Film-Kritik "Ricki" - Meryl Streep rockt mit ihrer Tochter

Für den Film hat Meryl Streep auch Gitarre gelernt Foto: Sony Pictures

Meryl Streep spielt in „Ricki – Wie Familie so ist“ eine herrlich erfolglose Band-Sängerin

 

Es gibt Typen auf der Straße, da denkt man: Mensch Junge, Deine Zeit ist schon länger vorbei! Althippies oder ewige Rock’n’Roller zum Beispiel lösen so etwas aus. Aber man muss sich in so einem Moment kritisch fragen: Vielleicht lebt einer, der seinen alten Leidenschaften treu geblieben ist, ehrlicher als manch anderer hinter bürgerlicher Normalitätsfassade.
Im Film „Ricki – Wie Familie so ist“ ist Meryl Streep die Lead-Sängerin einer Rockband, die letztlich ohne großen Erfolg in kleinen Clubs und Bars auftritt. Und es wird bald klar: Ricki hat die Familie (Mann, Tochter und zwei Söhne) allein zurückgelassen, um in L.A. als „American Girl“ zu leben.
Hier tut sich die Spannung des Filmes auf, der auf glaubwürdig ungeglättete Weise einen Grundkonflikt thematisiert: den zwischen Selbstverwirklichung und Verantwortung.
Die Figur von Streep als Ricki ist nicht unser einfacher Sympathieträger, als sie leicht vulgär in Lederjacke, mit Indianer- und Proll-Schmuck zugehängt und völlig pleite ins amerikanische Kernland nach Indiana zurückreist, weil ihre mittlerweile erwachsene Tochter (Mamie Gummer, auch im wirklichen Leben Streeps Tochter) einen Suizid-Versuch unternommen hat.
Dort wohnt Rickis sympathisch liberaler Anwalts-Exmann (Kevin Kline) mit neuer, warmherziger Ehefrau (Audra McDonald) in einer ummauerten Reichenwohnanlage. In diesem Zuhause wird die Rabenmutter nicht mit offenen Armen empfangen, sondern als Störfaktor und Verräterin empfunden. Mutter und Tochter müssen stark kämpfen, um wieder ein gewisses Vertrauen zu erlangen.
Regisseur Jonathan Demme („Schweigen der Lämmer“) hat in diesem ruhig erzählten Film zahlreiche Reibungsflächen eingebaut – etwa zwischen Ricki und ihrem Bandgitarristen (Rick Springfield), der für Ricki ein starker, treuer Liebender ist. Aber sie bekennt sich nicht wirklich zu ihm, weil sie zu stark mit ihren Konflikten und Frustrationen beschäftigt ist: ihrem schlechten Gewissen, ihrem Job als Supermarktverkäuferin auf Mindestlohn, ihrem Selbsteingeständnis, dass es mit dem Banderfolg einfach nicht geklappt hat. Meryl Streep spielt grandios und singt im Film ziemlich lässig.
Interessant ist, dass das Drehbuch (Diablo Cody) weitere Widerhaken einbaut: etwa dass Streep eine amerikanische Konservative mit Redneck-Einstellungen ist (gegenüber der Homoehe eines ihrer Söhne oder dem Irakkrieg). Oder, dass die Villa der Familie in ihrer amerikanischen Rustikal-Protzigkeit nie Neid weckt, sondern beklemmend wirkt. Die Hochzeit des zweiten Sohnes ist anfangs eine reiche, steife Spießerveranstaltung statt eine filmische Feier von Familienwerten. Das wird natürlich tränenrührend nachgeholt, aber mit der belebenden Idee, dass Vernünftigkeit und Liebe immer auch eine gute Brise Rock’n’Roll brauchen, um nicht zu erstarren.   
R: Jonathan Demme (USA, 100 Min.) Kino: Gloria, Leopold Kinos, Mathäser, Royal Filmpalast

 

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