Exklusives AZ-Interview Marie Lang: "Ich bewundere Sophie Scholl, Angela Merkel und Mutter Teresa"

Am Donnerstag will Marie Lang gegen Aleksandra Sitnikova den WM-Titel in einer dritten Gewichtsklasse (65 Kilo) holen. Foto: BrauerPhoto

Münchens Kickbox-Queen Marie Lang spricht exklusiv in der Abendzeitung über starke Frauen, den Kampf der Suffragetten, die #MeToo-Debatte, den alltäglichen Sexismus und freizügige Bilder.  

 

Die Münchner Kickbox-Queen Marie Lang (32) will sich am Donnerstag gegen Aleksandra Sitnikova den WM-Titel in einer dritten Gewichtsklasse (65 Kilo) holen.

AZ: Frau Lang, Sie sind seit 2015 Kickbox-Weltmeisterin – lassen Sie uns doch mal über starke Frauen reden.
MARIE LANG:
Sehr gerne.

Wie definieren Sie Stärke?
Stärke ist – unabhängig vom Geschlecht –, wenn sich jemand in seinen Überzeugungen nicht beirren lässt, auch dann nicht, wenn die Umstände und die Außenwelt dagegen sind. Stärke ist, wenn jemand nicht aufgibt, immer sein Bestes gibt. Die wahren Sieger sind die, die sich selbst besiegen, indem sie immer das Maximum aus sich heraus holen, die sich auch von Rückschlägen und schlechten Phasen nicht beirren lassen. Wer für seine Überzeugungen, sein Selbst kämpft, zeigt Stärke. Dafür gibt es ja viele prominente Beispiele, aber es gibt eben auch viele Heldinnen des Alltags, die keiner groß wahrnimmt, die aber in ihrem Kosmos große Stärke zeigen. Für mich gehört meine Mama dazu, die als alleinerziehende Mutter meine Schwester und mich großgezogen hat, und – ohne mich jetzt selbst loben zu wollen – einen guten Job gemacht hat.

Marie Lang: "Ich kann abrufen, was ich brauche"

Was würden Sie als Ihre persönliche Stärke bezeichnen?
Meine Stärke liegt im mentalen Bereich, was schwer zu glauben ist, weil ich immer sehr schüchtern war, ich im Training sehr an mir zweifle und extrem selbstkritisch bin. Das ist superanstrengend, für alle anderen und für mich. Ich bin da auch einfach zu nett, weil ich die, die mir gegenübersteht, kenne und ich ihr nicht wehtun will. Wenn es aber drauf ankommt, ich im Ring stehe, kann ich immer eine Schippe drauflegen. Ich bin keiner dieser Trainingsweltmeister, der im entscheidenden Moment zur Salzsäule erstarrt. Ich weiß nicht, wie ich es mache, aber es war Gott sei Dank schon immer so. Irgendwie lege ich dann alle Hemmungen ab und kann das abrufen, was ich brauche. Das ist sicher meine Stärke.

War das immer schon so? Konnten Sie etwa auch in der Schule im richtigen Moment die besten Leistungen zeigen?
(lacht) Ganz sicher nicht. Das Zeugnis sagt da etwas anderes.

Angela Merkel ist für Marie Lang ein Vorbild

Wer ist in Ihren Augen im Moment eine besonders starke Frau, ein Vorbild?
Ich sehe nach wie vor Bundeskanzlerin Angela Merkel in dieser Rolle ganz weit vorne. Egal ob man sie mag oder nicht, ob man mit ihr politisch übereinstimmt – oder nicht. Ganz unabhängig von der Politik, für die sie steht, ist sie eine wahnsinnig starke Frau, die sich in einem absoluten Männerbusiness durchgesetzt hat. Das nötigt mir allerhöchsten Respekt ab. Vor allem, wenn man sieht, was auf sie in den letzten Jahren an Kritik eingeprasselt ist. Da zu bestehen, nicht einzubrechen, zeugt von großer innerer Stärke. Aber es gibt natürlich noch viele andere starke Frauen, die ich bewundere.

Zum Beispiel?
Sophie Scholl, die Widerstandskämpferin der Weißen Rose gegen den Nationalsozialismus. Dieser Mut, im Angesicht des Todes weiter zu seinen Überzeugungen zu stehen und das eigene Schicksal hinten anzustellen, weil man für sich selber weiß, dass man für eine Sache kämpft, die wichtiger ist als das eigene Leben, ist eine unglaubliche Stärke. Die Geschichte kennt viele Frauen, die durch die Kraft ihrer Herzen die Welt verändert haben oder die Menschen über Generationen zum Nachdenken und Mitleiden bewegt haben. Nehmen Sie Anne Frank, nehmen Sie Mutter Teresa.

Die Ordensschwester und Missionarin, die sich selbstlos um Kranke und Obdachlose gekümmert hat und dafür 2016 sogar heiliggesprochen wurde.
Sie hat sich für die Kranken und Sterbenden aufgeopfert, war an ihrer Seite, als sich fast alle abgewendet haben. Auch wenn sie nicht unumstritten ist, hat sie sicher das Wohl der Armen über ihr eigenes gestellt. Ich habe auch allergrößte Bewunderung vor den Suffragetten, die Anfang des 20. Jahrhunderts das Frauenwahlrecht erstritten haben. Die Welt wäre eine andere und sicher keine bessere ohne all diese Frauen, diese Vorkämpferinnen. Sie sind Vorbilder für alle Frauen, dass man sich nicht unterbuttern lässt, dass man für andere Frauen, die vielleicht diese Stärke aus welchen Gründen auch immer nicht in sich haben, mitkämpft. Als Modedesignerin bewundere ich auch Coco Chanel. Viele vergessen, wenn sie den Namen Chanel hören, dass Coco eine Pionierin war, die ihr eigenes Modeunternehmen gegründet hat, das war Anfang der 1910er Jahre. Damals war es vollkommen unüblich, dass Frauen so etwas machen, sie mussten große Widerstände überwinden. Frauen, die ihr Ding machen, egal ob die öffentliche Meinung das in dem Moment gutheißt, beeindrucken mich sehr.

"Ich spiele mit Sexyness"

Trotzdem werden Frauen oft auf ihr Äußeres reduziert – auch Sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, mit Ihrer Optik zu spielen.
Unbestritten bewegt man sich da in einem Grenzbereich, ich muss mich oft für die Bilder rechtfertigen. Aber ich mache nur das, was mir gefällt, womit ich mich selber wohlfühle. Das ist eine totale Grenze, darüber muss man nicht diskutieren, denn ich spiele mit Sexyness. Ich bin etwa bei einem Sportevent, trotzdem bin ich geschminkt. Ich will in erster Linie als Sportlerin ernst genommen werden und nicht das Stigma haben: Die sieht ja ganz nett aus, und deswegen macht sie das. Ich finde, man kann mit der Weiblichkeit spielen. Ich bin kein Kerl, muss mich auch nicht so kleiden und geben, nur, damit man mich ernst nimmt. Aber: Man muss auch heute als Frau immer noch für die rein sportliche Anerkennung kämpfen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Die #MeToo-Debatte hat sicher einiges verändert, sind Sie selber jemals Opfer sexueller Gewalt geworden?
Zum Glück nicht im extremen Rahmen. Aber einer der Gründe, weshalb ich mit Kickboxen angefangen habe, war meine Unsicherheit. Als ich 16 Jahre alt war, habe ich mir viel gefallen lassen, weil ich nicht wusste, wie ich damit umgehen soll. Ich war überfordert. In der Disco haben mir Jungs einfach an den Hintern gelangt. Ich habe es weggelächelt, obwohl mir nicht danach zumute war. Heute würde ich anders reagieren, ich würde mich gegen diese Grenzüberschreitung wehren, ihn zur Rede stellen und notfalls körperlich eine Grenze ziehen. Sexismus hat ja viele Formen. Wir hatten gerade den Equal-Pay-Day. Es kann nicht angehen, dass es im Jahre 2019 immer noch traurige Realität ist, dass Frauen für die gleiche Arbeit weniger verdienen als Männer. Solange das so ist, muss das Thema öffentlich bleiben. In einer perfekten Welt würde man nicht darüber reden müssen, ob jemand Mann oder Frau ist, sondern nur, wer der Beste ist.

 

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