Filmfestspiele von Venedig Roman Polanski verfilmt die Dreyfus-Affäre

Jean Dujardin (links) als Marie-Georges Picquart, Louis Garrel als Hauptmann Alfred Dreyfus in „J'accuse“. Foto: Filmfestspiele Venedig

In seiner vielleicht letzten Regiearbeit widmet sich der 86-jährige Roman Polanski der Dreyfus-Affäre

 

Noch vor zwei Monaten war der etwas arrogante, aber charmante Filou beim Filmfest München, um seine libertinäre Dreieckskomödie „Ein treuer Mann“ vorzustellen. Und natürlich ist es lustig, diesen französischen Schönling jetzt wiederzusehen: Aber diesmal sieht er aus, als hätte er einen Spazierstock verschluckt, mit militärisch dauersteifer Miene. Er muss erleben, wie er entehrt und unschuldig wegen Spionage für Deutschland verurteilt und 1895 in die Verbannung auf die südamerikanische Teufelsinsel im damaligen Französisch-Guayana geschickt wird.

Denn Louis Garrel spielt den elsässischen Offizier Alfred Dreyfus. Der britische Schriftsteller Robert Harris hat vor sechs Jahren einen entlarvenden Geschichtsthriller aus der Dreyfus-Affäre gemacht: „An Officer and a Spy“, der deutsch weniger elegant, aber noch klarer „Intrige“ heißt. Deren Hauptfigur ist der französische Geheimdienstoffizier Marie-Georges Picquart, der unter Lebensgefahr den Justizskandal aufdeckt, sofort von höchsten Militärstellen kaltgestellt wird und nur mithilfe großen öffentlichen Drucks durch die Presse eine Wiederaufnahme des Verfahrens erzwingen kann.

Die Jury-Chefin protestiert

Roman Polanski hat jahrelang mit Harris zusammengearbeitet an einer Verfilmung, die jetzt „J’accuse“ heißt – nach der großen Schlagzeile in der Tageszeitung „L’Aurore“, mit der der Schriftsteller und politische Essayist Émile Zola am 13. Januar 1898 große Teile der militärischen Führung und Ministerielle der Rechtsbeugung, Korruption und des Antisemitismus bezichtigte. Im Vorfeld der Biennale war die Festivalleitung vor allem von amerikanischen Branchenblättern heftig dafür kritisiert worden, einen Film von Polanski in den Wettbewerb aufgenommen zu haben. Gegen den Regisseur gibt es einen US-Haftbefehl, weil er Mitte der 70er Jahre Sex mit einer Minderjährigen hatte. Und so ist Polanski auch in der Schweiz geblieben und nicht an den Lido gekommen.

Aber es ist immer irritierend, wenn der Streit um die Person eines Künstlers die Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk überschattet. Bei der Pressevorführung gab es großen Applaus für „J’accuse“, denn der Film ist einfach wunderbar klar und klassisch erzählt, sicher auch, weil die Affäre selbst schon kompliziert genug ist – mit gefälschten Briefen und Dokumenten, Intrigen und Erpressungen (wegen Liebesaffären oder Homosexualität).

Angriffe auf den Rechtsstaat

Unaufdringlich lässt Polanski die über 100 Jahre alte Geschichte zu uns heute sprechen, wenn zum Beispiel der absurde Antisemitismus anklingt, der mehr oder weniger subtil die Gesellschaft durchseucht und nur auf einen pogromartigen Ausbruch wartet. Ebenso sieht man den Angriff auf den Rechtsstaat von innen heraus, wenn staatliches Versagen vertuscht und höhere verwickelte Personen geschützt werden sollen.

Auch die Aushöhlung der Pressefreiheit durch gefälschte Fakten und die Verhaftung des Enthüllungsjournalisten Zola thematisiert Polanski sowie den Konflikt zwischen falschem Ehrenkodex und Gehorsam einerseits und der notwendigen Zivilcourage zum Widerstand andererseits. Und so kommt man frei assoziierend bei aller historischen Korrektheit des Films schnell auf sehr Aktuelles – von Putins, Kaczynskis und Orbáns Aushöhlung von Pressefreiheit und Rechtsstaat über die verschleppte Aufklärung und Vertuschung kirchlicher Missbrauchsfälle bis hin zu unseren Verfassungsschutzskandalen.

Und so gilt auch für „J’accuse“, dass sich Geschichte nicht wiederholt, aber eben doch ihre Muster – das macht Polanskis Film zum wichtigsten seit seinem oscargekrönten Werk „Der Pianist“ (2002). Deswegen irritiert es schon, wenn die diesjährige Jurypräsidentin, die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel, aus Protest gegen Roman Polanski erklärt hat, bei der Galapremiere weder aufstehen, noch applaudieren zu wollen und auch das Galadiner zu boykottieren – und das alles, wo doch Polanski nicht einmal in Venedig erschienen ist. Wenigstens ihre Forderung, den Film aus dem Wettbewerb zu nehmen, hat Martel wieder zurückgenommen.

 

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