Exklusives AZ-Interview So hat Emanuel Buchmann seine Top-Tour erlebt

"Meine Talente liegen eher im Ausdauersport. Als ich das Rad für mich entdeckt habe, war schnell klar, dass mir das mehr liegt", sagt Emanuel Buchmann, der erst mit 16 Jahren vom Handball zum Radsport wechselte. Foto: Valentin Flauraud/dpa

Emanuel Buchmann belegte Platz vier bei der Tour de France. Exklusiv in der AZ spricht er über diesen Sensationserfolg, den Sieger Egan Bernal, Doping im Radsport und den Todessturz von Bjorg Lambrecht.

 

Der 26-jährige Fahrer des Teams Bora-hansgrohe, Emanuel Buchmann , schaffte mit Platz vier bei der Tour de France das beste deutsche Ergebnis seit 2006.

AZ: Herr Buchmann, erst einmal Gratulation zu Platz vier bei der Tour de France! Wie sehr wirkt das noch nach? War das die intensivste Zeit Ihrer Karriere?
EMANUEL BUCHMANN: Natürlich ist die Tour intensiv, aber man ist so fokussiert, da denkt man nicht drüber nach. Mit etwas Abstand kann ich sagen, dass mir langsam bewusst wird, dass ich Vierter beim größten Radrennen der Welt geworden bin, und was das bedeutet. In gewisser Weise sind die Eindrücke jetzt vielleicht gar präsenter als direkt danach.

"Da war ich zum ersten Mal müde"

Die letzten Bergetappen mussten verkürzt werden – hatten Sie sich einen Plan für die Bergankünfte in Tignes und Val Thorens zurechtgelegt? Hätten Sie da attackiert?
In Tignes wäre sicher noch was möglich gewesen. Wir waren in einer kleinen Gruppe, ich hatte gute Beine, und sowohl Kruijswijk als auch Thomas hätten sicher versucht, zu Bernal aufzuschließen. Ich wollte da auch noch attackieren, die Ausgangsposition war optimal. Auch die letzte Bergetappe wäre sicher etwas anders gewesen. Aber ich muss sagen, da war ich zum ersten Mal dann doch etwas müde. Es war der Plan, etwas zu versuchen, aber die Beine haben nicht mehr hergegeben.

Egan Bernal ist mit 22 ein sehr junger Sieger. Kann er eine Ära prägen? Wie haben Sie ihn erlebt während der Tour?
Er ist sicher ein großes Talent, wirkt sehr souverän, weil er nicht nur ein guter Bergfahrer ist, sondern auch im Zeitfahren nicht schlecht, vor allem bei Windkanten überraschend gut. Ob er eine Ära prägen kann, wird man sehen. Sich an der Spitze zu halten, ist immer schwieriger als an die Spitze zu kommen.

Sie haben erst Handball gespielt, sind erst spät aufs Rad, mit 16. Wie kam es dazu?
Meine Talente liegen eher im Ausdauersport. Als ich das Rad für mich entdeckt habe, war schnell klar, dass mir das mehr liegt und mehr Spaß macht.

"Wir haben eine neue Generation im Radsport"

Gab oder gibt es Vorbilder?
Ein Idol hatte ich eigentlich nie. Ich wollte schon immer meinen eigenen Weg gehen. Aber natürlich habe ich die Tour-Duelle Ulrich–Armstrong verfolgt. Das war schon fesselnd.

Wie ernüchternd ist es, wenn Toursieger als Doper enttarnt werden?
Ernüchternd und traurig. Ernüchternd wegen der sportlichen Leistung. Traurig, weil es dem gesamten Sport schadet, das Medieninteresse kippt, Sponsoren aussteigen etc. Was da alles kaputt geht, ist sehr, sehr traurig. Aber ich denke, wir haben eine neue Generation im Radsport. Da hat sich vieles geändert, und das ist gut so.

Ist der Radsport in Deutschland wieder rehabilitiert?
Ich denke, er ist auf einem guten Weg. Es gab immer Erfolge einzelner Fahrer: Kittel, Degenkolb, Greipel. Aber mit Bora- hansgrohe hat Ralph Denk ein echtes deutsches Team geschaffen. Das war ein sehr wichtiger Schritt. Für die Fans, aber auch für junge Fahrer wie Pascal Ackermann, Maximilian Schachmann und mich. Dann wurde die Deutschland-Tour wieder ins Leben gerufen, das war der nächste Schritt. Und ich denke schon, dass ich mit dem Erfolg bei der Tour auch etwas beitragen konnte, dass Radsport wieder mehr im Fokus der Öffentlichkeit steht.

Buchmann über Sagan: "Er ist ein sehr lustiger Typ"

Spüren Sie, was das öffentliche Interesse an Ihrer Person betrifft, einen Vorher-Nachher-Effekt nach der Tour?
Absolut. Wobei es eher der Vorher-Während-Effekt war. Das Interesse ab der zweiten Tour-Woche war enorm.

Wie wichtig ist es Ihnen, Teil eines deutschen Rennstalls zu sein?
Sehr wichtig. Ohne dieses Umfeld hätte ich mich niemals so in Ruhe entwickeln können. Da bin ich mir sicher, und darum bin ich Ralph Denk und dem gesamten Team sehr dankbar.

Der exzentrische Sprint-König Peter Sagan: Was ist das eigentlich für ein Typ?
Ein sehr lustiger, der weiß, wann Zeit für Spaß ist, und wann man fokussiert sein muss.

Sie verhandeln Ihre Verträge selbst. Ist die Radsportbranche ein Haifischbecken?
Das weiß ich nicht. Ich kenne ja nur meine Seite der Medaille. Aber ich denke, wenn man, wie man das überall im Leben tun sollte, mit Respekt an die Sache rangeht, dann wird einem auch Respekt entgegengebracht.

"Ich lege immer Wert auf gutes Essen"

Unlängst starb der Belgier Bjorg Lambrecht nach einem Sturz. Kannten Sie ihn? Wie sehr belastet Sie so ein Unglück? Für wie gefährlich halten Sie Ihren Sport?
Ich kannte ihn ein wenig. Es ist schwer zu fassen, eine unglaubliche Tragödie für Familie und Freunde. Ich war in Polen nicht dabei, das macht es etwas leichter mit der Distanz. Aber ja, unser Sport ist nicht ungefährlich. Es ist wichtig, dass alles getan wird, um die Sicherheit zu erhöhen. Aber man muss sich bewusst sein, dass immer ein Restrisiko bleibt. Das gibt es aber auch sonst im Leben.

Mitte Oktober ist die Saison zu Ende. Wie machen Sie Urlaub? Wie sehr ändert sich Ihr Speiseplan? Sind Sie gut als Koch? Und wie wichtig ist es für Sie, eine Ernährungswissenschaftlerin als Partnerin zu haben?
Ich fahre ans Meer, irgendwo hin, wo es schön warm ist. Mein Speiseplan ändert sich nicht großartig. Ich lege immer Wert auf gutes Essen. Wenn die Qualität stimmt, isst man schon mal sicher nicht schlecht. Ich selbst koche ganz gern, aber wenn, dann mit Claudia zusammen. Die ist da Spezialistin.

Olympia in Tokio: Kennen Sie das Profil der Strecke schon? Wie wichtig sind Ihnen Olympische Spiele, auch in Relation zur Tour?
Die Strecke ist sehr schwer und sollte mir liegen. Es gab dort während der Tour ein Rennen, wo auch Davide Formolo dabei war. Wir haben also ein paar detailliertere Informationen im Team. Ich war in Rio schon ganz gut dabei, für mich ist Tokio also definitiv ein Ziel. Die Relationen zwischen einem Eintagesrennen und einer Grand Tour ist immer schwierig herzustellen. Am liebsten wäre mir beides zu gewinnen - dann brauche ich darüber nicht nachdenken.

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