Filmfestspiele Berlin „Es gibt kein Böses“ gewinnt den Goldenen Bären

Berlinale-Bären warten auf ihre neuen Besitzer. Foto: Christoph Soeder/dpa

Berlinale: Mit „Es gibt kein Böses“ gewinnt der brisanteste, aber nicht beste Film den Goldenen Bären

 

Gegen Ende eines Festivals ist man entweder so ausgelaugt, dass man nichts mehr richtig aufnehmen kann. Oder man ist exakt in einem solchen Grade müde, dass man noch einmal völlig durchlässig für die letzten Bilder ist. Für die Berlinale-Jury unter dem Vorsitz von Jeremy Irons galt offenbar die zweite Variante: Sie zeichneten den achtzehnten, final gezeigten Film des Wettbewerbs, „Sheytan vojud nadarad“ („Es gibt kein Böses“) des Iraners Mohammad Rasoulof mit dem Goldenen Bären aus.

Rasoulofs zweieinhalbstündiges Epos beleuchtet in vier Episoden, wie das Regime in Teheran Männer verschiedenen Alters, vom älteren Gefängnisangestellten bis hin zum jungen Wehrdienstleistenden, zum Vollzug der Todesstrafe an Gegnern des Staates zwingt. Während der Familienalltag des einen zu Beginn in aller scheinbaren Ruhe sich entfaltet, bevor mit einem Schlag die Stimmung des Films kippt, begehrt der junge Soldat in der zweiten Episode auf, bedroht seine Kameraden mit der Waffe und flieht mit seiner Freundin aus Teheran. Was für Folgen diese Rebellion hat, zeigt sich viel später.

Ein leerer Stuhl

Als Anklage gegen ein unmenschliches System ist dieses Drama sicherlich mutig und die Jury wird wohl gewusst haben, dass Rasoulof nicht nach Berlin kommen konnte, weil er seit 2017 nicht mehr aus dem Iran ausreisen darf. Der Film entstand nun unter lebensgefährlichen Umständen; die Episoden wurden jeweils für sich als angebliche Kurzfilme gedreht, um die Zensur auszutricksen.

Bei der Pressekonferenz am Freitag blieb dann ein Stuhl für den abwesenden Regisseur demonstrativ leer. Bei der Preisverleihung am Samstag nahm Rasoulofs Tochter, die in Hamburg lebt und in der letzten Episode des Films mitspielt, gemeinsam mit Produzent Farzad Pak den Goldenen Bären sichtlich bewegt entgegen. Es gab Standing Ovations – ein großer Festivalmoment zu guter Letzt.

Ob Rasoulofs Film aber wirklich der beste des Wettbewerbs war, darf bezweifelt werden, gerade angesichts der wesentlich stärkeren iranischen Beiträge der letzten Jahre. Auch „Nader und Simin – Eine Trennung“ von Asghar Farhadi (2011) und „Taxi Teheran“ von Jafar Panahi (2015) gewannen Goldene Bären. Im Vergleich dazu fällt Rasoulofs Film ab, hat Längen, kippt ins Melodramatische.

Das Lebenswerk eines Altmeisters

Insgesamt wirkten die Entscheidungen der Jury wohl kalkuliert, im Sinne eines politisch korrekten Gießkannenprinzips, bei dem Filme aus möglichst vielen Teilen der Welt irgendetwas gewannen. Dass der Koreaner Hong Sangsoo für seine, wie immer minimalistisch gefilmte, wie immer gut beobachtete und hintergründig komische Gesellschafts- und Beziehungsanalyse „Die Frau, die rannte“ den Silbernen Bären für die beste Regie bekam, wirkt eher als Preis für das Lebenswerk eines Altmeisters, der schon oft bei der Berlinale zu Gast war, als dass hier ein besonderes Einzelwerk ausgezeichnet wurde. Dennoch gönnte man ihm diesen Preis, den er in aller Zurückhaltung annahm.

Völlig überrascht, fast schon fassungslos war Kameramann Jürgen Jürges, dass er einen „Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung“ gewann. Der 79-jährige Jürges hat schon mit Fassbinder oder Wim Wenders gedreht und nahm nun an dem zwiespältigen Großprojekt „Dau“ des Regie-Teams Ilja Chrschanowski und Jekaterina Oertel teil. Über drei Jahre lang hat Jürges an einem riesigen Set in der Ukraine das Kamera-Auge auf Amateur-Spieler geworfen, die in die Simulation eines detailliert rekonstruierten Forschungslabors der Stalin-Zeit eintauchten. Von Missbrauch am Set ist die Rede, der Film „DAU.Natasha“ mündet in eine realistisch wirkende Vergewaltigungsszene.

Dass Jürges mit anderen Kameraleuten so ausdauernd dem improvisierenden Team auf den Fersen folgte und dabei auch noch kinoreife Bilder einfing, erscheint durchaus als preiswürdig. Aber das ganze Projekt ist so fragwürdig und anstößig, dass die Jury lieber die Finger davon gelassen hätte.

Heiße Debatten soll es um diese Entscheidung gegeben haben, räumte Jeremy Irons ein; und auch bei den Darsteller*innenpreisen hatten er und seine Jury es angesichts der Fülle an guten Performances schwer, eine Wahl zu treffen.

Sie konnten dabei aber tatsächlich wenig falsch machen. Paula Beer balanciert als „Undine“ den Zwiespalt zwischen einem mythischem Wesen und einer ganz in der Realität verankerten Frau, die diesem Mythos entkommen will, sehr gut aus, auch wenn man ihrem Regisseur Christian Petzold ebenfalls, wenn nicht noch mehr einen Bären gewünscht hätte.

Große Bandbreite

Und Elio Germano drängte sich als Kandidat für den Preis förmlich auf, zeigte er doch gleich in zwei Wettbewerbsfilmen seine darstellerische Bandbreite: In „Favolacce“ („Bad Tales“) von Fabio und Damiano D’Innocenzo verkörpert er einen stark proletarisch angehauchten Familienvater, der sich im italienischen Suburbia auch mal von seiner Wut übermannen lässt und aus Rache den Plastik-Pool der Nachbarn zersticht. Der Künstler Antonio Ligabue, den Germano zwischen böse geschasstem Außenseiter, in sich gekehrtem Spinner und kindlichem Genie in Giorgio Dirittis „Volevo nascondermi“ („Hidden Away“) nach wahrem Vorbild gibt, konnte dazu nicht unterschiedlicher sein. Für dieses beeindruckende, aber auch ins Over-Acting kippende Spiel gab es einen Silbernen Bären.

Die Brüder D’Innocenzo gewannen für „Favolacce“ den Drehbuchpreis. Dabei hatten sie das Skript über das monströse Vorstadt-Verhalten der Erwachsenen gegenüber ihren Kindern schon als 19-Jährige verfasst. So seltsam unausgegoren, wenn auch bildstark wirkte dann auch der Film.

Damit wohl wenigstens eine Komödie zu Preisehren kommt, vergab die Jury einen flugs erfundenen Silbernen Bären zum 70. Berlinale-Jubiläum an „Effacer l’historique“ des französischen Regiegespanns Benoît Delépine und Gustave Kervern. Passend zu ihrer Satire auf den Internet-Wahn unserer Zeit holte Delépine auf der Bühne sein Handy raus und erklärte, je mehr Daten man in dieses Ding stecken würde, desto weniger graue Zellen würde man im Hirn haben. Botschaft: verstanden.

Keine frischen Akzente

Und dann gab es wenigstens den „Großen Preis der Jury“ für einen Film, den viele für den Goldenen Bären favorisiert hatten: Eliza Hittman schickt in „Never Rarely Sometimes Always“ eine unfreiwillig schwangere 17-jährige und deren Cousine auf eine Odyssee durch New York und bringt einem ohne Pathos, mit großer Sensibilität nahe, wie das ist, wenn eine junge Frau abtreiben will. Gleichzeitig erzählt sie von der Freundschaft zweier Teenager, die sich gegen eine latent oder auch ganz klar übergriffige Männerwelt behaupten müssen. Politischer könnte ein Drama kaum sein, aber vielleicht wollte die Jury den Hauptpreis nicht einem Film geben, der nicht in Berlin seine Weltpremiere hatte.

Mit „Es gibt kein Böses“ gewann jedenfalls ein Werk, bei dem sich noch zeigen muss, ob er anderweitig erfolgreich ist. Dass ein Gewinner des Goldenen Bären später nur ein paar Wochen in kleinen Arthouse-Kinos laufen wird – auch das gehört zur Berlinale-Tradition. Starke frische Akzente konnte die Doppelspitze Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian jedenfalls nicht setzen.

Aber erste Ansätze waren spürbar. Selbst der neue Neben-Wettbewerb „Encounters“ fand bei aller Kritik Befürworter: Zwar durchschaue sie selbst nicht ganz, wie dieser Wettbewerb funktioniere, meinte die österreichische Regisseurin Sandra Wollner, die mit „The Trouble With Being Born“ den „Encounters“-Spezialpreis der Jury gewann. Aber über ein weiteres Scheinwerferlicht auf noch mehr Filme könne man sich doch nur freuen. Na also. Das 70. Jubiläum lief gut. Die Zuschauer strömten in die Kinos. Und ihren Ruf als politischstes aller Filmfestivals konnte die Berlinale erneut bestätigen.
 

 

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