Flashmobs in München Flashmobs: "Das ist eine neue Form des Protests"

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Heruntergerissene Leuchtstoffröhren, verbogene Abdeckgitter, kaputte Fensterscheiben und insgesamt rund 100 Stunden Verspätung bei den S-Bahnen – das ist die Bilanz einer Alkoholparty von rund 2000 jungen Leuten in der Münchner S-Bahn am Samstagabend. Foto: dapd

Der Politik- und Medienberater Steffen Wenzel über die in Mode gekommenen Flashmobs, welche über Facebook organisiert werden: „Das ist eine Spaßguerilla – aber nicht albern“

 

AZ: Herr Wenzel, sind Flashmobs – also scheinbar spontane Menschenaufläufe wie neulich in der S-Bahn – nicht albern?

STEFFEN WENZEL: Ich bezeichne das als Spaßguerilla, aber nicht als albern. Das ist eben eine neue Form des Protests.

Im AZ-Interview: Steffen Wenzel (Foto unten links). Der 44-jährige Politik- und Medienberater hat über moderne Jugendkultur promoviert. Er lebt in Berlin.

Was soll daran politisch sein, auf dem Odeonsplatz herumzustehen?

Jede Besetzung des öffentlichen Raums ist eine politische Aussage. Diese Menschen stehen nicht alleine in ihrer Wohnung, sondern haben sich verabredet, um das gemeinsam in der Öffentlichkeit zu machen. Damit erregen sie Aufmerksamkeit.

Sie hätten ja wenigstens ein Schild „Stehen – damit es weitergeht“ mitbringen können.

Nein, das haben die 68er und die neue soziale Bewegung in den 70ern gemacht. Damals hat man sich hingesetzt und das „Sit in“ genannt. Heutige Protestformen sind weniger plakativ, viel spielerischer.

Das könnten ja auch Nicht-Regierungsorganisationen für sich nutzen.

Tun sie doch! Gerade die großen wie Attac und Greenpeace laden zu Flashmobs ein. Und die Leute kommen. Es springen aber noch ganz andere auf den Zug auf: 2009 sangen auf Einladung der Telekom 13500 Londoner auf dem Trafalgar Square den Beatles-Hit „Hey Jude“. Das war Werbung, inszeniert und durchorganisiert, aber eben auch ein riesiger Karaoke-Flashmob.

Organisiert wird so etwas über das Internet, besonders in sozialen Netzwerken.

Das bietet ganz andere Möglichkeiten: Man kann viel kurzfristiger planen und Veränderungen kommunizieren. Und natürlich bietet das Internet ganz andere Formen des Protests. Über Facebook wurde massiv Druck auf die Sponsoren der Fußball-WM in der Ukraine ausgeübt, weil dort wegen der WM Straßenhunde getötet wurden. Ein Imageschaden für Adidas und McDonald’s, die dann wiederum Druck auf die Regierung ausgeübt haben.

Statt zu einer Demo zu gehen, kann ich mich also auch bei Facebook einloggen.

Der Protest auf der Straße hat mehr Symbolcharakter, doch gerade im Internet kann man Fakten schaffen: Ein Imageschaden ist schwer wieder einzudämmen. Außerdem ist die klassische Demo nicht ausgestorben. Denken Sie daran, wie viele Menschen in diesem Jahr gegen Atomkraft auf die Straße gegangen sind.

 

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