Exklusives AZ-Interview Ski-Ass Josef Ferstl: "Ich weiß jetzt, dass ich's drauf hab'"

"Das ist echt krass, das ist das Rennen im Jahr, das jeder gewinnen will", sagt Josef Ferstl über seinen Streif-Sieg. Foto: imago images / Sven Simon

In der Vorsaison hat Josef Ferstl sensationell in Kitzbühel gewonnen. In der AZ erklärt der Ski-Star, wie sich seine Karriere dadurch verändert hat und nennt neue Ziele. "Top Ten muss mein Anspruch sein", sagt er.

 

München - Ski-Rennläufer Josef Ferstl aus Traunstein feierte bislang zwei Super-G-Siege – einen davon auf der legendären Streif in Kitzbühel. In der Abendzeitung spricht er über die Folgen seines Erfolges und die Ziele für die anstehende Saison.

AZ: Herr Ferstl, am Samstag starten Sie in Lake Louise in Ihre erste Weltcup-Saison nach dem Super-G-Sieg auf der Streif in Kitzbühel. Wie anders war Ihr Sommer heuer?
JOSEF FERSTL: Er war tatsächlich stressiger – wegen Kitzbühel. Viele Termine, Interviews, Einladungen! Aber es ist ja auch schön, dass man das machen darf und kann.

Sie haben Ihre eigene Gondel an der Hahnenkammbahn bekommen.
Eine Runde bin ich gefahren. Mein Vater war da, Familie, Bekannte, Freunde, alle meine Trainer: Die wollte ich alle dabei haben.

Aber die Ferstl-Gondeln fahren jetzt in Kitzbühel nicht hintereinander, oder?
Nein, mein Papa hat die Nummer 8 und ich die 53. Ich häng’ da in der Region Svindal umanand. Das war ein legendäres Fest! Es war wirklich viel los heuer. Die Zeit mit der Familie ist leider ein bisschen knapp geworden. Das Training war aber wie immer.

Ferstl: "Die Streif ist einfach immer schwer"

Gibt ein Streif-Sieg tatsächlich so einen Schub?
Du gewinnst halt im Mekka von Österreich, quasi im Herzen Tirols, das schwerste und spektakulärste Rennen überhaupt: Das ist echt krass! Das ist das Rennen im Jahr, das jeder gewinnen will. Das beste Rennen, was es gibt. Da werden die Sieger einfach noch mehr gewürdigt, vor allem von Kitzbühel – und auch von den anderen. Weil jeder, der da mal runtergefahren ist, weiß, was das bedeutet, hier zu gewinnen. Es gibt Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen – und manchmal gibt es da Abfahrten, die nicht würdig sind, dass man dort Medaillen vergibt. Ich habe aber noch nie gehört, dass jemand gesagt hat "Oh, heuer war Kitzbühel aber langweilig". Die Streif ist einfach immer schwer.

Das deutsche Kapitel war nach dem Doppelsieg Ihres Vaters 1978/79 ja viele Jahre lang recht dünn...
Wenn man heute die Geschichtsbücher aufschlägt, sind sie alle da: mein Papa, die Neureuthers, der Thomas (Mannschaftskollege Dreßen, d. Red.) und jetzt ich – der Wahnsinn! Tendenziell sind wir, wenn’s eisig und schwer wird, besser zurechtgekommen als auf einfachen Pisten. Das hört sich jetzt verdammt blöd an, aber als Kitzbühel-Sieger denkst du: "Jetzt gewinnst du auch die einfachen Strecken". Das klappt aber nicht. Auch auf den einfachen Strecken schnell zu sein, ist das Schwere. In Kitzbühel geht es einfach von oben bis unten zur Sache. Die anderen nehmen sich vielleicht mehr vor, wir Deutsche sind die Außenseiter, und so schreibt der Sport dann seine Geschichten.

Welche Lehren haben Sie aus dem Streif-Sieg gezogen?
Dass ich’s einfach drauf habe! Man fährt immer mit, es ist ja auch toll, Zehnter oder Fünfzehnter zu werden – da geht es ja oft nur um Hundertstel, so knapp ist das alles. Wenn man dann aber mal gewinnt und weiß, man ist an diesem Tag der Beste auf der ganzen Welt, dann sagt man sich: "Okay, ich kann jeden schlagen!" Das gibt Selbstbewusstsein, dann gehen manche Dinge von alleine.

Ferstl: Neureuther hat die richtige Entscheidung getroffen

Die Saison 2019/20 ist eine Zwischensaison: ohne WM, ohne Olympia. Was sind die Highlights in diesem Winter?
Jedes Rennen ist für uns wichtig. Es geht ja nicht nur um die Einzelrennen, es gibt ja auch eine Kugel: die des Gesamtsiegers in Abfahrt oder Super G. Da will man vielleicht auch mal ranschnuppern oder sie vielleicht sogar mal gewinnen. Das bedeutet aber: im ganzen Jahr konstant schnell Ski fahren. Das ist schon so ein Ansporn, den ich mir gerade setze: immer vorn dabei sein! Wir reden nicht nur von Siegen und Podien, aber die Top Ten: Das muss jetzt mein Anspruch sein.

Hat sich in Ihrem sportlichen Umfeld etwas verändert seit Kitzbühel?
Einen neuen Servicemann habe ich bekommen: den von Lindsey Vonn, Heinz Hämmerle. Ein Österreicher. Der ist prominenter als ich, hat schon Bode Miller und Patrick Ortlieb gehabt. Ich hab’ schon zu ihm gesagt: "Mach’s nicht zu schnell, sonst erfahr’ ich’s nimmer!"

Wie ist das Leben im DSV-Team ohne Felix Neureuther?
Mit ihm verlieren wir einen der sympathischsten und besten deutschen Skifahrer. Er ist immer vorausgegangen, hat uns in Perfektion den Weg vorgelebt, wie man es macht. Aber ich denke, er hat die richtige Entscheidung für sich getroffen, für die Familie. Schade für uns, aber das Leben geht auch nach dem Sport weiter. Das wird die ersten zwei, drei Rennen komisch sein, aber dann entwickelt sich der Skisport trotzdem weiter und es wird genauso spannend, interessant und spektakulär sein.

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