbeiten am vergangenen Montag entdeckt worden.

Zu diesem Zeitpunkt lagen noch mehr als 500 Patienten in den Betten des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder. Jetzt ist der weitläufige Komplex nahezu leer gefegt. "Die meisten Patienten konnten bereits bis Samstag ganz regulär entlassen werden", sagt Krankenhaus-Geschäftsführer Andreas Kestler. "Das hinzubekommen, war die größte logistische Aufgabe." Nur noch 20 Patienten aus der Intensivstation müssen kurz vor Beginn der Bombenentschärfung in ein nahe gelegenes Krankenhaus verlegt werden - dazu sind drei Rettungsfahrzeuge mit Spezialausrüstung im Einsatz.

Im Vergleich zu einer Bombenentschärfung vor vier Jahren in Rheinland-Pfalz hält sich der Aufwand in Regensburg dennoch in Grenzen: Bei der bislang größten Evakuierung wegen einer Bombenentschärfung in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg mussten am 4. Dezember 2011 in Koblenz rund 45 000 Bewohner ihre Häuser verlassen, außerdem wurden ein Gefängnis, zwei Krankenhäuser und sieben Altenheime evakuiert.

Bevor sich der Kampfmittelräumdienst in Regensburg ans Werk macht, laufen Einsatzkräfte noch einmal von Haus zu Haus. Sie wollen sichergehen, dass sich im Umkreis von 500 Metern um die Bombe niemand mehr in den Häusern befindet. Sie werden fündig: Ein paar junge Leute feiern eine Party, haben von der Evakuierung offenbar nichts mitbekommen. Auch ein paar andere Anwohner verlassen den Sperrbereich erst, als ihnen Polizisten gut zureden.

In einem Notquartier wendet sich eine ältere Frau besorgt an Oberbürgermeister Joachim Wolbergs: "Ist mit der Bombe denn alles in Ordnung?", will sie wissen. "Alles in Ordnung, alles in Ordnung", beruhigt sie der SPD-Politiker. Dann gibt es Gulaschsuppe für die wartenden Bürger und die Helfer.

Kurz nach 15.30 Uhr können die Anwohner aufatmen: Sprengmeister Michael Filips zeigt auf den unschädlich gemachten, 250 Kilogramm schweren Blindgänger. Er liegt, mit Gurten festgezurrt, zum Abtransport bereit in einem Kleinbus. Es sei schwierig gewesen, den Kopfzünder zu entfernen. Das habe man aber schon vorher gewusst. Fünf Stunden dauerte die Entschärfung. "Wir sind keine Helden, wir haben nur unseren Job gemacht", sagt Filips.

 

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