Festspiele Herrenchiemsee Der Welt entrückt - und Bauchschmerzen bekommen

Fabio Biondi (mit Violine) und die Solistinnen beim Schlussapplaus. Foto: Jakob Schneider

Geistliche Musik von Antonio Vivaldi bei der Eröffnung der Festspiele Herrenchiemsee in der Klosterkirche auf der Fraueninsel

 

Die moderne Idee von Festspielen geht auf Richard Wagner zurück: Außerhalb einer Metropole, möglichst in Naturnähe und frischer Luft zur Durchlüftung der Hirne, entsteht abseits kultureller Routinen etwas Besonderes und Einmaliges. Und nach der Aufführung kehrt der Mensch möglichst verwandelt in den Alltag zurück.

Letzteres hängt – naturgemäß – von jedem Einzelnen ab. Mit der frischen Luft und der Durchlüftung hatte auch der streitbare, vor einem Jahr verstorbene Dirigent und Umweltschützer Enoch zu Guttenberg viel im Sinn, als er im Jahr 2000 die Festspiele Herrenchiemsee gründete.

Erfrischend wie ein Urlaub

Sie unterscheiden sich von anderen Musikfestivals durch den inszenierten Rückzug aus der Welt. Denn vor den Konzerten steht die Überfahrt auf eine der Inseln, am späten Nachmittag, wenn sich der touristische Trubel am Hafen von Prien-Stock langsam beruhigt. Und nach der Aufführung folgt die Rückfahrt auf dem Schiff in den Sonnenuntergang und die Dämmerung. Ein solcher Abend kann erfrischender sein als ein ganzer Sommerurlaub.

Eröffnet werden die Festspiele traditionell mit einem Konzert in der Klosterkirche auf der Fraueninsel. Da ist es zwar für die Besucher ein wenig eng, aber die Akustik dieser ehrwürdigen Kirche ist besonders geeignet für Musik aus der Zeit der Renaissance und des Barock in kleiner Besetzung, die meistens am ersten Abend erklingt.

Heuer gab es zur Eröffnung ein Violinkonzert und Geistliches von Antonio Vivaldi – eine kluge Wahl, weil diese Musik in ihrer Mischung aus Heiterkeit und Schwere sehr gut zum schwarz-goldenen Frühbarock der Altäre dieser gotischen Kirche passt. Und unter dem großen Kruzifix steht passend zu einem „Stabat Mater“ eine sehr katholisch kostümierte Marienfigur mit einem Schwert in der Brust. Dass die Mezzosopranistin Olivia Vermeulen keine besonders schöne tiefe Lage hat und und auch nicht besonders textverständlich singt, war da zu verschmerzen.

Historisch informierter Vivaldi

Am Pult stand der Italiener Fabio Biondi, der nicht nur Barockes dirigierte, sondern auch mit kontroversen Bellini- und Verdi-Aufführungen im sogenannten Originalklang aufgefallen ist. Er dirigierte mit der Geige in der Hand und am Kinn als Konzertmeister, teilweise dem Orchester der Klangverwaltung, aber auch immer wieder dem Publikum zugewandt und inspirierte die Stamm-Mannschaft von Guttenbergs einstigem Orchester zu einer lebendig schattierten Dynamik im historisch informierten Stil.

Zwischen den beiden geistlichen Werken spielte Biondi mit kraftvoll-herbem Ton und energisch eines der vielen Violinkonzerte von Vivaldi, ohne aber in jene geräuschhafte Gewalttätigkeit zu verfallen, mit der viele Originalklangensembles der Musik des Venezianers die Perücke vom Kopf schlagen. Es wirkte, als würde Biondi schon ewig mit der Klangverwaltung zusammenarbeiten, obwohl es sein Debüt war.

In Biondis Ansatz fügte sich perfekt die vibratoarm singende Roberta Invernizzi als leider im „Gloria“ unterbeschäftigte zweite Solistin. Hier wirkte auch der grundsolide Chor der Klangverwaltung mit. Nach knapp einer Stunde Musik war das Konzert auch schon wieder zu Ende, was wohl auch Biondi etwas zu kurz vorkam: Er wiederholte einen Chorsatz.

Kulturpolitische Bauchschmerzen

So wunderbar Konzerte in diesem Rahmen wirken, so regelmäßig stellen sich bei den Festspielen Herrenchiemsee aber auch kulturpolitische Bauchschmerzen ein. Das Festival trat ursprünglich mit dem Anspruch an, ohne öffentliche Finanzierung auszukommen. Dann aber sprang eine große Bank ab und der Staat ein. Dagegen ist im Prinzip nichts zu sagen, weil die bayerische Festivallandschaft jenseits von Bayreuth und München tatsächlich ausbaufähig ist.

Schwieriger ist die Summe: Mit derzeit jährlich 600 000 Euro sind die Festspiele Herrenchiemsee das am höchsten geförderte bayerische Musikfestival, weit vor den Europäischen Wochen Passau oder dem Garmischer Strauss-Festival, wo die Gemeinde fast die Hälfte des Etats trägt. Die angeblich armen Chiemseegemeinden steuern dagegen nur Sachmittel bei.

Ein Leuchtturm im Chiemsee

Aus dem Kunstministerium heißt es dazu, dass der Geldregen am Chiemsee mit den 20 000 Tröpfchen Euro für die Regensburger Tage der Alten Musik nicht vergleichbar seien. Die Festspiele Herrenchiemsee seien ein „besonderes Leuchtturmprojekt der Bayerischen Staatsregierung“. Und dabei bleibe es auch vorerst: Bayerns Doppelhaushalt 2019/2020 sehe für das Jahr 2020 die Möglichkeit der Förderung in gleicher Höhe vor.

Mehreinnahmen durch den Kartenverkauf lassen sich auf den Chiemseeinseln kaum erzielen, weil das Festival von der Atmosphäre des Spiegelsaals im Schloss und der Intimität der Klosterkirche lebt. Ein touristisches Open Air würde das verderben. Und weil der nach Guttenbergs plötzlichem Tod befürchtete Einbruch beim Kartenverkauf ausgeblieben ist, blickt der Geschäftsführende Programmdirektor Josef Kröner verhalten optimistisch in die Zukunft.

Alles andere wäre auch schade. Denn so problematisch die einseitige Förderung kulturpolitisch sein mag, die Festspiele Herrenchiemsee sind ein Festival, das Landschaft und Musik zusammenbringt wie kein zweites. Robert Braunmüller

Festspiele Herrenchiemsee, bis 28. Juli. Karten bei Münchenticket und unter Telefon 93 60 93


Für diese Konzerte gibt es noch Karten

Samstag, 20. Juli , 19 Uhr, Spiegelsaal: „Wandel der Epochen“, Münchner Kammerorchester, Clemens Schuldt, Leitung

Sonntag, 21. Juli , 19 Uhr, Spiegelsaal, „The Dancing Queen“ mit dem Finnish Baroque Orchestra Dienstag, 23. Juli, 19 Uhr, Spiegelsaal: „Bach, Britain and Beyond“ mit der Academy of St Martin in the Fields, Tomo Keller, Violine & Leitung

Mittwoch, 24. Juli · 19 Uhr, Spiegelsaal: „Kaiserquartett“, Quatuor Mosaiques Donnerstag, 25. Juli; 19 Uhr, Spiegelsaal: „Parallele Welten“ mit dem Münchner Rundfunkorchester, Ljubka Biagioni, Leitung

Freitag, 26. Juli , 19 Uhr, Spiegelsaal: „Beethovens Eroica“ mit der Hofkapelle München, Rüdiger Lotter, Leitung

 

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