Filmfestspiele Venedig Das Ereignis: Joaquin Phoenix als „Joker"

Meryl Streep in Steven Soderberghs Film „The Laundromat“. Foto: Netflix/dpa

Joaquin Phoenix ist als „Joker“ im gleichnamigen Film das bisherige Ereignis beim Filmfest in Venedig

 

Manchmal passiert es! Man sieht einen Film und weiß: Der Schauspieler wird den nächsten Oscar bekommen! Und genau das ist am Lido am Samstag, in der Kernnacht des Festivals, geschehen: Cesar Romero, Jack Nicholson, Heath Ledger? Joaquin Phoenix lacht anfallartig wahnsinnig, schleicht innerlich verletzt und tänzelt rätselhaft verkrümmt all seinen Rollen-Vorgängern davon: Er ist als „Joker“ der Trumpf der 76. Filmbiennale und mit ihm der Film von Todd Philips. Vordergründig ist die Sache nicht sonderlich originell: Aus einer ewig erfolgreichen, zig Mal filmisch ausgeschlachteten Comic-Vorlage ist der Antiheld zu Batman, der teuflische Joker, ausgekoppelt. Man erzählt jetzt seine Geschichte – wie aus einem Ex-Psychiatriepatienten ein unter Psychopharmaka stehender Klinikclown wird, der davon träumt, Stand-up-Comedian zu sein.

Gewalterfahrung, das zynische Zusammenstreichen des Sozialstaats mit seinen Hilfsangeboten, das Gefühl, denen da oben egal zu sein, die zunehmende Verwahrlosung der Gesellschaft machen Arthur Fleck zu einem durchgedrehten Killer. Der aber – und das ist die spannende Seite – ist eben ein Produkt von Gotham City, einer Gesellschaft, die jeden sozialen und politischen Zusammenhalt verloren hat. Dabei nimmt „Joker“ Anleihen bei der Occupy-Wall-Street-Bewegung, evoziert Bilder der vermüllten Bronx der 70er und zeigt die gesellschaftliche Konfliktexplosion mit Assoziationen an brennende Banlieues und den englischen Brixton Riots der 80er, nachdem Maggie Thatcher mit ihrem Neoliberalismus Hundertausende in die Hoffnungslosigkeit gestürzt hatte.

Liebesbeziehung mit Hollywood

Das Wochenende war also die Leistungsschau der Mostra, bei der sie zeigen konnte, wie es um die Liebesbeziehung zu Hollywood steht. Und die war schon einmal schlechter. Vor 15 Jahren, als der Verbindungsmann des Festivals nach Hollywood noch Harvey Weinstein hieß, ließ dieser seiner Wut über die Desorganisation am Lido einmal freien Lauf: Die Mitternachtsgala zu „Finding Neverland“ mit Johnny Depp hatte sich um über zwei Stunden verspätet. Weinstein erklomm die Bühne, begrüßte ironisch zur „Frühvorstellung“, zu der der Festivaldirektor, damals Marco Müller, sicher gleich Croissants servieren würde, um dann wörtlich anzukündigen, er werde ihn danach eigenhändig „mit einem Zementblock an den Füßen in der Lagune versenken“.

Inzwischen ist Weinstein selber im Strudel der #MeToo-Debatte versunken, und das älteste Filmfest der Welt durchlebte am Lido ein paar magerere Jahre, ist aber – seit Jahren – nun gut organisiert und wieder ganz oben. Was nicht immer an Hollywood liegt: Denn Steven Soderberghs absichtlich kulissenhaft und episodisch erzählter Film über Geldwäsche, „Laundromat“, ist nur ein mittelmäßig witziger, nicht wirklich spannender 90-Minuten-Werbeclip für die richtige Sache geworden: das Austrocknen von Steueroasen! Story-Grundlage sind die investigativen Panama Papers, Gary Oldman und Antonio Banderas sind die Briefkastenfirma-Verwalter Mossack und Fonseca, die uns das System in Glitzeranzügen in die Kamera erklären, während Meryl Streep als brave US-Mittelklasse-Rentnerin aus New York, um ihre Versicherungsleistungen betrogen, nach der Wahrheit sucht zwischen Panama, Las Vegas und den Virgin Islands.

Erfrischende Gewissheiten

Überhaupt versagen in diesem Wettbewerb um den Goldenen Löwen eher die politischen Filme, wie auch Olivier Assayas’ Spionagefilm „Wasp Network“ über kubanische Agenten, die in den 90ern die antikommunistischen, exilkubanischen Gruppen in Florida infiltrierten. Aber der Film ist wirr: Man weiß lange nicht, wer auf welcher Seite ist, was aber keine Spannung erzeugt, sondern nur Verunsicherung. Dann gibt es viel zu viele Ortssprünge, bis hin zu Drogenverwicklungen in Honduras. Und wenn der Film nicht mehr weiter weiß oder zu große Zeitsprünge machen muss, blendet man einfach schriftlich Jahreszahlen und zusätzliche Fakten ein. Schade, denn Penélope Cruz ist in ihrer Vokuhila-80er-Lockenmähne und Karotten-Jeans wirklich rührend – und kubanisch-sozialistisch patriotisch bis zum Schluss, ohne dass man aber den genauen Standpunkt des Filmes erkennen kann.

Da war die moralische Verwirrung in „Ema“ des Chilenen Pablo Larrain viel aufregender, weil hier eine bisexuelle Tänzerin ihren siebenjährigen Adoptivsohn zurückgibt, sich vom Ehemann und Compagnie-Choreograph (Gael García Bernal) trennt, Affären mit Mittänzerinnen und ihrer Scheidungsanwältin eingeht und nächtlich als Feuerteufel durch Valparaiso zieht und sich von einem Feuerwehrmann schwängern lässt.

Wenn am Ende dann eine denkbar verrückte Patchwork-Großfamilie entsteht, sind alle konservativen Gewissheiten irritierend und erfrischend aufgehoben. Und nach soviel feuchtheißem Sex atmet das Festival am Lido erst einmal durch.

Es wird angenehm kühler hier am Lido – Herbstzeit. Teile der Presse ziehen jetzt weiter zum Festival nach Toronto, und die Filmbiennale wendet sich traditionell noch stärker dem Arthaus-Kino zu, um am Ende aber noch einmal mit Mick Jagger und Johnny Depp aufzuwarten, ohne dass einer von ihnen diesmal bis zwei Uhr nachts wird auf die Gala warten müssen: „Waiting for the Babarians“ ist am Freitag schon um 19.30 Uhr angesetzt.

 

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