Filmfestspiele Venedig Ein Animationsfilm und ein düsteres Drama

Václav Marhouls Film „The Painted Bird“ erzählt aus der Perspektive eines Kindes von der Brutalität des Krieges. Foto: Biennale di Venezia/dpa

Der Animationsfilm „No. 7 Cherry Lane“ und „The Painted Bird“ von Václav Marhoul bei den Filmfestspielen von Venedig

 

Großes Kino ist immer ein Kino der großen Bilder. In zwei der 21 Wettbewerbsfilme wird die Kraft von Sprache beschworen, um sie in die Magie der Bilder, in Kino umzuwandeln. Bei Martin Eden ist die Hauptfigur infiziert von Baudelaires „Fleurs du Mal“. Im einzigen Animationsfilm des Wettbewerbs „No. 7 Cherry Lane“ ist der Literaturstudent Ziming Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ verfallen.

Wie Proust mit seiner Sprache gelingt es dem chinesischen Regisseur Yon Fan mit großartig atmosphärischen Bilder die verlorene Zeit seiner Jugend heraufzubeschwören, Hongkong Ende der 60er Jahre. Dem nostalgischen Blick zurück entspricht der Stil der Zeichnungen: Sie sind nicht computergeneriert, sondern mit der Hand gezeichnet, tragen selbst die Aura des Vergangenen in sich.

Plötzlich im Heute

Den Geruch einer bestimmten Blume, den Geschmack gedämpfter Knödel, den Sonnenstrahl, der den Staub wie Schneeflocken tanzen lässt. Der wichtigste Ort von „No. 7 Cherry Lane“ ist ein altes Kino, in dem die französischen und italienischen Filme dieser Zeit laufen.

Der Student Ziming führt seine Geliebte dorthin, weil die Bilder der Filme Emotionen heraufbeschwören, für die er selbst keine Worte findet. An einer Stelle verknüpft „No. 7 Cherry Lane“ die Vergangenheit mit dem Hongkong der Gegenwart: Junge Chinesen demonstrieren mit der Maobibel in der Hand gegen die britischen Besatzer und werden brutal niedergeknüppelt.

Da beschleunigt der bis dahin gemächlich dahinströmende Film, wir hören einen wilden chinesischen Popsong, sehen die Ästhetik eines Manga-Comics. Und plötzlich befinden wir uns im Heute, wo die Jugend für die Unabhängigkeit von China auf die Straße geht und wieder niedergeprügelt wird. Und begreifen, wie tragisch sich die Generation des Regisseurs Yon Fan geirrt hat. Denn die Kulturrevolution hat eben jenes Hongkong zerstört, dem dieser Film als Liebeserklärung gewidmet ist.

Ein Film ohne Gnade

Die Macht der Bilder: Sie kann so verstörend, so tief ins Unterbewusstsein dringen, dass man aus „The Painted Bird“ herauswankt wie eine, die gerade die Hölle überlebt hat. Und genau diese Geschichte erzählt der tschechische Regisseur Václav Marhoul. Ein zehnjähriger Junge durchläuft ein unfassbares Martyrium, nachdem die Eltern ihn bei einer Pflegemutter untergebracht haben und er nach deren Tod alleine durch die Wälder und Dörfer von Osteuropa streift.

Der Film kennt keine Gnade. Die Grausamkeit steckt im Menschen, der Krieg reißt nur die Dämme ein, die sie ungehemmt aus ihm herausbrechen lassen. Und die Natur ist nicht die friedliche Gegenwelt, sie ist so erbarmungslos wie die Bestie Mensch. Ein Vogelfänger, bei dem der Junge Unterschlupf findet, bemalt einen Vogel mit Farbe, markiert und stigmatisiert ihn – wie mit einem Judenstern – und wirft ihn in die Luft. Der Junge verfolgt, wie der Vogel in einen Schwarm von Artgenossen gerät und von ihnen zerfetzt wird, bis nichts von ihm übrig bleibt als ein Federbündel, das dem Jungen vor die Füße fällt. Und ihm vor Augen führt, was ihm selbst und allen anderen zu Fremden, Ausgestoßenen Erklärten wiederfährt.

Überwältigendes Schwarzweiß

Einer der stärksten Momente von „The Painted Bird“ ist der, in dem die verrohten einheimischen Bauern den Jungen den deutschen Besatzern wie ein Tier zum Fraß vorwerfen. Man sieht zum ersten Mal einen Ort der scheinbaren Zivilisation, das deutsche Feldlager ist modern, akkurat, sauber, und der Offizier, der den Jungen erschießen soll, sitzt ein Buch lesend in der Sonne.

Tatsächlich lässt er den Jungen laufen. Doch in der nächsten Szene richten eben diese Deutschen mit einer sadistischen, kontrollierten Grausamkeit ein Gemetzel an. Nur die überwältigende Ästhetik der Schwarz-Weiß Bilder lässt uns den Horror ertragen.

Nur durch die Kunst und ihre ästhetische Distanz können wir den Abgrund im Menschen erfassen, oder wie in diesem Film geradezu körperlich erleben. Am Ende des Films ist nicht nur der Junge ein anderer geworden, sondern auch wir selbst.

 

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