Experte im AZ-Interview Der pure Horror: Daher kommt die Angst vorm Zahnarzt

Ein Mädchen beim Arzt. Peter Macher empfiehlt Eltern, ehrlich zu sein und ihren Kindern einen Besuch im Vorfeld nicht zu verschweigen. Foto: dpa/privat/AZ

Acht Millionen Deutsche fürchten sich vor dem Zahnarzt, sagt ein Experte. Der Starnberger erzählt von Weinkrämpfen, Ohnmachts-Anfällen und kritisiert den oft falschen Umgang mit Angstpatienten.

München - Die AZ hat mit Dr. Dr. Peter Macher gesprochen. Der Zahnarzt und Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie lebt in Starnberg. Er gibt Seminare für Zahnärzte, um sie für den Umgang mit Angstpatienten zu schulen, so wie dieses Wochenende in München.

AZ: Herr Macher, ein mulmiges Gefühl vor dem Zahnarzt-Besuch haben sicher viele. Aber manche haben richtig Angst. Wie zeigt die sich?
Peter Macher: Es gibt Patienten, die weinen im Wartezimmer Rotz und Wasser. Ich erinnere mich auch an einen Patienten, den konnten andere Ärzte jahrelang vorher immer nur fünf Minuten lang behandeln, dann musste der Notarzt kommen, weil der Patient vor lauter Angst in Ohnmacht gefallen ist.

Wie weit kann diese Panik gehen?
Manche würden sich lieber umbringen, als zum Zahnarzt zu gehen – und das meinen sie wirklich so. Ich hatte mal eine Angstpatientin, bei der haben wir jedes Mal gebangt, ob sie überhaupt ankommt.

Wie viele Deutsche fürchten sich vor dem Zahnarzt?
Rund acht Millionen. Das zieht sich von Kindern bis ins hohe Alter. Meine älteste Patientin war 72 Jahre alt.

Woher kommt diese Angst?
82 Prozent dieser Patienten fürchten sich vor möglichen Schmerzen. Wenn man als Kind oder Jugendlicher sehr schlechte Erfahrungen gemacht hat, dann gehen diese Patienten später nicht mehr zum Zahnarzt. Erst irgendwann müssen sie – als Notfall.

Zahnarzt-Angst kann mit sexuellen Übergriffen zusammenhängen

Welche Erfahrungen können das zum Beispiel sein?
Dem Patienten ist zum Beispiel als Kind ein Milchzahn in halb- anästhesistischem Zustand gezogen worden. Oder: Es gibt Ärzte, die sagen: "Das kann doch gar nicht wehtun" – und machen weiter. Aber jeder ist unterschiedlich schmerzempfindlich. Das lässt sich nicht pauschalisieren. Bei einigen Patienten ist die Angst auch eine Folge von etwas anderem.

Wovon?
Angst vorm Zahnarzt kann auch die Folge von sexuellen Übergriffen oder schweren Unfällen etc. sein. Laut einer Studie sind 37 Prozent der Betroffenen sexuell missbraucht worden. Diese Menschen lassen sich natürlich nicht mehr in intimen Zonen anfassen.

Und dazu gehört der Mund?
Die Mundhöhle ist ein ganz sensibles Organ. Tiefenpsychologisch kann man sie mit der Vagina vergleichen.

Wie sehr beeinflusst die Angst vorm Zahnarzt den Alltag?
Viele haben nach vielen Jahren ohne Zahnarzt ein schlimmes Gebiss. Sie trauen sich nicht mehr lachen, sie ziehen sich zurück, isolieren sich. Ich hatte einen Patienten, der hatte sich den Oberlippenbart bis zum Kinn wachsen lassen, damit man nicht sieht, dass er verfaulte Stummel im Mund hat. Dann hat seine Frau gesagt: Entweder du gehst zum Arzt oder ich lasse mich scheiden.

Und kam es zur Scheidung?
Er war bei mir in Behandlung. Danach ist er mit seiner Frau in die Karibik gefahren (lacht).

Ihre Anti-Angst-Therapie (AAT) bewirkt einen solchen Erfolg?
Mein Konzept ist so aufgebaut, dass es nur mit den Ressourcen der Patienten arbeitet und sie zu nichts zwingt. Wir sagen nicht: "Das probieren wir jetzt aus, das ist nicht schlimm." Das ist der falsche Weg. Man muss diese Menschen an der Hand nehmen.

Und wie sieht das aus?
Zuerst gibt es ein Vorgespräch, dann müssen die Angstpatienten psychologische Tests ausfüllen, um die Schwere einzustufen. Danach wird erst etwas Harmloses gemacht, wie etwa ein Röntgenbild. Der Patient kann jederzeit entscheiden, ob er aussteigen will.

So einfach ist das Geheimnis?
Ja, das Effektivste ist ganz einfach: Die Gewissheit, dass der Patient die Situation bestimmen kann. Und die absolute Gewissheit, dass er nicht angelogen wird, nach dem Motto: Das ist alles nicht so schlimm.

Die Kontrolle ist am Wichtigsten

Sie raten Ärzten also dazu, den Patienten zu sagen, dass es jetzt gleich schlimm wird?
Ja, ich würde sagen: "Jetzt kann es weh tun" oder "Jetzt könnte es einen Schmerz geben". Die Information ist für Menschen mit Angst ganz wichtig. Die Situation beim Zahnarzt ist ja generell paradox: Sie gehen hin, machen den Mund auf, der Arzt macht irgendetwas, murmelt Zahlen, sie gehen wieder raus und wissen nicht, was er gemacht hat. Das kann der Angstpatient am wenigsten brauchen. Er will informiert sein.

Sie haben Ihren Angstpatienten früher angeboten, zur Beruhigung Musik zu hören.
Ja, aber in der Regel wollten sie das nicht.

Warum?
Das hat mich auch verblüfft. Aber der Angstpatient muss alles kontrollieren. Sie wollen wissen, was ich mit der Assistentin spreche, sie wollen hören, welche Geräte in Betrieb sind. Wenn sie Kopfhörer aufhaben, können sie das nicht.

Wie viele Zahnärzte beschäftigen sich intensiv mit der Psyche ihrer Patienten?
Die Begeisterung der Zahnärzte für Psychologie hält sich in Deutschland sehr in Grenzen. Ich mache Fortbildungen für Zahnärzte, aber es ist immer noch eine kleine Gruppe. In München sind es nur zwei Zahnarztpraxen, die das Anti-Angst-Training anbieten.

Woran liegt das?
Manche Kollegen machen aus der Notlage der Patienten ein Geschäftsmodell und bieten als "Angsttherapie" Narkose an. Das ist Unfug und für den Patienten teuer. Man kann eine psychische Störung nicht mit Narkose heilen, außerdem bedeutet eine Behandlung in Narkose in der Regel verminderte Präzision und Qualität.

Was kostet es, zu einem Arzt zu gehen, der auf Angstpatienten spezialisiert ist?
Diejenigen, die ich ausgebildet habe, verlangen für das Vorgespräch und die Tests 150 Euro. Der Rest wird von der Krankenkasse gezahlt, außer was sonst auch selbst bezahlt werden muss.

 

0 Kommentare