Fernsehfilm Georg Friedrich und Wolfgang Murnberger über "Nichts zu verlieren"

Der angeschossene Gangster Richy (Georg Friedrich) grübelt, weil er dringend ein Fluchtauto braucht. Foto: BR / Lieblingsfilm & Royal Pony Film

In der schwarzen Komödie „Nichts zu verlieren“ kidnappen zwei Gangster in Nöten den Bus einer Therapiegruppe

Schwarzhumorige Geschichten sind die künstlerische Visitenkarte von Regisseur Wolfgang Murnberger, der die Krimis von Wolf Haas so eindrucksvoll auf die Leinwand brachte. Im BR-Film „Nichts zu verlieren“ nach einem Drehbuch von Ruth Toma, ist der Spagat zwischen Leid und Freud besonders groß. Denn als zwei Kleinkriminelle nach nur halb geglücktem Einbruch und chaotischer Flucht einen Reisebus kapern, bekommen sie es mit einer ganz besonderen Gruppe zu tun: Menschen, die ihren Lebenspartner verloren haben und eine therapeutische Reise in die Berge unternehmen wollten. Georg Friedrich als angeschossener und schwer verwundeter Gangster-Trottel mit endlosem Repertoire an österreichischen Schmähworten ist wieder im „Hundstage“-Modus, jener Film von Ulrich Seidl, der Friedrich bekannt machte. Und Lisa Wagner brilliert als die durch eine Fehlgeburt traumatisierte Trauertherapeutin. Die beiden sind die Leuchttürme in einem Ensemble, dem der Spaß am bizarren Spiel stets anzumerken ist.


AZ: Herr Friedrich, Ihre Figur erinnert ein wenig an Ihren legendären Auftritt in „Hundstage“.
GEORG FRIEDRICH: Das liegt natürlich am Dialekt. Das war auch der erste Grund, warum ich zugesagt habe, weil ich mal wieder richtig Dialekt sprechen durfte. Und ich bin mir sicher, dass normalerweise viele Redakteure Druck auf die Regisseure ausüben, um so etwas zu verhindern.

WOLGANG MURNBERGER: Ich finde diese Angst der Verantwortlichen, dass nicht jeder zuschauer jedes Wort versteht, übertrieben. Man sieht aber in jüngster Zeit auch bei den verschiedenen „Tatorten“, dass immer mehr Dialekt geprochen wird - zum Glück. Und das Recht müssen wir haben, dass auch das Österreichische möglich ist.

Unbedingt, diese Komödie wäre ja sonst undenkbar. Herr Murnberger, was schätzen Sie denn so besonders an Georg Friedrich?
Das ist so wahnsinnig schwierig zu beschreiben. Er gehört zu den Schauspielern, die einfach bei sich sind und authentisch rüberkommen. Man hat nie das Gefühl, dass er etwas erzeugen muss. Ich weiss nicht, wie er es macht.
Friedrich: Ich auch nicht.

Murnberger: Du hast Dir doch immer Tigerbalsam auf den Bauch geschmiert, damit Du das Brennen der Verletzung spürst.

Friedrich: Aber das habe ich nicht gemacht, damit ich den Schmerz spüre, sondern, damit ich nicht vergesse, dass ich einen Angeschossenen spiele.

Herr Murnberger, es gibt Szenen in diesem Film, in denen Trauer und groteske Komik zusammenlaufen. Das ist ein heikler Balanceakt.
Seit ich Filme mache, übe ich, wie nah ich Humor und Tragik zusammenbringen kann, das habe ich auch bei den „Brenner“-Filmen immer getan oder beim „Totmacher“. Die Kunst ist es, dass es nicht komische und tragische Szenen gibt, sondern beides in einer Szene möglich ist, ohne dass es sich gegenseitig löscht. Das geht natürlich nur mit echter Komik, nicht mit Slapstick. Der Humor muss aus der Situation entstehen, die Schauspieler sollen nicht komisch spielen. Ich glaube nicht, dass man beispielsweise „Fack ju Göhte“-Humor mit Tragik mischen könnte.

Sie sind ja ein Spezialist der schwarzen Komödie. Wie wird man das?
Ich halte reine Dramen einfach schwer aus – auch nicht als Zuschauer.

Herr Friedrich, Sie haben 2017 den Silbernen Bären in Berlin als bester Darsteller für Ihre Rolle in „Helle Nächte“ erhalten. Dort spielen Sie extrem zurückgenommen. In „Nichts zu verlieren“ dürfen Sie wieder in die Vollen gehen.
Mir macht es schon mehr Spaß, wenn man so in die Vollen gehen kann. Auch am Theater da kann ich viel mehr Schmalz geben, sage ich jetzt mal.

Herr Murnberger, überzieht er manchmal, so dass Sie ihn bremsen müssen?
Nie, dafür hat er viel zu viel Filmerfahrung. Man spielt quasi nur für die erste Reihe, nicht für das imaginäre Publikum im Saal. Ich brauche die gelernte Bühnensprache im Film nicht. Hast Du die eigentlich noch gelernt?

FRIEDRICH: Na. Ich habe das zwar schon an der Schauspielschule gehabt. Aber da war ich noch zu jung, um zu checken, dass mir das vielleicht mal nützen würde. Ich habe das dann durch das viele Spielen auf der Bühne ein bisschen gelernt. Das muss man auch, sonst ist man sofort heiser.

MURNBERGER: Hast Du noch eine Sprachcoach genommen?

FRIEDRICH: Na, das wäre zwar einfacher gewesen, aber ich habe es dann so gelernt. Und für die Filmarbeit war etwas anderes wichtig: Mir hat einmal ein Kameramann gesagt, dass er so nah an mir dran ist, dass er meine Gedanken sieht. Das hat mir wahnsinnig viel gebracht. Ich weiß, dass mir jemand ganz genau zuschaut: der Kameramann. Und für den spiele ich.

Herr Friedrich, merken Sie eigentlich, dass mehr Angebote reinkommen, seit Sie auf der Berlinale gewonnen haben?
Nein, das ist eigentlich nicht so. Aber ich habe auch vorher viele Angebote bekommen.

MURNBERGER: Ich wollte den Georg schon länger für einen TV-Film verpflichten, aber er hat ja selten Zeit, vor allem, wenn er wieder in einem Ulrich-Seidl-Projekt steckt.
FRIEDRICH: Ja, das wird jetzt auch wieder eine Weile dauern.

Dürfen Sie sagen, wovon der neue Film von Ulrich Seidl handelt?
Es geht um zwei Brüder, die sich im Elternhaus der Mutter wiedertreffen und zwei komplett getrennte Leben haben. Der eine ist in Rimini der andere in Rumänien und die haben beide eine sehr spezielle Geschichte.

Herr Murnberger, Lisa Wagner und Georg Friedrich sind die Hauptrollen, aber der Film ist dennoch ein Ensemblefilm.
MURNBERGER: Ich habe mich in diesem Film ja bemüht, dass jeder seine Glanzszenen bekommt, aber manchmal ist es wirklich schwierig, für einen Film gute Leute für die Nebenrollen zu bekommen. Da ärgere ich mich schon ein bisschen, wenn ich mir da Körbe hole. Aber viele Schauspieler, die sonst Hauptrollen spielen, wollen nicht nur für vier oder fünf Drehtage mitmachen.

FRIEDRICH: Ich sehe das anders. Mir geht es eher darum, dass ich denke, da könnte ich was draus machen, was mich interessiert. Auch wenn es nur wenige Drehtage sind.
  
ARD, 29. August, 20.15 Uhr
 

 

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