Export-Schlager Öko-Strom Energiewende perfekt

Das Allgäuer Dorf erzeugt vier mal so viel Energie wie es verbraucht. Foto: Siemens

Die ganze Welt schaut ins Allgäu: In Wildpoldsried wird mehr Öko-Strom erzeugt als verbraucht wird. Siemens High-Tech macht’s möglich

 

Wildpoldsried Die Sonne scheint, das Thermometer zeigt zehn Grad. Ein strahlend schöner Tag im Allgäu – aber auch ein perfekter Tag? Bernhard Rindt legt den Kopf in den Nacken, sieht ein paar Schleierwolken am Himmel, runzelt die Stirn. „Das kostet uns 30 Prozent“, sagt der Chef von Egrid, einer Gesellschaft des Stromversorgers Allgäuer Überlandwerke.

30 Prozent weniger Strom, den die Solarzellen auf den Dächern der Gemeinde liefern. Im 2500-Seelen-Dorf Wildpoldsried ist das Wetter wichtiger als anderswo. Wildpoldsried versorgt sich komplett selbst mit Strom aus Sonne, Windkraft, Biogas und Wasserkraft.

Ein Vorzeigeprojekt – aber auch Bürgermeister Arno Zengerle (CSU) sieht seit einiger Zeit Wolken überm Öko-Paradies: „Die Energiewende ist abgesagt“, ärgert er sich. SPD-Energieminister Gabriel und CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer, das Münchner Ifo-Institut, das die Atomkraft am liebsten wiederbeleben wolle und die IHK, die diese Thesen verbreite – in einer konzertierten Aktion würde der ökologische Neuanfang an die Wand gefahren, sagt er.

Dabei dürfte Zengerle eigentlich nicht klagen. Wildpoldsried reizt alles aus, was an ökologischer Stromerzeugung und der öffentlichen Förderung dafür denkbar ist. 2012 speiste die Gemeinde Strom für vier Millionen Euro ins öffentliche Netz ein. 2013 dürfte es noch mehr gewesen sein. Je mehr Kilowattstunden, desto mehr Geld für den Kindergarten, die Sportvereine, die zusätzliche Altersversorgung der Bürger – so einfach ist das.

Begonnen hat alles 1996, noch vor dem großen Biostrom-Boom und der garantierten Einspeisevergütung, die Investoren der ersten Stunde traumhafte Rendite bescherte. In Wildpoldsried interessierten sich ein paar Bürger für Öko-Energie, 1999 gründeten sie eine Gesellschaft für die Errichtung von Windrädern. Schritt für Schritt folgte der Aufbau einer beispiellosen Öko-Energieversorgung.

Heute empfängt Zengerle im Schnitt pro Woche zwei bis drei Delegationen aus Journalisten und Fachleuten, referiert vor internationalen Besuchern und freut sich über hochkarätige Auszeichnungen für sein Dorf. Darunter die Ehrung „Un bosco per Kyoto“ von der Accademia Kronos in Rom – den bekam Wildpoldsried nach US-Präsident Barack Obama und Al Gore.

Dabei haben die Menschen in dem Dorf nur konsequenter und überlegter gehandelt als andere. Über eine Sammelbestellung orderte die Gemeinde Photovoltaik-Anlagen für drei Millionen Euro. Praktisch jedes öffentliche Gebäude ist mit Kollektoren ausgestattet, „auf der Kirche sind sie ja leider verboten“, sagt Bernhard Rindt von Egrid.

Für 16,1 Millionen Euro baute die Gemeinde Windkraftanlagen. 6,9 Millionen Euro davon waren eigenes Kapital. 300 Bürger beteiligten sich an den Windrädern, zahlten bis zu je 100 000 Euro ein. Innerhalb von elf bis 14 Jahren – je nachdem, wie viel Strom das jeweilige Windrad erzeugt – bekommen sie ihr Geld zurück, danach fließen die Auszahlungen weiter. Bis zu acht Prozent Rendite seien realistisch, sagt Zengerle. „Damit bessern sich unsere Bürger die Altersversorgung auf.“

Eine Biogasanlage, betrieben von einer kleinen landwirtschaftlichen Erzeugergemeinschaft, verwandelt Mist, Odel, Silage und Mais in Methan. Die Anlage speist ein Blockheizkraftwerk, liefert stolze 1,1 Megawatt Leistung. „Ich finde es immer noch faszinierend, wie aus Nichts Strom entsteht“, freut sich Bauer Wendelin Einsiedler, einer der Inhaber. Auf die richtige Temperatur beim Fermentieren komme es an, auf die Pflege der Bakterien – „das sind meine wichtigsten Mitarbeiter, die muss ich gut behandeln“. Einsiedler klingt wie ein Winzer, der seine Reben liebt, auch wenn sein Rohstoff nicht ganz so edel ist.

So gut funktioniert die Öko-Schiene, dass sie die Wildpoldsrieder gerne noch ein bisschen weiter treiben würden. Elf Windräder drehen sich schon, zehn weitere sind geplant. Und hier kommt die Politik ins Spiel: Gerade erst hat der Landtag deutlich größere Abstandsflächen für Windräder beschlossen – auf Betreiben des Ministerpräsidenten, ärgert sich Bürgermeister Zengerle. „Noch vor der Wahl hat Seehofer neue Windkraftanlagen in Bayern gefordert.“

Sämtliche Windmühlen auf Gemeindegrund hätten nicht gebaut werden dürfen, hätten damals schon die neuen Vorgaben gegolten, ärgert sich auch der zweite Bürgermeister Max Geist. „Dabei hat es beim Planfeststellungsverfahren für unsere Anlagen keinen einzigen Bürgereinwand gegeben.“ Auch das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung stelle sich auf einmal quer. „Sie behaupten, die Rotoren der Anlagen könnten das Funkfeuer in Kempten stören“, sagt Arno Zengerle. Reine Schikane, findet der Bürgermeister.

Jetzt will die Gemeinde gegen das Bundesamt klagen. Während es in der Gemeinde grummelt, demonstrieren die Firmen, die an dem Vorzeigeprojekt beteiligt sind, das technische Know-How, das in Wildpoldsried zum Einsatz kommt. Der Aufwand ist enorm. Biostrom ist normalerweise ein Horror für Ingenieure: zahllose kleine Anlagen, die mal viel, mal wenig, mal gar keinen Strom ins Netz einspeisen, je nachdem, ob der Wind weht, die Sonne scheint, genügend Biogas zur Verfügung steht.

Das macht's extrem schwierig, ein Netz mit gleichbleibender Spannung zu betreiben. Zusammen mit Siemens, der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und der Fachhochschule Kempten hoben die Allgäuer Überlandwerke 2011 deswegen ein Projekt aus der Taufe. Es zeigt, wie noch unter schwierigsten Bedingungen zu vertretbaren Kosten ein Stromnetz betrieben werden kann.

Trafos, die mitdenken, regeln ihre Spannung je nachdem, wie viel Strom gerade ins Netz eingespeist wird. In zahlreichen privaten Kellern stehen Batterien, die den Strom der Photovoltaik-Anlage für den Verbrauch am Abend und in der Nacht speichern.

Ein weiterer Energiespeicher in Größe eines Containers auf Gemeindegrund kann 138 Kilowattstunden speichern und in der Spitze bis zu 300 Kilowatt abgeben – das hilft, Spannungsschwankungen im Netz abzufedern. Im Management des Stromnetzes steckt viel Detailarbeit, doch das Verlegen neuer Leitungen wäre noch viel teurer und zeitaufwändiger.

Für Bernd Koch, bei Siemens zuständig für „Smart Grids“ („schlaue Netze“) ist Wildpoldsried eine gute Möglichkeit, zu zeigen, was mit intelligenter Steuerungstechnik alles geht – und dieses Know How zu verkaufen. Im Norden Großbritannien betreibt Siemens bereits auf einer größeren Fläche ein vergleichbares Stromnetz, und in den Vereinigten Staaten seien die Aussichten auf ähnliche Projekte nicht schlecht, sagt Koch. Wird die Energiewende zum Exportschlager? Bernhard Rindt war vor kurzem auf einer Energie-Messe in Kalifornien. Dort werde sehr aufmerksam beobachtet, wie die Deutschen den Ausstieg aus der Atomkraft und ihre Klimaziele verfolgten. „Die verwenden dafür das deutsche Wort ,Energiewende’“, berichtet er, „genauso wie wir“. Susanne Stephan

Ist Wildpoldsried ein Modell für uns alle? Lesen Sie, was ein Experte sagt

 

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