Exklusiv und privat wie nie Grit Boettcher: Ihre lächelnde Lebensbeichte

Grit Boettcher wohnt mit ihren zwei Kindern bei München. Heute im Handel: Grit Boettchers "Auf ein Lächeln" (Eden Books). Foto: Schneider-Press/Erwin Schneider/Mathias Vietmeier

Zwischen Harald Juhnke, Karlheinz Böhm und einem Achterbahn-Alltag: Grit Boettcher (80) hat das Land zum Lachen gebracht. In ihrem Buch gibt sie erstmals auch tragische Einblicke. Die AZ zeigt Auszüge.

 

"Es kommt, wie es kommt", hat Grit Boettcher (80) von ihrer geliebten Mutter (†88) gelernt. Und, dass sie kein Drama daraus machen soll, sondern immer das Beste. "Das tue ich bis heute", sagt Grit, die Deutschland jahrzehntelang wie kaum jemand zum Lachen gebracht hat. Doch privat erlebte die erfolgreiche Komödiantin ("Ein verrücktes Paar", "So ein süßes kleines Biest") schlimme Tragödien.

Über Vieles hat sie nie gesprochen – oder nachgedacht. "Ich habe alles Fürchterliche gedanklich in Schubladen gesteckt, die ich nie wieder öffnen wollte", sagt Grit zur AZ. Am heutigen Donnerstag erscheint ihre erste Autobiografie "Auf ein Lächeln" (Eden Books, 256 Seiten). In dem Buch, das die Schauspielerin mit Renate Schramm, langjährige Ressortleiterin der Abendzeitung, geschrieben hat, nimmt sie kein Blatt vor den Mund.

AZ zeigt Auszüge aus ihrer Lebensbeichte. Grit Boettcher über ...

DIE PREMIERE ALS SCHAUSPIELERIN BEIM "EHEKARUSSELL"

Dann ist es so weit: Der Vorhang geht auf – und ich bin nicht mehr Grit aus Spandau, sondern eine junge Schwedin. Im Finale liege ich auf der Terrasse, das Anthroposophen-Paar sieht mich durchs Fenster. "Oh Gott, die ist ja nackt", sagt der Mann. "Ich komme jetzt rein", rufe ich mit meinem Akzent. Dass die Zuschauer in den letzten Reihen ihre Köpfe recken, manche sogar aufstehen, kriege ich nicht mit. Das wird mir hinterher erzählt. Halbnackt, ein Handtuch um die Brust, das andere um die Hüften, tauche ich in der Tür auf, rekle mich etwas lasziv und bekomme allein fast so viel Beifall wie alle zusammen beim Schlussapplaus.

DAS KENNENLERNEN MIT JUHNKE

Etliche prominente Kollegen schauen sich das "Ehekarussell" an. Auch Harald Juhnke. Hinterher begrüßt er mich, macht mir Komplimente und lädt mich "auf einen Absacker" in eine benachbarte Bar ein. Als ich ihn vertröste, schreibt er mir seine Telefonnummer auf: "Falls du mal Zeit hast." Er wirft mir eine Kusshand zu und sagt im Gehen: "Auf der Bühne bist du nicht so unnahbar."

Grit Boettcher wurde vergewaltigt

DIE VERGEWALTIGUNG

Ich sehe ein Sofa, ein breitschultriger, beleibter Typ sitzt darauf. Er winkt mich heran und verzieht die Lippen zu einem Lächeln. Aber seine Augen sind kalt, sie taxieren mich. Blicke, wie ich sie schon einmal auf unserer Flucht zurück nach Berlin erlebt habe. Wie damals wird mir etwas schwindelig. Ich will weg. Sofort. Doch da ist der Fremde schon bei mir, fasst mich fest am Arm und zieht mich zur Couch. "Hab dich nicht so", höre ich ihn sagen. Was dann passiert, kann und will ich bis heute nicht in Worte fassen. Irgendwann ist er weg. Ich habe nicht die Kraft, aufzustehen. Möchte einschlafen und nie wieder aufwachen.

HEINZ RÜHMANN

Während der Drehpausen oder in der Kantine möchte er manchmal, dass ich mich zu ihm setze. Ansonsten hält er zu allen Distanz. "Sie haben sich immer unter Kontrolle", sage ich zu ihm. "Vor der Kamera und auch privat. Das stelle ich mir schwer vor. Ich kann das nicht." Er lächelt kurz und erwidert: "Das müssen Sie auch nicht. Bleiben Sie einfach so, wie Sie sind, junge Frau." Am letzten Drehtag bietet er mir das Du an. Vor lauter Hochachtung sieze ich ihn weiter. Vor der Premiere ruft er mich an: "Nur damit du es weißt, Grit: Ein Reporter hat mich gefragt, wie ich dich finde. Ich habe gesagt, dass du kürzlich bei meiner Frau und mir zum Essen gewesen bist. Dass du gar nicht da warst, wissen ja nur wir beide."

Neues Buch von Grit Boettcher im Handel

DIE LIEBE ZU ZWEI MÄNNERN (UND DAS CHAOS)

Etwas atemlos stehe ich vor Wolfgang (Belstler; Leiter der "Abendschau" und Grits zweiter Ehemann, Anm. d. Red.) und strahle ihn an: "Wir bekommen ein Baby!" Seine Augen leuchten noch blauer als sonst. "Wie wunderwunderbar! Mein Mutzelchen, damit machst du mit das schönste Geschenk meines Lebens." Wir sitzen auf der Terrasse und stoßen mit Wein und Wasser an. "Auf dich und uns und unser Kind!" Wolfgang zögert. "Und hoffentlich auf die Scheidung. Hast du schon Herrn Lange informiert?" Ich schüttle den Kopf. Auf dem Weg zu Heinz (Lange; Internist, Psychotherapeut und Grits erster Ehemann, Anm. d. Red.) überlege ich hin und her, wie ich es ihm sagen soll. Als ich ihn in einem Straßencafé treffe, reagiere ich – wie so oft – spontan: "Heinz, ich wollte es dir persönlich sagen: Ich bekomme ein Baby. Ich habe respektiert", erinnere ich ihn, "dass du nicht Vater werden wolltest. Und bitte dich jetzt, Verständnis für mich zu haben." "Dass meine Frau ein Kind von einem anderen Mann bekommt, das geht ganz und gar nicht. Das verstößt gegen meine Ehre. Und sorgt zusätzlich für Gerede." (...)

Als er zurückkommt, ist sein Gesicht etwas entspannter: "Ich habe die Lösung: Wir lassen uns scheiden. Und wenn das Kind da ist, heiraten wir wieder. Eine geschiedene Frau mit Kind zu ehelichen, auch wenn’s die Ex-Frau ist, darüber regt sich niemand auf. Ich möchte vorab eine schriftliche Bestätigung, dass du mich danach wieder heiratest."

DIE ARBEIT MIT HARALD JUHNKE

Als ein Theatermitarbeiter Harald mit dem Auto zur Vorstellung abholt, bittet dieser unterwegs: "Halt mal und warte nicht auf mich. Ich komme gleich nach, muss nur noch was erledigen." Die Erledigung dauert zehn Tage. Niemand weiß, wo Harald steckt. Aber alle sind sich einig, er macht eine "Kneipen-Kur". Eines Abends, eine Stunde vor Spielbeginn, taucht Harald in der Garderobe auf, begrüßt zuerst uns, als wäre nichts passiert, und danach gut gelaunt die Zuschauer: "Da sind Sie wohl erstaunt, dass ich wieder da bin!" Riesenapplaus. Seiner Hammer-Ausstrahlung kann sich niemand entziehen.

GEORG "THOMMY" THOMALLA

Nach ein paar Spieltagen fragt mich der 23 Jahre ältere Thommy besorgt: "Was ist los mit dir, Grit? Du wirst zusehends dünner. Isst du nichts?" Um ihm meine Probleme zu ersparen, mache ich es kurz: "Ich habe gerade wenig Appetit."

"Das werden wir ändern", entgegnet er. "Du bist eine tolle Kollegin. Ich möchte dem Publikum und uns allen ersparen, dass du auf der Bühne umkippst." Von da an kehrt er nach jeder Vorstellung mit mir im Palais Keller am Promenadeplatz ein, bestellt mir ein Kesselgulasch und achtet darauf, dass ich zugreife.

KARLHEINZ BÖHM

Irgendwann bekomme ich per Post ein Gedicht von Karlheinz, es folgen weitere. Er schreibt melodiös und etwas mystisch. Einmal lädt er mich nach Baldham ein, ins Haus seiner Eltern. "Schade, dass Sie meinem Sohn nicht früher begegnet sind", sagt sein Vater, der berühmte Dirigent Karl Böhm, beim Abschied. "Bis sehr bald mal", sagt Karlheinz und küsst mich auf den Mund. Am nächsten Vormittag bin ich unten im Keller und hänge die Wäsche aus. Ich singe vor mich hin, bücke mich – und plötzlich umfassen mich von hinten zwei Arme. Ich kenne den Duft, der dazugehört: Karlheinz. "Wir können nicht einfach so auseinandergehen", raunt er mir ins Ohr und trägt mich in den Vorraum. Da steht ein altes Sofa, bedeckt mit einer Felldecke. Zärtlich bettet er mich darauf, und es passiert, was schon die ganze Zeit zwischen uns in der Luft lag.

DIE FEHLGEBURTEN

Ich bin so erschüttert, dass ich nicht mal weinen kann. Ich fühle mich leer, nicht nur im Bauch. Wieder ist es mir nicht vergönnt, Mutter zu werden. Ist es das sechste Mal? Ich zähle nicht nach. Jedes Mal ist es einmal zu viel gewesen. Der kleine Wolfgang, der knapp zwei Tage auf dieser Welt sein darf, bekommt ein Kindergrab. Bei der Beisetzung bin ich nicht dabei. Ich bin zu schwach.

DAS VERRÜCKTE PAAR

"Kleene, ick sag dir, dat wird watt. Du, Grit, und der Harald, ihr zwee schreibt ab heute Fernsehgeschichte." Wolfgang Rademann berlinert noch schneller als sonst am Telefon. Ein Zeichen, dass er in Hochstimmung ist. Es ist Sonntag, der 20. Februar 1977. Ein paar Stunden nach Wolfgangs Anruf startet im ZDF Deutschlands erste Sketch-Comedy. Die Serie ist ein Knaller, wie es Wolfgang prophezeit hat. In den drei Sendejahren haben wir meist 20 Millionen Zuschauer. Total betrunken erlebe ich Harald in der Zeit nie. Nur beschwipst. Unterwegs in Hotels trinkt er jedes Mal die Minibar leer. Erst den Champagner, dann den Weißwein, danach den Rotwein, hinterher das Bier und die Schnäpse. "Warum lässt du nicht wenigstens die Schnäpse weg?", möchte ich wissen. "Das ist wie eine Seifenkiste ohne Bremse", sagt er. "Mit der rase ich den Berg runter. Das macht Spaß, und da fahre ich, solange es geht." Harald ist neun Jahre älter als ich. Aber in meinem Herzen ist er für mich eine Art jüngerer Bruder, den ich lieb habe. Und ein Familienmitglied, um das ich mich kümmere.

 

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