Filmfestspiele Venedig Doppelte Überraschung – gegen den Kommerz

Philip Grönings „Die Frau des Polizisten“ prägte sich nachhaltig ein und wurde in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury belohnt. Foto: dpa

Ausgerechnet ein Doku-Film räumt in Venedig ab – und ein deutscher Beitrag.

 

Der Meister saß im Rollstuhl: Bernardo Bertolucci, 72-jähriger Jurypräsident der 70. Filmbiennale am Lido, hatte einen Satz wie ein Mantra wiederholt: „Ich will, dass ein Film mich überrascht!“ Und dann waren alle überrascht.

Denn der Favorit war bis Samstagnacht ein Film des Engländers Stephen Frears („The Queen“) gewesen – mit Judi Dench als ältere Mittelklasse Dame, die plötzlich ein Familiengeheimnis lüftet und nach 50 Jahren ihren zwangsadoptieren Sohn sucht.

Aber den Goldenen Löwen erhielt ein Film mit dem seltsamen Namen „Sacro GRA“ – und, was eine unheimliche Aufwertung des Genres ist: ein Dokumentarfilm. Anderthalb Stunden schaut die Kamera auf Menschen: einen liebevollen Sanitäter bei seinen harten Einsätzen und seiner Einsamkeit zu Hause, ältere Prostituierte am Straßenrand, einen lebensweisen einfachen Aal-Fischer und seine Frau und Bewohner eines Neubauklotzes…

Aber was hält diese Geschichten zusammen? Der „Grande Raccordo Anulare“, der GRA, der im Titel „sacro“ also heilig ist. Es ist der ewig lärmende Schnellstraßenring um Rom, eine hässliche Verkehrsader, an der sich „Negativeinrichtungen“ und billige Wohnungen reihen – das Gegenteil von „Dolce vita“ oder „Grande bellezza“, Rom von seiner hässlichen, aber menschlichen Seite.

Denn Regisseur Gianfranco Rosi begegnet jedem sachlich, aber offen, warmherzig, aber nie sentimental – und hat mit diesem überraschenden Film den Goldenen Löwen verdient, auch wenn es schwer sein wird, Menschen dafür ins Kino zu locken.

Da war es dann auch nur konsequent, den „Großen Preis der Jury“ an Philip Gröning zu geben – ebenfalls einer, der genau hinschaut und mit seinem Dokumentarfilm „Die große Stille“ über ein Schweigekloster schon vor Jahren in Venedig in einer Nebenreihe begeisterte.

Jetzt kam er in den Wettbewerb und räumte den Regisseurspreis ab. Wieder ist es ein Drei-Stunden-Film, wieder eine genaue Menschenbeobachtung, aber diesmal ein Spielfilm, sehr deutsch, kleinstädtisch, Kleinfamilie, Wald und Natur: „Die Frau des Polizisten“ zeigt eine Ehe, in der der eigentlich ganz sympathisch normale Mann beginnt, seine Frau zu terrorisieren und zu schlagen.

Das wird in 60 kurzen Kapiteln verhandelt. Dabei wird die Realität genau gezeigt und aufgeladen, ohne psychologisch zu erklären: Das muss der Zuschauer beim genauen Zuschauen eben selber mit sich ausmachen – ein intensives Experiment und in seiner Länge und Strenge überraschend gut!

Dass einem deutschen Regisseur nach vielen Jahren der Festival-Dürre mit so einem Film wieder ein Triumph gelang zeigt: Wer etwas wagt, gewinnt! Zumindest am Lido, wo in diesem Jahr auf ein Kino gesetzt wurde, das überrascht, aber sicher schwer zu kommerzialisieren ist.

 

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