Filmfest Venedig Surrealer Glamour

Bis zum 7. September läuft das Filmfestival. Bis dahin wird der geflügelte Löwe, das Logo der Filmbiennale, in Venedig omnipräsent sein. Foto: dpa

Zur Eröffnung des Filmfestivals in Venedig kommen George Clooney und Sandra Bullock. Auch deutsche Filme sind mit dabei.

 

Ob es Einbildung ist? Der Vaporetto-Fahrer geht um die Rialtobrücke vom Gas, lässt den Tourismus-Gondeln, die ohnehin aussehen wie elegante schwarze Totenkähne, im Gedränge der Rialtobrücken-Enge mehr Raum auf dem türkisen Wasser.

Und dort, auf der kleinen Anlegeplattform, liegen glitzernd in Zellophan wie impressionistische Tupfer, Blumensträuße, und hängt, leicht im Wind fächelnd, eine rotgoldene Fahne mit dem Stadtsymbol, dem Markuslöwen: ein improvisiertes Memorial für den hier tödlich verunglückten Joachim Vogel, dessen Fall immer noch täglich Seiten der Zeitungen füllt.

Vorbei an den Giardini mit der Kunstbiennale geht es rüber zum Lido, wo heute Abend die 70. Filmfestspiele eröffnen. Und auch hier liegt – bei aller von nächtlichen Gewittern durchzuckten Spätsommerlichkeit und Saisonende am Strand – etwas Morbides. Das älteste und ehrwürdigste Festival ist in schlechter Verfassung: finanziell, so dass der ehemalige Direktor Marco Müller die Flucht zum Erzfeind, dem reichen Römischen Filmfest angetreten hat, und baulich: Die aufgegebene Baugrube des geplanten neuen Palazzo del Cinema, der bereits seit zwei Jahren, zum 150. Geburtstags Italiens, stehen sollte, klafft immer noch wie eine Wunde vor dem kaltklassizistischen Mussolini-Casinò.

Und das Grand Hotel Des Bains strahlt Tod-in-Venedig-Atmosphäre aus, weil es seit Jahren hinter einem Bauzaun verrottet. So wirkt der Rote Teppich, der von der Sala Grande Richtung des letzten verbliebenen Palasthotels, dem orientalischen Excelsior, führt, mehr als bei anderen Festivals wie ein surreales Glamour-Terrain in einer Zone des Niedergangs.

Übrigens sind auch zwei charmante Szenetreffs der deutschen Filmszene geschlossen: Das Strandbar-Restaurant Caribe ist verwaist und verwildert und die Trattoria Africa brettervernagelt. Aber heute Abend wird das alles ins Dunkle wegtauchen, wenn die Lichtkegel den Löwen vom Lido, George Clooney, einfangen.

Sandra Bullock wird als die eigentliche Hauptdarstellerin des Science- Fiction-Films „Gravity“ in seiner Nähe sein. Aber natürlich spekulieren die Zeitungen, wer die Frau direkt an seiner Seite sein wird? Trotz aller investigativen Bemühungen ist alles nur Kaffeesatz-Lesen und bleibt für die Klatschspalten spannend.

Ansonsten ist das Staraufgebot in diesem Jahr leicht ausgedünnt. Aber James Franco wird in mehreren Rollen (Schauspieler, Regisseur) da sein, Christoph Waltz den neuen Terry-Gilliam-Trip „The Zero Theorem“ vorstellen. Lindsay Lohan spielt mit Gus van Sant in „The Canyons“. Nicolas Cage versucht hier in Venedig – nach vielen Flops und Trashfilmen – ein seriöses Comeback.

Und Ex-Potter Daniel Radcliffe entfernt sich mit einem Beatnik-Film weiter von seiner zehnjährigen jungenhaften Überrolle, während Judi Dench britische Würde verbreiten wird, ehe ab Dienstag fast alle zum Festival nach Toronto weiterziehen.

Aber erst einmal hat morgen, Donnerstag, der deutsche Film gleich zwei wichtige Auftritte, was in den letzten Jahren bei den großen Festivals selten geworden ist: Edgar Reitz zeigt sein vierstündiges Prequel seiner „Heimat“-Saga, und im Wettbewerb ist Philip Gröning, der vor vielen Jahren hier in einer Nebenreihe seinen Mönchsdokumentarfilm „Die große Stille“ gezeigt hat.

Jetzt ist sein Spielfilm „Die Frau des Polizisten“ eingeladen und hat am Freitag dann seine Nachmittags-Gala. Die ist zwar weniger feierlich als eine nächtliche, aber für einen Drei-Stunden-Film gab es im gedrängt-glamourösen Abendprogramm einfach keinen Platz.

 

0 Kommentare